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Unter Wasser in ihrem Element

  • vonRedaktion
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Von einer kleinen Brücke über einen unserer Mittelgebirgsbäche im Vogelsberg oder an einem Wehr der Lumda fällt der Blick auf einen kleinen, dunklen Vogel mit leuchtend weißer Brust. Eben noch auf einem Stein knicksend, springt das zierliche Tier im nächsten Moment in die rauschenden Fluten und ist verschwunden. Dort geht die Wasseramsel auf Futtersuche.

Die Wasseramsel zählt zu den weltweit ungewöhnlichsten Vogelarten. Der wegen der dunklen Färbung und ähnlichen Größe an die bekannte Amsel angelehnte Name führt etwas in die Irre - Wasseramseln sind keine am Wasser lebenden Amseln, sondern eine sehr spezialisierte Singvogelgruppe. Ihre nächsten Verwandten sind die Stare, Drosseln und schnäpperartigen Vögel. Als weltweit einzige Gruppe unter den Singvogelarten haben es die Wasseramseln geschafft, sich an eine Nahrungssuche unter Wasser anzupassen. Und das nicht etwa an einem stillen Teich oder Tümpel, sondern in rauschenden Bergbächen und Flüssen.

Vögel laufen über den Gewässergrund

Nach dem Sprung ins kalte Wasser laufen die Vögel am Gewässergrund umher und nehmen dort Krebstiere, Asseln, Insekten oder Würmer auf. Ein dichtes Federkleid, welches mit dem Sekret einer besonders gut entwickelten Bürzeldrüse eingefettet wird, schützt die Wasseramsel vor Nässe und vor dem Erfrieren nach der Unterwasserjagd im Winter. Sie hat kurze, abgerundete Flügel, die sie unter Wasser wie im Flug bewegt. Die Tauchgänge können bis zu 30 Sekunden dauern. Mithilfe eines speziellen Häutchens können die Nasenlöcher verschlossen werden und über die Augen kann eine Nickhaut wischen, um den Augapfel von Wassertropfen zu befreien. Die Vögel können gut schwimmen und lassen sich gerne im kühlen Nass treiben.

Wie es sich für einen derart kälteresistenten Vogel gehört, kann die Brutperiode schon ab Mitte Februar bis regelmäßig Mitte März beginnen. Während es verschiedene andere Vogelgruppen gibt, die sich auf ein Leben an und im Wasser spezialisiert haben, ist es von den weltweit etwa 4000 Singvogelarten nur den Wasseramseln gelungen, sich diesen extremen Lebensraum zu erschließen. Neben unserer europäischen Wasseramsel gibt es weltweit vier weitere Wasseramsel-Arten, je eine in Ostasien und im westlichen Nordamerika sowie zwei in Südamerika.

Als Brutvogel ist die Wasseramsel in Deutschland an sauerstoffreiche, saubere bis höchstens mäßig belastete Bäche mit steinigem Untergrund gebunden. Brutgewässer weisen eine ausgeprägte Besiedlung durch Süßwasserinsekten, vor allem mit Larven von Köcher-, Stein- und Eintagsfliegen, als Nahrungsgrundlage auf. Daher bevorzugt die Art die Forellenregion und brütet seltener in den Mittel- und Unterläufen der Fließgewässer. Unter günstigen Bedingungen brütet die Wasseramsel sogar an Fließgewässern in Städten. Häufig werden Gewässerabschnitte mit Mühlenwehren besiedelt. Als Nistplatz wählt sie gerne steile, überhängende Uferböschungen, zerklüftete Felsbrocken, Brücken und senkrechte Wände hinter Wasserfällen. In Höhlungen, Spalten und Nischen, gelegentlich auch freistehend, bauen die Partner ihr Moosnest. Leider gehen geeignete Brutstandorte durch den Abriss von Mühlen, die Renovierung von Brücken und Wehren oder den Neubau von Brücken aus verschaltem Beton verloren.

Einen negativen Einfluss auf die Bestandsentwicklung der Wasseramsel hat auch der Nahrungsentzug durch Gewässerverschmutzung. Obwohl Hessen mit seinen zahlreichen, zumindest in den Oberläufen unverbauten Mittelgebirgsbächen einen relativen guten Bestand beherbergt, sind regional Rückgänge zu verzeichnen. So sind etwa an der Lumda im Landkreis Gießen viele ehemalige Brutplätze nicht mehr besetzt. Die Gründe dafür sind nicht eindeutig. Ein durch die Klimaerwärmung bedingter Nahrungsmangel könnte die Ursache sein. In den letzten heißen Sommern waren gar einige Bachläufe ausgetrocknet. Außerdem kann schon eine geringfügige Gewässererwärmung zur Veränderung der Mikrofauna im Bachlauf führen.

2000 bis 4000 Paare in Hessen heimisch

Bundesweit ist von einer Bestandsgröße der Wasseramsel von etwa 10 000 bis 20 000 Paaren auszugehen. Allein ein Fünftel davon, also etwa 2000 bis 4000 Paare, lebt aufgrund der hohen Zahl an Mittelgebirgsbächen in Hessen. Von der auf Mitteleuropa beschränkten Unterart der Wasseramsel lebt sogar fast jedes zehnte Tier in unserem Bundesland. Um der Wasseramsel aber auch Gebirgsstelze und Eisvogel zu helfen, ist es sehr bedeutend, dass Renaturierungsmaßnahmen an den Fließgewässern und auch die Gewässerreinhaltung weiter konsequent verfolgt werden.

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