Vertreibung und Soldatenhandel

Nidderau. Im Rahmen der Serie "Nidderauer Hefte" hat die "lebendige Stadt mit Geschichte" jüngst ein weiteres, 64 Seiten starkes Druckwerk in einer Auflage von 400 Exemplaren aufgelegt. Es ist betitelt "Vertreibung, Auswanderung und Soldatenhandel in der Region Nidderau".

Das jetzt vorliegende Heft 12 ist in Klebebindung erstellt und mit vierfarbigem Umschlag ausgestattet. Interessierte können es ab sofort im Bürgerbüro der Stadt erwerben. Das heimatgeschichtlich orientierte Buch erinnert an Tragödien, deren hinterlassene Wunden bei uns mittlerweile vernarbt sind.

Dr. Bokorny von den "Heimatfreunden" Windecken berichtet über die Zeit, als Vertriebene aus dem Sudetenland auch in der Region Nidderau waggonweise "abgeladen" wurden. Anhand der Erzählungen von Zeitzeugen werden Erlebnisse bei der Aussiedlung und der Integration in der neuen Heimat geschildert. Gerd und Jörg Brodt vom Heimat- und Geschichtsverein Ostheim beschreiben die Auswanderungswellen, die Ostheim im 18. und 19. Jahrhundert erfassten. Ursache waren nicht jugendlicher Überschwang oder Abenteuerlust, sondern bittere Not und Perspektivlosigkeit in der alten Heimat.

Wilfried Herget vom Verein für Heimatgeschichte in Erbstadt erinnert an den blühenden Soldatenhandel, mit dem der Kurfürst von Hessen-Kassel die klammen Kassen auffüllte. Er schildert, wie auch junge Männer aus Erbstadt und Eichen "in die Pflicht genommen" wurden und was aus ihnen geworden ist. Die Gestaltung des von der Stadt herausgegebenen Heftes lag in den Händen von Ulrich Bitter aus Kilianstädten. Die Gesamtredaktion haben Dr. Richard Bokorny und Helmut Brück übernommen.

An der Entstehung dieses Heftes war abermals ein von der Stadt eingesetzter Arbeitskreis maßgeblich beteiligt. In diesem treffen sich sieben Ehrenamtliche aus den Stadtteilen. Sie sind zugleich Mitglieder lokaler Geschichts- und Heimatvereine. Gelegentlich werden fachkundige Spezialisten oder interessierte Gäste zu den Beratungen eingeladen. Diese sachkundigen Bürger konzipieren die "Nidderauer Hefte", die in zwangloser Folge erscheinen und die sich mit Kultur und Geschichte der Gegend befassen. Der Vorsitzende des "Arbeitskreises Nidderauer Hefte" ist Helmut Brück vom Geschichtsverein Heldenbergen.

Richard Bokorny, der den umfänglichsten Beitrag des Druckwerkes verfasst hat, weist resümierend darauf hin, dass die aus der Perspektive der Lokalgeschichte abgehandelten drei Themen weltweit gesehen auch heute noch brandaktuell seien. Ähnliche Dramen spielten sich leider in anderen Teilen der Welt immer noch ab. Dies sei ein Zeichen dafür, dass die Menschheit noch nicht genug aus der Geschichte gelernt habe. Flucht und Vertreibung seien immer noch beklagenswerte Erscheinungen, selbst in Europa, vor unserer Haustüre, wie vor kurzem auf dem Balkan die so genannten "Ethnischen Säuberungen" und ihre grausamen Begleiterscheinungen zeigten.

Das Phänomen der Auswanderung im 18. und 19. Jahrhundert wiederum offenbare Motive, die auch heute noch zahlreiche Menschen in oft lebensgefährliche Unternehmungen treiben. Die beinahe wöchentlich zu lesenden Berichte über verunglückte "Boat People" seien ein beredtes Beispiel dafür. Auch zu dem Thema Soldatenhandel gebe es Parallelen in der Jetztzeit. Ein besonders abschreckendes Beispiel seien die Kindersoldaten in Afrika.

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