Viele Sorgen, wenig Zahlen

  • vonDPA
    schließen

Wenn Partner oder Ehemänner prügeln, geschieht das oft hinter geschlossenen Wohnungstüren. Häusliche Gewalt findet vielfach im Verborgenen Stadt. Was bedeutet das in Zeiten der Corona-Pandemie?

Der Lockdown im Frühling zu Beginn der Corona-Pandemie hat tief in den Alltag der Menschen eingeschnitten: Kurzarbeit, Homeoffice, geschlossene Schulen - viele Familien verbrachten plötzlich sehr viel mehr Zeit zusammen in den heimischen vier Wänden als sonst üblich. Das kann eine Chance sein - aber auch eine Gefahr für solche Familien und Paare, die schon vor Beginn der Pandemie von körperlicher, seelischer oder sexueller Gewalt geprägt waren.

"Es besteht berechtigter Anlass zur Sorge, dass in der aktuellen Situation die Fälle zwischenmenschlicher Konflikte und damit auch häuslicher Gewalt zunehmen", betonte die hessische Justizministerin Eva Kühne-Hörmann (CDU) im April, also mitten in der Zeit des Lockdown.

Hinschauen, hinhören - das ist um so wichtiger, wenn Betroffene von Gewalt angesichts von Abstandsregeln, Kontaktbeschränkungen und dem heruntergefahrenen öffentlichen Leben unsichtbar zu werden drohen. Keine Kollegin, keine Lehrer oder Erzieher, die Fragen zu verdächtigen blauen Flecken stellen oder verändertes Verhalten bemerken können. Nun hat sich der Alltag ein großes Stück normalisiert - sind die Befürchtungen denn eingetreten?

"Wir haben erwartet, dass die Anrufe bei den Nottelefonen hochgehen wie sonst nach den Feiertagen", sagt Beate Herzog, Referentin für Gewaltschutz im Frankfurter Frauenreferat. "Aber wir konnten keinen signifikanten Anstieg bemerken." Im Gegenteil, teils gab es weniger Anrufe - was natürlich auch daran liegen kann, dass Betroffene nicht ungestört und ungehört telefonieren konnten. Auch bei den Frauenhäusern sei im Vergleich zu den Monaten vor der Pandemie keine erhöhte Nachfrage bemerkt worden. Über die tatsächlichen Vorfälle häuslicher Gewalt sagt das allerdings wenig. "Die Dunkelziffer in diesem Bereich ist hoch", betont Herzog.

Viele Beratungsstellen gehen nach Angaben des Bundesverbands der Frauenberatungsstellen davon aus, dass vor allem dann, wenn die Krise abklingt und wieder Freiräume vorhanden sind, sich viele Frauen und Mädchen an die Beratungsstellen wenden werden, "um das Erlebte zu bewältigen und Schritte zu einem gewaltfreien Leben zu planen".

Ähnliches gilt für Anzeigen - schließlich können auch Ohrenzeugen von Gewalt in der Nachbarwohnung die Polizei rufen. "Es wurden keine überdurchschnittlichen Anzeigeneingänge zu häuslicher Gewalt verzeichnet", so eine Polizeisprecherin in Frankfurt. Für zuverlässige Aussagen sei es aber noch zu früh - dafür müsse ein längerer Zeitraum mit den Vorjahren verglichen werden. Ein Anstieg der angezeigten häuslichen Gewalt war jedenfalls in den vergangenen Jahren bemerkbar - von 1327 Fällen im Jahr 2017 zu 1595 Fällen im vergangenen Jahr allein in Frankfurt.

Auch hessenweit lässt sich nach Angaben des Justizministeriums bisher kein Anstieg der Fälle häuslicher Gewalt während der Coronakrise erkennen. "Dennoch ist davon auszugehen, dass die für die Eindämmung der Pandemie notwendigen Maßnahmen der Kontaktreduzierung mit einer Erhöhung von psychosozialen Belastungsfaktoren für die Bevölkerung einhergehen", hieß es dort.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare