Um ihre Fahrgäste besser zu informieren, setzt die S-Bahn Rhein-Main seit einigen Monaten auf ein spezielles Training ihrer angehenden Lokführer. FOTO: DPA
+
Um ihre Fahrgäste besser zu informieren, setzt die S-Bahn Rhein-Main seit einigen Monaten auf ein spezielles Training ihrer angehenden Lokführer. FOTO: DPA

Verständlich und persönlich

  • vonDPA
    schließen

Die Lautstärke muss passen, die Wortwahl angemessen sein und dann natürlich noch der Inhalt stimmen. Gute Durchsagen im Zug zu machen, will gelernt sein. Wie sagt man es dem Fahrgast, wenn sich eine Weiche oder ein Signal nicht stellen lassen?

Verzögerungen im Betriebsablauf" - wohl kaum ein Bahn-Kunde, der auf eine Durchsage mit diesem Inhalt hin nicht resigniert die Schultern hängen lässt. Um ihre Fahrgäste besser zu informieren, setzt die S-Bahn Rhein-Main seit einigen Monaten auf ein spezielles Training ihrer angehenden Lokführer. Die Auszubildenden und Quereinsteiger sollen lernen, sich nicht hinter Floskeln zu verstecken, sondern präzise Angaben zu machen - und diese möglichst mit einer persönlichen Note zu versehen, wie Trainer Steffen Popp erläutert.

Beim Ortstermin wird schnell klar, dass diese Aufgabe alles andere als einfach ist. Acht angehende Lokführer, allesamt Männer und Quereinsteiger, üben in einem geparkten Zug in der S-Bahn-Werkstatt neben dem Frankfurter Hauptbahnhof, was Popp ihnen zuvor theoretisch erläutert hat. Dazugehören auch ein paar Regeln: Das Mikrofon wird nur bei einem stehenden Zug benutzt. Erlaubt ist sonst alles, was nicht beleidigt und einen Bahn-Inhalt hat. Versprecher sind kein Problem. Auch Humor könne angebracht sein, doch brauche es hier Fingerspitzengefühl, sagt Popp.

"Stellt euch vor, wie es hier ist, Babys schreien, Leute telefonieren, der Zug rattert, und dann kommt ihr mit eurer Durchsage", stimmt er seine Schüler ein. Sie üben an Problemen, die im Alltag jederzeit auftreten können: Signal- und Weichenstörungen oder eine derart angehäufte Verspätung, dass die Bahn ein paar Stationen früher endet als geplant.

Doch wie sagt man es dem Kunden, wenn sich eine Weiche oder ein Signal nicht stellen lassen? Die angehenden Lokführer rätseln, kommen auf "Weiche kaputt" oder "Bahn kann nicht abbiegen". Hauptsache, sie übersetzen das althergebrachte Bahn-Deutsch in verständliche und nachvollziehbare Informationen, sagt der Trainer. Besser sei, die Störung genau zu benennen und - falls möglich - auch die konkreten Folgen.

Wenn dies noch nicht bekannt sei, sollen Lokführer auch dies den Fahrgästen mitteilen und hinzufügen, dass sie sich schlaumachen und wieder melden, sobald Informationen vorliegen. "Wenn ich zum Beispiel sage: ›Liebe Fahrgäste, hier spricht Ihr Lokführer. Sie kennen das wahrscheinlich von zu Hause, manchmal funktioniert es nicht so reibungslos, wie wir es gerne hätten. Und gerade will die Weiche vor uns weder nach rechts noch nach links‹, dann hören mir die Leute auch zu."

Bei den Auszubildenden kommt der Workshop jedenfalls gut an. "Ich weiß jetzt, dass die persönliche Note wichtig ist, sonst hören die Leute weg", sagt Björn Hallmann. Der 44-Jährige schult gerade um, voraussichtlich ab kommenden Jahr wird er S-Bahnen durch das Rhein-Main-Gebiet steuern.

Es gibt Bahn-Durchsagen, die es zu regelrechter Berühmtheit gebracht haben. Mehrere Plattformen in den sozialen Medien sammeln bemerkenswerte und lustige Durchsagen, darunter der Twitter-Account "Bahnansagen". Hier findet sich etwa der gut nachvollziehbare Rat "Halten Sie jederzeit Mund und Nase bedeckt! Ihre Unterwäsche tragen Sie ja auch nicht nur bis zur Kniekehle."

Zuletzt hatte die auf Twitter geteilte Aufnahme einer anderen Corona-Durchsage für Aufsehen gesorgt, in der ein ICE-Mitarbeiter zum Tragen einer Mund-Nase-Bedeckung aufruft und dabei Verschwörungstheoretikern den Tipp gibt, auf diese Weise einer geheimen Speichelentnahme der Bundesregierung zu entgehen, die so Klone herstellen wolle.

Auf ein Durchsage-Training setzen auch andere Verkehrsbetriebe, so S-Bahnen in einigen anderen Bundesländern und die Verkehrsgesellschaft Frankfurt (VGF). Grundsätzlich sei dies schon immer Bestandteil der Ausbildung für Straßenbahn- und U-Bahn-Fahrer gewesen, seit vergangenen Mai gibt es auch hier eine Schulung durch den externen Profi Popp.

"Ziel ist es, die Fahrgäste mit individuellen und der Situation angepassten Durchsagen möglichst gut zu informieren. Denn nicht für jede Situation gibt es eine passende Bandansage", erklärt eine VGF-Sprecherin. Der gewünschte Effekt, die Scheu vor dem Mikrofon zu nehmen, sei durchaus zu beobachten.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare