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Aus für Traditionsunternehmen Neuselters

Löhnberg/Selters (eb/bb). Es war ein Traditionsunternehmen, und ein landesweit bekanntes noch dazu. Nach 120 Jahren muss der Mineralbrunnenbetrieb Neuselters in Löhnberg Ende Februar schließen. Alle 35 Mitarbeiter verlieren ihren Arbeitsplatz.

Diese bittere Entscheidung teilte die Geschäftsführung der Neuselters Mineralquellen GmbH mit. Die Gesellschaft hatte das Werk im Löhnberger Ortsteil Selters von Nestlé Waters Deutschland übernommen. Die Hausmarke "Neuselters" sollte wieder auf dem heimischen Markt etabliert und damit auch das Mehrweggeschäft angekurbelt werden. Doch dies gelang nicht. "Die Marke Neuselters wurde nicht in dem Maße angenommen, wie es nötig gewesen wäre", sagt Jörn Metzler, einer der drei Geschäftsführer. Die Erwartungen seien "in keiner Weise" erfüllt worden.

Nachdem Nestlé Waters die Hausmarke vor drei Jahren vom Markt genommen hatte, sei es nicht gelungen, diese im Getränkefachgroßhandel und bei den Verbrauchern wieder zu etablieren.

Auf Sozialplan verständigt

Auch das zweite Standbein, das Abfüllen von PET-Einwegflaschen für Discounter, konnte den Betrieb nicht am Leben halten. Um bei Discountern Fuß zu fassen, seien die Preise "hart am Limit" kalkuliert worden, sagt Metzler. Doch das hätte nur funktioniert, wenn die Anlagen ausgelastet gewesen wären. Dies sei aber technisch nicht gelungen. Statt 40 000 seien nur 20 000 Flaschen pro Stunde abgefüllt worden. Damit sei die ursprüngliche Kalkulation nicht einzuhalten gewesen.

Deswegen wurde den 35 Angestellten zum 29. Februar gekündigt. Zusammen mit dem Betriebsrat und der Gewerkschaft für Nahrung, Genuss und Gaststätten (NGG) habe man sich Mitte vergangener Woche auf einen Sozialplan und Interessenausgleich verständigt, heißt es in einer Mitteilung der Neuselters-Geschäftsführung, zu der neben Metzler auch Christian Heckmann und Günter Kutschera gehören.

Probleme mit Discountern

Eine Übernahme von Mitarbeitern ins Werk Rhens werde geprüft, außerdem stehe Neuselters mit anderen Unternehmen in der Region zwecks Übernahme von Mitarbeitern in Kontakt, heißt es weiter, ohne Namen zu nennen. Für die Mitarbeiter, die nicht sofort zu einem neuen Arbeitgeber wechseln können, wird eine Transfergesellschaft gegründet. "Die Tatsache, dass dieses Traditionsunternehmen jetzt schließen muss, schmerzt sehr, aber wir hatten am Ende keine andere Wahl", sagt Metzler.

Erst im September hatte Metzler vor Löhnberger Gemeindevertretern verkündet, dass zusammen mit einem Partner ein zweistelliger Millionenbetrag investiert werden soll. Die Schäff-Gruppe war als Mehrheitseigentümer im Sommer eingestiegen. Zu diesem Zeitpunkt sei das Aus nicht absehbar gewesen, sagt er.

Erste Anzeichen, dass das Discounter-Geschäft nicht auskömmlich ist, hat es laut Metzler im Spätsommer gegeben. Aber erst im November, Anfang Dezember habe sich gezeigt, dass die mit den Märkten abgeschlossenen Jahresverträge nicht über den 29. Februar verlängert werden konnten. Die Discounter würden "unisono auf eine andere Mineralisierung des Wassers setzen", sagt Metzler. Diese könne in Löhnberg nicht angeboten werden. Damit sei die Geschäftsgrundlage hinfällig.

Enttäuscht zeigt sich der Betriebsratsvorsitzende von Neuselters, Andreas Beer. Die Mitarbeiter seien angetreten, um die Mehrwegproduktion wieder hochzufahren – der einzige Bereich, in dem die Gewinnmarge groß genug sei, um den Betrieb "am Leben zu halten", meint er. Im September sei das letzte Mal Neuselters vom Band gelaufen. "Wir haben gehofft bis zum Schluss." Doch am 18. Dezember seien die Kündigungen ausgesprochen worden. Der Großteil der Belegschaft sei im Schnitt 20 Jahre dabei. Ein Sozialplan sei aufgestellt worden, "unter dem, was üblich ist", sagt Beer.

Das Ende des Löhnberger Traditionsbetriebes habe ihn sehr überrascht, sagt gestern Löhnbergs Bürgermeister Frank Schmidt (SPD).

Selters und Neuselters

Der Ausdruck Selterswasser, Selters oder Selterwasser, vor allem in Nord- und Ostdeutschland auch Selter, wird heute häufig zur Bezeichnung von kohlensäurehaltigem Mineralwasser verwendet. Selters ist beziehungsweise war zudem die Marke zweier Mineralwässer. Selterswasser oder Selterser Wasser bezeichnete ursprünglich ein Mineralwasser aus den Quellen im mittelhessischen Niederselters im Taunus im Landkreis Limburg-Weilburg. Die alten Römer nannten die Stellen, an denen sprudelndes, "tanzendes" Wasser aus der Tiefe an die Oberfläche drang, Aqua Saltare. Aus diesem Saltare wurde im Laufe der Zeit zunächst Saltrissa und schließlich Selters. Der Wormser Arzt Jakob Theodor Tabernaemontanus stellte schon 1581 die Heileigenschaften des Brunnenwassers aus Niederselters heraus. Seit dem späten 16. oder dem 17. Jahrhundert wurde es in Millionen von Steinzeugkrügen, sogenannten Selterswasserflaschen, exportiert. Lange Zeit waren zwei konkurrierende Mineralwässer unter dem Namen Selters im Handel, einerseits das aus dem ursprünglichen und begriffsprägenden Niederselters und andererseits das einer Quelle in Selters an der Lahn. Nach dem Aufkauf des Betriebs in Niederselters 1990 durch den Eigentümer der Quelle in Selters an der Lahn, wurde der überregionale Vertrieb des Selters aus dem ursprünglichen Quellort Niederselters zugunsten des Mineralwassers aus Selters an der Lahn eingestellt.

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