Viele Kinder und Jugendliche wachsen in Armut auf. Die Corona-Krise hat ihre Situation noch verschärft. FOTO: DPA
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Viele Kinder und Jugendliche wachsen in Armut auf. Die Corona-Krise hat ihre Situation noch verschärft. FOTO: DPA

Auf der Verliererstraße

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Mehr als drei Millionen Jugendliche und junge Erwachsene in Deutschland sind einer aktuellen Studie zufolge gefährdet, in Armut abzugleiten. Felix Blaser, Armutsexperte der Diakonie Hessen, schlägt Alarm.

Prekär sei insbesondere die Situation für junge Erwachsene zwischen 18 und 24 Jahren, heißt es im "Monitor Jugendarmut 2020", den die Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit vorstellte. Was läuft schief in Deutschland? Nachgefragt bei Felix Blaser, Armutsexperte bei der Diakonie Hessen:

Dass gerade junge Menschen, die volljährig geworden sind, erstaunlich oft plötzlich in einer Situation stecken, in der Ungemach von mehreren Seiten droht, ist ein Umstand, der bislang wenig Beachtung gefunden hat - oder?

Was die mediale Beachtung dieses Umstandes angeht, gebe ich Ihnen Recht. Jugendarmut ist kein Thema, das in der breiten Berichterstattung öfter auftaucht. Und wenn, dann nicht immer unter Einbezug der Betroffenen und mit Diskussionsansätzen, wie ihre Lage verbessert werden könnte. Was die Armutsberichterstattung und Armutsforschung angeht, gebe ich Ihnen nicht Recht. Die Rede von einer "Infantilisierung" der Armut kennen wir hier schon seit über zehn Jahren. Der Umstand, dass mehr und mehr Kinder und Jugendliche von Armut betroffen sind, wird von der amtlichen Sozialberichterstattung immer wieder klar ausgewiesen. Wir kennen auch das Phänomen der "Weitergabe" von Armut in Familien. Wenn Sie mich fragen: Wir kennen es bereits zu lange! Es ist überfällig, dass hier aufseiten der Politik wirksame Instrumente, wie zum Beispiel eine Kindergrundsicherung, genutzt werden.

Was steckt denn hinter der noch geringen Beachtung des Themas in der Öffentlichkeit?

Oft wird angeführt, dass Jugendliche, die studieren, viele Vergünstigungen erhalten würden, die in der Statistik nicht berücksichtigt würden. Zudem befänden sich Jugendliche, die eine Ausbildung machen oder studieren, in einer Übergangsphase. Armut wäre also nur ein vorübergehendes Moment in ihrem Lebenslauf und zudem eines, das sie subjektiv für sich nicht anerkennen würden.

Diese Betrachtung ist jedoch irreführend, da die Teilgruppe der Studierenden und Auszubildenden, die nicht im elterlichen Haushalt leben, eine Minderheit unter den Betroffenen darstellt. Zudem ist die Argumentation einseitig: Denn den jungen Menschen, die mit einem Einkommen unterhalb des Grenzwerts möglicherweise zurechtkommen können, stehen andere gegenüber, die trotz eines höheren Einkommens faktisch in Armut leben und nicht in die Statistik eingehen. Zum Beispiel können hier Auszubildende mit theoretisch hinreichender Ausbildungsvergütung genannt werden, die wegen ungünstiger ÖPNV-Verbindungen zum Schichtdienst einen Pkw finanzieren müssen. Obwohl ihr Einkommen statistisch gesehen oberhalb der Armutsgrenze liegt, können sie faktisch unter unterhalb diese Grenze und damit in eine Armutslage geraten.

Warum wird plötzlich im Zusammenhang mit Jugendlichen auch so oft über "Armutsgefährdung" gesprochen?

Die amtliche Sozialberichterstattung spricht dann von "Armutsgefährdung" oder "Armutsbedrohung", wenn ein Haushalt über ein Einkommen verfügt, das weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens einer Gesellschaft ausmacht. In Hessen waren das im Jahr 2019 bei einem Einpersonenhaushalt 1095 Euro im Monat. Hatte der Haushalt weniger Geld zur Verfügung, galt er als "armutsgefährdet".

Und dieser Begriff versucht, die Lebenslage der Menschen zu beschreiben?

Ja - genau. Diejenigen, die weniger Mittel zur Verfügung haben, als die Mitte einer Gesellschaft. Damit beschreibt er einen Abstand im Einkommen, der Folgen hat. Und zwar in vielen Bereichen: materiellen, sozialen, gesundheitlichen und kulturellen. In der Summe sind die Personen, die in der amtlichen Sozialberichterstattung als "armutsgefährdet" beschrieben werden, nicht in der Lage, in einem normalen Maße an der Gesellschaft teilzunehmen. Das aber ist meiner Meinung nach keine Gefährdung mehr, sondern ein realer Tatbestand. Ich halte die Rede von einer "Armutsgefährdung" für Schönfärberei. Wer von relativer Einkommensarmut betroffen ist, erlebt einen Mangel an soziokultureller Teilhabe - und damit Armut.

Welchen Eindruck haben Sie, wächst die Zahl der betroffenen Jugendlichen?

