"Viele verkriechen sich unter der Bettdecke . . ."

Butzbach (dpa). Gefängnisdirektor Jörg Peter Linke weiß es aus Erfahrung: "An Weihnachten ist das Gefangensein besonders schwierig." Da können selbst die härtesten Jungs sehr sentimental werden. Also versucht der Leiter der Justizvollzugsanstalt in Butzbach "das Klima für alle in einem erträglichen Rahmen zu halten".

Butzbach (dpa). Gefängnisdirektor Jörg Peter Linke weiß es aus Erfahrung: "An Weihnachten ist das Gefangensein besonders schwierig." Da können selbst die härtesten Jungs sehr sentimental werden. Also versucht der Leiter der Justizvollzugsanstalt in Butzbach "das Klima für alle in einem erträglichen Rahmen zu halten". Das sei vor allem "die Spezialität" der drei Seelsorger" in seinem Haus, in dem mehr als 500 Männer Freiheitsstrafen absitzen. Die Festtage der Freude und Nächstenliebe sind für sie Tage des Frustes und der Depression. Nicht bei allen, aber bei sehr vielen.

Der katholische Anstaltsgeistliche Pater Georg will nichts schönreden, während er gestresst über die Gefängnisflure hastet: "Die Stimmung unter den Häftlingen an Weihnachten ist furchtbar. Viele verkriechen sich unter der Bettdecke, versuchen die Feiertage zu verschlafen." Zu den wenigen Abwechslungen gehören die Gottesdienste. "Mancher Pfarrer wäre froh, wenn seine Gottesdienste nur annähernd so gut besucht sind wie hier", sagt Linke.

Wenn Pater Georg nicht gerade etwas für die Feiertage organisiert, spendet er den Häftlingen Trost. "Der Bedarf an Seelsorge ist groß - größer, als ich sie leisten kann." Das Wichtigste sei Zuhören. "Das ist mehr wert als Ratschläge zu verteilen. Denn die können manchmal auch wie ein Schlag sein -- und davon haben wir hier genug." Was er damit genau meint, sagt er nicht.

Einige Meter weiter sitzt Basiliyos D. auf dem Bett seiner Neun-Quadratmeter-Zelle und berichtet über die Atmosphäre so kurz vor Weihnachten. "Im Englisch-Kurs merke ich, dass die anderen ziemlich deprimiert sind." Auch ihm geht es nicht gut. Eingesperrt wegen versuchten Totschlags, hat er knapp drei seiner fünf Jahre abgesessen. Der 29-jährige Türke hat seine Verlobte während der Knast-Zeit verloren, seinen Vater seit Jahren nicht mehr gesehen. Weihnachten ist für ihn kein Stimmungsaufheller. "Ich blende das emotional aus, weil es mir sonst zu nahegeht."

Erfreulich ist, dass es wieder eine kleine Geschenke-Tüte gibt, wie Basiliyos D. weiß. "Da sind Kekse, Obst und Süßes drin", sagt der Gefängnisbeamte Harald Hißner. Freuen können sich die Häftlinge in Butzbach auch auf die Festmahlzeiten. Am ersten Feiertag kommt der Küchenwagen an die Zellentüren und serviert Entenkeulen. "Wir wollen der besonderen Situation Rechnung tragen", heißt es dazu im Bürokraten-Deutsch aus dem Justizministerium in Wiesbaden. "Das Essen ist gut hier, nicht nur an Weihnachten", lobt Basiliyos D. und zündet eine Kerze auf dem Tisch an. Die sei an Weihnachten gemäß der Vorschriften ausnahmsweise in den Zellen gestattet, erklärt Anstaltsleiter Linke.

Auf den Fluren der 1894 eröffneten JVA - sie ist eine der ältesten in Hessen - werden derweil Tannenbäume angeliefert. "Jede Station bekommt einen", sagt Linke. Und als hätten die Gefangenen darauf gewartet, beginnen sie direkt mit dem Schmücken. "Das ist etwas Besonderes. Jedes Jahr entsteht ein regelrechter Wettkampf, wer den schönsten Baum hat", beobachtet Linke. "Selbst hartgesottene Verbrecher greifen dann zu Kugeln und Lametta, versuchen etwas Kunstvolles zu machen."

Sven P. hat keine Lust darauf. Der Mann mit den langen Haaren und den vielen Tattoos hockt müde auf dem Stuhl in seiner Zwölf-Quadratmeter-Zelle, die er sich mit einem anderen teilt. "Je mehr es auf die Feiertage zugeht, desto mehr denkt man an zu Hause, an Frau und Kind." Es sei nicht leicht. "Ich versuche mich so gut wie möglich abzulenken und schreibe Briefe." Er will Weihnachten tunlichst verdrängen. "Meine Frau versucht, das Thema bei Besuchen erst gar nicht anzusprechen." Auch der Fernseher - Kabel-TV mit rund 30 Programmen - bietet in diesen Tagen nicht immer die gewünschte Zerstreuung. Wenn Sven P. glitzernde Weihnachtswerbung in der Glotze sieht, schaltet er schnell um. "Das brauche ich wirklich nicht." Heiligabend wird seine Zelle um 17 Uhr zugeschlossen.

5000 Gefangene in Hessen hinter Gittern

Rund 5000 Häftlinge verbringen in Hessen die Weihnachtstage hinter Gittern. "Es gibt an Weihnachten immer ein besonderes Essen, die Anstalten sind geschmückt mit Weihnachtsbäumen", sagte eine Sprecherin des Justizministeriums in Wiesbaden. Ein staatliche Bescherung gebe es in den Gefängnissen nicht. Dafür organisierten häufig Ehrenamtliche und wohltätige Initiativen Geschenke.

Wie sehr die Justizvollzugsanstalten auf Weihnachten eingehen, bleibt ihnen überlassen. "Es gibt keine Verordnung über Weihnachten in der JVA", sagte die Sprecherin.

Weihnachten in Freiheit können jene Gefangene feiern, die von der jährlichen Weihnachtsamnestie profitiert haben. Sie kamen bereits am 18. November frei. Bedingung war ein reguläres Ende der Haftstrafe bis 5. Januar und gnadenwürdiges Verhalten. Die Zahl der entlassenen Häftlinge konnte das Ministerium nicht nennen. In den vergangenen Jahren waren zwischen 105 und 180 Gefangene vorzeitig freigekommen.

Justizminister Jürgen Banzer (CDU) wird an Heiligabend das Gefängnis in Wiesbaden besuchen und Justiz-Mitarbeiter treffen. Wie in den Vorjahren soll ihn seine Ehefrau begleiten. Justiz-Staatssekretär Thomas Schäfer besucht an Heiligabend die Haftanstalt Weiterstadt. Während die Mitarbeiter in reduzierter Feiertagsbesetzung arbeiteten, engagierten sich die Gefängnispfarrer in diesen Tagen besonders, sagte die Ministeriumssprecherin.

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