Erdkunde beschäftigt sich intensiv mit den großen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts: Klimawandel, Armut, der Endlichkeit unserer Ressourcen, Nachhaltigkeit, der weltweiten Migration, geopolitischen Konflikten, Globalisierung und, und, und", sagt Professor Rainer Mehren im Interview mit dieser Zeitung. FOTO: JLU GIESSEN
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Erdkunde beschäftigt sich intensiv mit den großen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts: Klimawandel, Armut, der Endlichkeit unserer Ressourcen, Nachhaltigkeit, der weltweiten Migration, geopolitischen Konflikten, Globalisierung und, und, und", sagt Professor Rainer Mehren im Interview mit dieser Zeitung. FOTO: JLU GIESSEN

Viel mehr als Stadt, Land, Fluss

  • Burkhard Bräuning
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Ein Atlas war mal das Fenster zur Welt. Das war zu der Zeit, als die meisten Menschen noch nicht in die Ferne reisen konnten. Als es Google Earth noch nicht gab. Gar nicht so lange her, aber fast schon vergessen. Ein Atlas war das Buch für den Erdkundeunterricht. Geografie war schon damals mehr als nur Stadt, Land, Fluss. Nun soll in Hessen das Schulfach abgeschafft werden. Dagegen regt sich Protest. Wir sprachen mit Prof. Rainer Mehren von der Uni Gießen.

Im Januar schrieb die Frankfurter Rundschau: "Hessiche Professoren streiten für Erdkunde". Die Lehrer, hieß es weiter, fürchteten, dass ihr Fach an den Rand gedrängt werde. Der Grund: Das Land will die politische Bildung stärken. "Alles zusammen passt aber nicht in den Stundenplan", schrieb die Rundschau. Prof. Mehren erläutert die Hintergründe. Zwei weitere Interviews zu dem Thema folgen.

Herr Professor Mehren, wie heißt der längste Fluss Australiens?

Das weiß ich leider nicht.

Und die Hauptstadt von Tuvalu?

Ich kenne ehrlich gesagt nicht einmal das Land. (lacht)

Sie sind Professor am Institut für Geografie an der Uni Gießen und bilden dort zukünftige Erdkundelehrer aus. Muss man da nicht alle Hauptstädte der Erde aufsagen können und wissen, welche großen Flüsse es gibt?

Ein gutes topografisches Orientierungswissen ist sehr sinnvoll. Dabei geht es aber weniger darum, alle Hauptstädte der Erde aufsagen zu können. Orientierungswissen hilft Ihnen zum Beispiel, aktuelle Problemlagen richtig einzuschätzen. Nehmen wir den Krieg in Syrien. Dieser ist maßgeblich durch den Eingriff von Russland eskaliert. Die Russen unterstützen unter anderem das Assad-Regime deshalb, weil sie in Syrien ihren einzigen Marinestützpunkt im Mittelmeer haben. Der Zugang zum Mittelmeer ist für das russische Militär von strategischer Bedeutung. In solchen Kontexten kann Orientierungswissen Augen öffnen. Und genauso ist es nützlich zu wissen, wo der Spessart liegt, wenn Sie ein erholsames Wochenende planen.

Welches Bild haben denn Eltern heute vom Schulfach Erdkunde. Immer noch das von so einer Art "Stadt, Land, Fluss"?

Eltern erwarten auch weiterhin vom Erdkundeunterricht, dass er ein vernünftiges Orientierungswissen vermittelt. Und das zu Recht. Wenn ich bei Freunden eingeladen bin und meinen Blick über deren Bücherregal schweifen lasse, dann entdecke ich häufig noch zwei Bücher aus deren Schulzeit. Das eine ist die Bibel und das andere ist der Schulatlas. Damit kann ich als Geograf sehr gut leben (lacht). Aber der moderne Erdkundeunterricht leistet natürlich viel mehr. Und mein Eindruck ist, dass auch die allermeisten Eltern sehen, wie wichtig das Schulfach für die Zukunft ihrer Kinder ist.

Und was leistet das Fach Erdkunde nun genau?

Erdkunde beschäftigt sich intensiv mit den großen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Klimawandel, Armut, der Endlichkeit unserer Ressourcen, Nachhaltigkeit, der weltweiten Migration, geopolitischen Konflikten, Globalisierung und, und, und. Darum wird Erdkunde auch häufig als das Zukunftsfach bezeichnet.

Spielen diese Themen nicht auch in anderen Fächern eine Rolle?