Bei dieser Frage will ich mich ungern auf meinen Eindruck verlassen, da dieser doch täuschen kann. Armut ist kein offen sichtbares Phänomen, nichts, was Sie durch alltägliche Beobachtungen vollumfänglich begreifen oder in seiner Entwicklung verstehen können. Sicher: Mir ist die Perspektive der Armutsbetroffenen wichtig, ich beobachte meine Umwelt und spreche mit meinen Mitmenschen, aber was die Entwicklung von Armut angeht, schaue ich auf die Zahlen. Und die sprechen eine klare Sprache: Von Jahr zu Jahr nimmt die Zahl der von Armut Gefährdeten in Hessen zu. Besonders betroffen sind Kinder und Jugendliche. Im Jahr 2018 galten in Hessen insgesamt knapp 16 Prozent der Bevölkerung als armutsgefährdet - bei Kindern und Jugendlichen waren es mehr als 20 Prozent (21,1 Prozent bei den unter 18-Jährigen, 26,5 Prozent bei den 18- bis unter 25-Jährigen). Jedes fünfte Kind beziehungsweise jeder fünfte Jugendliche ist damit in seinen oder ihren Entwicklungschancen und Teilhabemöglichkeiten stark eingeschränkt und kann seine beziehungsweise ihre Rechte nicht wahrnehmen.

Was genau bedeutet Armut in diesem Kontext - verstärkt Corona die Entwicklung noch?

Armut bedeutet Leben in einer Situation, die Spielräume einschränkt. Ihnen stehen weniger Wahlmöglichkeiten zur Verfügung, als es in der Gesellschaft, in der Sie leben, normal ist. Das heißt: Sie sind von vielen Vorgängen und Lebensvollzügen ausgeschlossen. Das bestimmt Ihr Leben und beschämt Sie vermutlich an vielen Stellen. Für Kinder und Jugendliche bedeutet Armut, dass sie zu Hause seltener als andere einen Rückzugsort oder einen ruhigen Ort zum Lernen haben, dass sie in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, sie seltener Mitglied in einem Verein sind, seltener Taschengeld erhalten oder mit Freunden etwas unternehmen können.

Die Corona-Krise hat armutsbetroffene Kinder und Jugendliche besonders getroffen ...

Ja - und wird ihre Situation weiter verschärfen. Mit der Schließung von Kindertagesstätten, Schulen und sozialen Einrichtungen sind wichtige Lern- und Kontaktmöglichkeiten auf einen Schlag entfallen. Für diejenigen, die aufgrund der finanziellen Situation ihrer Familie auf Unterstützung angewiesen sind, ist diese Situation besonders beschwerlich. Wenn man weiter bedenkt, dass rund 24 Prozent der armutsbetroffenen Kinder und Jugendliche über keinen Computer mit Internet verfügen, werden die Schwierigkeiten beim Distanzunterricht schnell ersichtlich. Es ist davon auszugehen, dass infolge der Corona-Krise weitere Familien in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten oder erwerbslos werden. Damit wird die Kinder- und Jugendarmut weiter ansteigen.

Wo sollte die Politik zuerst ansetzen?

Beim Kind und Jugendlichen. Sie sind keine kleinen Arbeitslosen. Es liegen eine ganze Anzahl an Vorschlägen zur Kindergrundsicherung auf dem Tisch. Diese sollten umgesetzt werden. Jedes Kind und jeder Jugendliche hat ein Recht auf ein armutsfreies Aufwachsen. Dann sollte bei der Bildung genauer hingeschaut werden: Kindertageseinrichtungen und Schulen sind institutionell und personell angemessen auszustatten. Geflüchtete Familien müssen sich rasch integrieren, Kinder und Jugendliche in regulären Schulen lernen können. Zur Verbesserung ungenügender Sprachkenntnisse sind weitere Ganztagesangebote für die Deutsch-Förderung einzurichten. Die Verteilung von digitalen Endgeräten über die Schule hat aufzuhören. Statt auf unnachvollziehbare Weise nachzubessern, muss ein Grundrecht auf digitale Teilhabe anerkannt werden. Das heißt: Der Regelsatz muss entsprechend erhöht werden. Es ist unverständlich, dass bei der Berechnung des Regelsatzes so elementare Dinge wie ein Mobiltelefon nicht berücksichtigt wurden.

Und mit Blick auf Landespolitik und Kommunen in Hessen…?

Für sie halten wir die Einrichtung von Präventionsketten für besonders erfolgversprechend. In vielen anderen Bundesländern gibt es seit Jahren Armuts-Präventionsketten, die wirksam verhindern, dass Armutslagen tradiert werden. In Hessen sind in den Kommunen viele verschiedene Institutionen für die Begleitung von Kindern und Jugendlichen auf ihrem Lebens- und Bildungsweg zuständig. Diese Institutionen brauchen eine gute Vernetzung, damit Kinder und Jugendliche individuell gefördert und Armut verhindert beziehungsweise die Folgen von Armutslagen gemindert werden können. Auf Landesebene braucht es dafür eine Koordinationsstelle, die für ein sinnvolles Ineinandergreifen verschiedener Hilfen sorgt.

Was halten Sie bei den Anstrengungen der Diakonie für besonders erfolgversprechend?

Die Beachtung und Umsetzung der Kinder- und Jugendrechte. Der Kinderrechte-Index des Deutschen Kinderhilfswerks hat gezeigt, wie unterdurchschnittlich in Hessen die Rechte von Kindern und Jugendlichen auf Beteiligung, Gesundheit, angemessenen Lebensstandard, Bildung und Ruhe, Freizeit und Erholung derzeit umgesetzt werden. Wir haben uns bei der Diakonie Hessen für die Jahre 2020 und 2021 vorgenommen, den Kinder- und Jugendrechten eine besondere Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Auch weil wir selbst noch Potenzial zur Beteiligung von Kindern und Jugendlichen erkennen.

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