Trockenheit und Klimawandel machen auch den Baumeistern des Bodens zu schaffen. FOTO: DPA
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Trockenheit und Klimawandel machen auch den Baumeistern des Bodens zu schaffen. FOTO: DPA

Unser liebster Schleimer

  • Martin Schäfer
    vonMartin Schäfer
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Regenwürmer haben ein Imageproblem. Sie sind nicht niedlich. So ganz augenlos wühlen sie sich durch den Untergrund. Dabei sind sie so wichtig, quasi die Baumeister des Bodens. Im Fokus einer globalen Bestandsaufnahme kommen sie ganz groß raus. Und sind gefährdet, wie auch Tierökologe Volkmar Wolters von der Universität Gießen weiß.

Der Regenwurm passt in kein Kindchenschema wie etwa der Pandabär, wenngleich gerade Kindergartenkinder den muskulösen Wurm gern auf dem gestreckten Handteller beäugen. Das war’s dann aber auch schon. Ansonsten überwiegt eher der Ekelfaktor: "Regenwürmer sind ein einziger lang gestreckter Magen-und-Darm-Schlauch", erläutert Volkmar Wolters, Biologe an der Universität Gießen. Pro Tag liegt der Magendurchsatz beim 30-Fachen des Eigengewichts. Und das weist auf ihre unterschätzte Rolle hin: Die fleißigen Bodenwühler durchmischen und belüften den Boden. Sie erhöhen die Wasserhaltefähigkeit, wandeln Abfälle in Humus um, verringern Bodenerosion, geben Jungpflanzen Halt.

Doch bekannt ist wenig. "Die detaillierten Zusammenhänge im Boden sind nur schwer zu beobachten", sagt Tierökologe Wolters. In einer Studie von 140 Forscherinnen und Forschern aus 57 Ländern wurde nun eine globale Inventur gemacht. Mit überraschenden Ergebnissen.

An rund 7000 Orten zählten die Forscher die Häufigkeit und Vielfalt der Regenwürmer mitsamt den Umwelt- und Bodenbedingungen. Koordiniert hat die Forschergruppen Helen Philips von der Universität Leipzig. Philips und Wolters hätten nun erwartet, dass Faktoren wie saure oder basische Böden sowie die Tiefgründigkeit des Bodens die Vielfalt und den Individuenreichtum an Regenwürmern bestimmt. "Haupttriebkräfte sind aber die Temperatur und die Feuchtigkeit", sagt der Biologe. Und da genau diese beiden Werte mit dem drohenden Klimawandel sich drastisch verändern, könnte dies auch gravierende Auswirkungen auf die Verteilung der Regenwürmer haben. Ebenso überraschend kam bei der Studie heraus, dass gerade in gemäßigten Breiten, wie beispielsweise in Mitteleuropa oder Großbritannien, die Häufigkeit von Regenwürmern im Boden am größten ist. Und nicht, wie angenommen, im tropischen Regenwald, berichten die Forscherteams in der Fachzeitschrift "Science".

Oberirdisch gibt es ganz klar eine Abnahme an Artenreichtum von den Tropen zu den Polen des Globus. Bei der Besiedelung des Bodens scheint das aber nicht der Fall zu sein. Die Häufigkeit an Regenwürmern ist hierzulande am größten. Bezogen auf Südengland spricht der amerikanische Ökologe Noah Fierer sogar von einem Paradies für Regenwürmer. Doch "der Lebensraum dieser sehr empfindlichen Tiere wird durch landwirtschaftliche Maschinen umgewühlt, zerhackt und gestaucht, durch Straßen- und Häuserbau versiegelt sowie durch Chemikalien und Abfälle vergiftet", sagt Wolters. Für ihn ist es schwer bis kaum möglich abzuschätzen, wie beide Faktoren zusammen - die intensive Bodenbearbeitung und der Klimawandel - die Lebensräume der Regenwürmer stressen.

Oberflächliche und Wühler

Weltweit gibt es rund 7000 Regenwürmerarten, die sich je nach Bodenschichttiefe in drei Gruppen einteilen lassen. Ein Typus wuselt an der Oberfläche und in der Laubschicht, er zerkleinert die Abfälle. Ein weiterer Typus wühlt sich richtig tief durch den Boden. "Ohne feste Gänge anzulegen. Wahrscheinlich ist das die wichtigste Gruppe für den Boden", sagt Wolters. Und der klassische, bei uns auch sogenannte "Gemeine Regenwurm" (Lumbricus terrestris) ernährt sich vom Pflanzenabfall und baut tendenziell vertikale Gänge nach unten. Regenwürmer sind Zwitter. "Sie haben aber trotzdem ein lustiges Sexualleben. Sie müssen sich zusammenlegen, um sich auszutauschen", sagt Wolters. Regenwürmer haben einfache lichtempfindliche Sinnesorgane und ein gutes taktiles Gespür über ihre Borsten.

Zählen ist eine Herausforderung

Das Zählen von Regenwürmern im Boden ist schwierig. Treiben die Forscher eine Probenröhre in den Boden, um die Erde herauszuziehen, so können sich Regenwürmer, die in Gängen leben, aufgrund des Schalls und der Erschütterungen schnell zurückziehen. "Die hauen sofort nach unten ab", sagt Wolters. Kleine Regenwürmer kringeln sich in Erdkrumen ein. "Wir müssen im Prinzip jeden Krümel aufbrechen und untersuchen", sagt Biologe Wolters. Zum einen müssen die Forscher per Hand auslesen. Zum anderen können durch ein Wasser-Senf-Gemisch die Würmer herausgetrieben werden. "Die Regenwürmer zählen eher zu den schwierigeren Kameraden bei Bodenuntersuchungen."

Die Forscher der jüngsten globalen Regenwurmbestandsaufnahme vermuten, dass mit den Auswirkungen des Klimawandels auf die Bodenwühler auch das Wohlergehen anderer Organismen, Pflanzen, Tiere gefährdet ist. Mit dem Wissen über Bodenlebewesen sollten auch die Schutzstrategien angepasst werden. Denn Schutzgebiete für Ökosysteme sind nicht unbedingt darauf abgestellt, auch Regenwürmer zu schützen, meinen die Wissenschaftler.

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