Gelungene Veränderung: Der Wehrheimer Landwirt Paul Erich Etzel gilt als Pionier unter den Biobauern. FOTOS: DPA
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Gelungene Veränderung: Der Wehrheimer Landwirt Paul Erich Etzel gilt als Pionier unter den Biobauern. FOTOS: DPA

"Versöhnung mit der Natur"

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Die Grüne Woche läuft in Berlin, was Landwirte bundesweit für Proteste nutzen. Ein Bauer aus Hessen war schon vor mehr als zwei Jahrzehnten auf der Agrarmesse - als einer der ersten Biolandwirte. Sein Rat an die Kollegen ist klar.

Biopionier Paul Erich Etzel aus dem Taunus reist noch einmal zur Grünen Woche nach Berlin. Der 80-Jährige will mit Enkeln die Agrarmesse besuchen und sich von seiner aktiven Zeit als Bauer offiziell verabschieden. Etzel kehrte der konventionellen Landwirtschaft bereits den Rücken, als Bio noch kaum bekannt, geschweige denn als Trend in aller Munde war.

Für Etzel ist klar: "Bio ist deshalb die Lösung, weil wir so null Gift, null Chemie verwenden." Es gehe ihm um die Versöhnung mit der Natur. Doch der Ökolandbau könne nur weiterentwickelt werden, "wenn alle Konzerne im Lebensmittelbereich ehrbare und zuverlässige Verträge mit den Landwirten oder deren Vermarktungsorganisationen unterschreiben". Das gebe es oft nicht, und die Bauern würden "an der Nase rumgeführt".

Kritik an härterer Düngeverordnung

Bei den Landwirten gärt es derzeit gewaltig: Anlässlich der Grünen Woche, die noch bis zum 26. Januar läuft, haben in den vergangenen Tagen Tausende von ihnen bundesweit gegen strengere Umweltschutzregeln der Politik protestiert: Die Vorgaben bedrohten die Existenz vieler Höfe, lautet ein Argument. Die Bauern kritisieren unter anderem die geplante Verschärfung der Düngeverordnung. Die Landwirtschaft, so eine weitere Forderung, dürfe nicht länger billiger Rohstofflieferant der Lebensmittelindustrie sein. Auch Umweltschützer riefen zu Protesten auf: In Berlin demonstrierten Tausende für eine umweltfreundlichere Landwirtschaft.

Etzel sieht die aktuelle Situation in seiner Branche mit Sorge. "Die Bauern sind restlos am Ende", sagt er mit Blick auf die Preise, die gezahlt werden. Lebensmittel seien viel zu billig. Er betrachtet Bio nach wie vor als besten Weg für Landwirte - und für die Bewahrung der Natur sowieso. Die Bauern seien allerdings teils resistent dafür, beklagt der 80-Jährige. "Aber die Klügsten, die stellen um auf Bio." Die Zahl der Betriebe in Hessen, die auf ökologischen Landbau setzen, ist laut Statistik in den vergangenen Jahren gestiegen: von rund 1500 im Jahr 2010 auf fast 1800 im Jahr 2016. Insgesamt aber sank im selben Zeitraum die Anzahl der Betriebe, von 17 800 auf rund 16 200.

Er sei Anfang der 1990er Jahre einer der ersten Bioanbieter auf der Grünen Woche gewesen, erzählt Etzel. Seinen Hof in Wehrheim im Hochtaunuskreis stellte er ab 1987 auf Öko um. Schon seit 1973 habe er überlegt, diesen Weg zu gehen. Anlass sei die Geburt seines Sohnes gewesen, dem er den Umgang mit Pestiziden habe ersparen wollen.

Es ging ihm auch um die Zukunftsfähigkeit des Familienbetriebes: "Wir haben immer so produziert, dass es gereicht hat, den Hof für die nächste Generation weiterzuentwickeln. Da war Bio für mich die einzige Chance." Mittlerweile hat der Sohn, der auch Schweinemast betreibt, den Betrieb übernommen. Die Tochter führt den Hofladen.

Ökomarkt mit Luft nach oben

Auch wenn mehr Landwirte auf Bio setzen - der Bereich sei nicht generell auskömmlicher als andere, sagt Bernd Weber vom hessischen Bauernverband. "Das ist zwar ein Markt, der zugelegt hat, wo vielleicht auch noch etwas Luft nach oben ist." Doch am Ende müsse der Markt zeigen, ob sich höhere Preise dauerhaft durchsetzen ließen - sprich: Ob die Verbraucher auf Dauer bereit sind, für ökologisch produziertes Fleisch und Gemüse mehr zu zahlen.

Die Umstellung auf Bio sei in seinem Betrieb problemlos verlaufen, erinnert sich Etzel. Doch es habe viel Gegenwind gegeben, seine Ideen seien als Spinnereien abgetan worden. Etzel wollte auch andere Bauern überzeugen und gründete eine Erzeugergemeinschaft für eine naturnahe Landwirtschaft. "Mein Ziel war die Umstellung auf ökologischen Landbau mit vielen Kollegen. Mit Gleichgesinnten, die bereit waren, eine Nische zu besetzen, die dann ein Modell für alle Bauern sein könnte." Das allerdings sei gescheitert.

Für seinen eigenen Betrieb sei damals der Rückzug aus der Erzeugergemeinschaft gut gewesen: Er habe sich dadurch auf den eigenen Hof und die Entwicklung seiner eigenen Marke "Blütenkranz" konzentrieren können, sagt der Landwirt. Ihm sei früher als anderen Kollegen bewusst gewesen, dass es auch in der Landwirtschaft nicht ohne Marketing gehe. "Da war ich auch ein Pionier", sagt der 80-Jährige selbstbewusst mit einem Lächeln.

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