Der Erdkundeunterricht behandelt diese Themen sicherlich umfassender als andere Fächer, vor allem aber in ganz besonderer Weise. Das Fach Erdkunde ist einzigartig in der Schule. Sie haben auf der einen Seite die naturwissenschaftlichen Fächer wie Biologie, Chemie oder Physik - und auf der anderen Seite gesellschaftswissenschaftliche Fächer wie Geschichte oder Politik. Und dann ist da Erdkunde als "Brückenfach". Erdkunde ist sowohl Naturwissenschaft als auch Gesellschaftswissenschaft. Wir betrachten Dinge nicht isoliert, sondern behandeln die Probleme vernetzt. Wir denken Natur und Mensch konsequent zusammen. Vernetzung, das ist die große Stärke von Geografinnen und Geografen. Und diese vernetzte Herangehensweise ist eine der zentralen Schlüsselkompetenzen im 21. Jahrhundert. Nicht zufällig ist das Leitbild unserer Zeit die Nachhaltigkeit. Nachhaltigkeit meint, dass Wirtschaft, Umwelt und Soziales in Gleichklang gebracht werden sollen. Erdkunde symbolisiert diese nachhaltige Denkweise wie kein anderes Fach. Die meisten Probleme dieser Welt spielen sich im Spannungsfeld von Natur und Mensch ab. Denken Sie zum Beispiel an den Klimawandel.

Stichwort Klimawandel. Die Welt verändert sich, müssen sich nicht auch die Schulfächer ändern? Brauchen wir nicht dringend eher ein Schulfach "Klimawandel"?

Wir haben doch ein Schulfach Klimawandel, es heißt bei uns bloß Erdkunde. Im Erdkundeunterricht wird der Klimawandel in allen Schulformen, ob Hauptschule, ob Realschule, ob Gymnasium intensiv behandelt. Und zwar so, wie man das Thema angehen muss: vernetzt, zukunftsorientiert und lokal-global. Letzteres ist nämlich eine weitere Stärke des Fachs Erdkunde. Wir untersuchen die Themen nicht nur abstrakt auf globaler Ebene, etwa in dem wir den weltweiten CO2-Ausstoß analysieren. Wir holen die großen Themen auch auf die lokale Ebene herunter. Was bedeutet der Klimawandel für Hessen und seine Waldbestände? Wie müssen wir die Stadtplanung in Gießen anpassen, wenn die Durchschnittstemperaturen auch hier weiter steigen? Wie kann ich als Schülerin oder Schüler helfen, meine Schule klimaneutral zu machen? Wenn wir die Kompetenzen junger Leute im Bereich Klimawandel stärken wollen, müssen wir Erdkunde stärken.

Das heißt konkret?

Ich bin ein Bewunderer der #fridaysforfuture-Bewegung. Es beeindruckt mich sehr, wie stark sich junge Menschen aktiv für eine bessere Zukunft engagieren. Aber es reicht eben nicht, freitags zu protestieren. Man muss sich auch inhaltlich mit dem Phänomen Klimawandel auseinandersetzen. Man muss die Fakten kennen, die Zusammenhänge verstehen, Zukunftsszenarien beurteilen können und natürlich auch Akzeptanz für unterschiedliche Sichtweisen entwickeln. Darum unterstützen wir Gießener Geografieprofessorinnen und -professoren die Jugendlichen auch.

Trotzdem steht es um das Fach Erdkunde nicht zum Besten.

Wenn man nur die Zahlen nimmt, ja. Aber es ist völlig unverständlich, dass Erdkunde in Hessen so eine geringe Stellung hat. Ich nenne Ihnen einmal drei Zahlen, um dies zu verdeutlichen: Im Jahr 2018 haben rund 4000 Schülerinnen und Schüler in Hessen im Fach Geschichte ihre Abiturprüfung geschrieben. Im Fach Politik und Wirtschaft waren es sogar rund 5400. Und in Erdkunde? In Erdkunde lautet die Zahl 432. Und dass, obwohl Erdkunde bei den Schülerinnen und Schülern aufgrund der großen Zukunftsbedeutung, der spannenden Themen und der hohen Aktualität eines der beliebtesten Fächer ist. Es liegt daran, dass Erdkunde in Hessen strukturell benachteiligt wird.

Inwiefern ist das so?

In der gymnasialen Oberstufe ist das Fach Erdkunde bereits in der Einführungsphase kein Pflichtfach mehr, an zahlreichen Schulen wird es ab der Klasse 11 gar nicht mehr angeboten. Wenn doch, dann ist Erdkunde im Schulsystem eine Gesellschaftswissenschaft und in der Qualifikationsphase konkurriert es mit den Fächern Geschichte, Religion sowie Politik/Wirtschaft, aber auch Ethik und Philosophie. In Hessen müssen die Schüler in der Qualifizierungsphase für das Abitur, also in der 12. und 13. Jahrgangsstufe, Geschichte und Religion verpflichtend belegen. Dazu kommt noch die Belegpflicht für Politik/Wirtschaft in der Jahrgangsstufe 12. Wenn die Schülerinnen und Schüler dann auch noch Erdkunde wählen, dann tun sie dies zusätzlich zur verpflichtenden Stundenzahl. Die Folge ist, dass sie dann bis zu drei Stunden in der Woche mehr Unterricht haben. Eine solche Regelung frustriert alle Beteiligten.

Nun droht dem Schulfach Erdkunde in Hessen das Aus. Was genau plant das Kultusministerium?

Die schwarz-grüne Landesregierung hat in ihrem Koalitionsvertrag beschlossen, das Fach Politik/Wirtschaft noch weiter auszubauen. Unter anderem soll dieses Fach auch in der Jahrgangsstufe 13 verpflichtend gemacht werden. Wenn aber nach Geschichte und Religion nun auch noch die Belegung von Politik/Wirtschaft durchgängig vorgeschrieben wird, dann bleibt de facto kaum noch Platz für Erdkunde. Wenn diese Maßnahme so beschlossen wird, dann endet erdkundliche Bildung in Hessen für die Allermeisten in der achten bzw. neunten Klasse. Ausgerechnet eine Regierung mit den Grünen, bei denen 66-mal das Wort Nachhaltigkeit im Wahlprogramm stand, setzt die Axt an das Leitfach der Nachhaltigkeit. Das macht mich als Experten fassungslos. Und nebenbei: Als Vater von zwei Kindern, denen Schule eine zukunftsorientierte Bildung ermöglichen soll, macht mich das regelrecht wütend.

Was steckt hinter den Plänen der Landesregierung?

In unserer Gesellschaft sehen wir zunehmend populistische und radikale Tendenzen. Daher war die Überlegung der Landesregierung, die politische Bildung weiter zu stärken. Dieses Ansinnen kann ich sehr gut nachvollziehen. Dabei muss man aber sehen, dass politische Bildung nicht nur im Fach Politik/Wirtschaft vermittelt wird. Erdkunde leistet hier einen wesentlichen Beitrag. Warum wählen denn viele Menschen zurzeit rechts? Die Menschen sind verunsichert vom Tempo der Veränderung durch die Globalisierung. Sie sehen, wie die Dörfer teilweise veröden. Sie protestieren gegen die steigenden Mieten. Globalisierung, ländlicher Raum, Stadtentwicklung - das sind alles klassische Themen unseres Faches. Der Erdkundeunterricht hilft jungen Menschen die Komplexität dieser Probleme zu verstehen. Und vor allem stärkt er Jugendlichen darin, sich vor den vermeintlich einfachen Lösungen der Populisten zu hüten. Wir verhindern nicht den Klimawandel, indem wir behaupten, es gäbe ihn nicht. Wir lösen die Flüchtlingstragödie nicht, indem wir einfach einen Zaun um Europa bauen.

Kann man denn die Pläne der Landesregierung überhaupt noch stoppen?

Eine solch schwache Stellung des Faches Erdkunde wie in Hessen ist zumindest bundesweit Gott sei Dank eher die Ausnahme. In den allermeisten Bundesländern ist man sich über die große Bedeutung erdkundlicher Bildung sehr bewusst. Daher haben wir in den letzten Monaten zahlreiche Gespräche mit den Parteien im hessischen Landtag geführt. Oft war den Politikerinnen und Politikern nicht klar, was erdkundliche Bildung alles leistet. Das meine ich gar nicht als Vorwurf. Vielmehr ist es ein Auftrag an uns Geografinnen und Geografen, noch stärker nach außen zu tragen, wie vielfältig und wichtig unsere Disziplin ist. Deshalb freuen wir uns auch sehr, dass Ihre Zeitung das Thema aufgreift. Auch der hessische Landesschülerrat als höchstes Gremium aller Schülerinnen und Schüler hat sich offiziell für eine Stärkung von Erdkunde ausgesprochen.

Wie sieht es denn an den anderen Schulformen aus?

Die Stellung von Erdkunde ist nicht nur ein Problem an Gymnasien. An Haupt- und Realschule geht Erdkunde häufig in ein Verbundfach Gesellschaftslehre auf. Das ist ein Zusammenschluss von Erdkunde, Geschichte sowie Politik und Wirtschaft. Unsere Lehrkräfte sind dafür aber gar nicht ausgebildet. Man kann das Fach Gesellschaftslehre an Universitäten nicht studieren. In der Realität steht dann eine Lehrkraft vor der Klasse, die zum Beispiel Geschichte und Englisch studiert hat. Und die muss nun in diesem Verbundfach etwa die naturwissenschaftlichen Grundlagen des Klimawandels unterrichten. Wie soll das funktionieren?

Sehen Sie denn noch Chancen, dass sich die Situation des Fachs Erdkunde verbessert?

Wir leisten zurzeit an vielen Stellen Überzeugungsarbeit, in der Politik, in der Gesellschaft und auch in der Wirtschaft. Und ich habe das Gefühl, dass diese auch auf fruchtbaren Boden fällt. Immer mehr Leute verstehen, wie wichtig Erdkunde für unsere Zukunft ist. Immanuel Kant hat einmal gesagt: Nichts bildet und kultiviert den gesunden Menschenverstand mehr als die Geografie. Und wie könnte ich einem solch klugen Denker widersprechen. (lacht)

Rainer Mehren ist Professor für Didaktik der Geografie an der Universität Gießen und Bundesvorsitzender des Hochschulverbandes für Geografiedidaktik.

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