Gericht

Die tote Rentnerin im Garten

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Der Fall einer vergrabenen Rentnerin in Grebenhain sorgte vor Jahren für Aufsehen: Eine Freundin hatte weiter die Rente der Toten kassiert. Sie wurde verurteilt. Jetzt wird der Fall neu aufgerollt.

Die 75-jährige Grebenhainerin hatte gegen das Urteil Berufung eingelegt. Der Fall ähnelt einer Dramaturgie, die eher aus Hollywood und nicht aus einer kleinen Gemeinde aus dem Vogelsberg stammen könnte. Und auch diesmal musste die Angeklagte ertragen, dass Pressevertreter den Prozessauftakt filmisch dokumentierten.

Rückblende: Im Juni 2014 finden Polizisten im Garten eines Grundstückes am Friedhofsweg in Grebenhain nach dem Hinweis einer Gemeindemitarbeiterin die Leiche von Elise Weidmann. Die Tote und die heute 75-jährige Rentnerin, die auf einen Rollator als Gehhilfe angewiesen ist, standen in einem freundschaftlichen Verhältnis. Im Jahr 2003 zog die pflegebedürftige Elise Weidmann zu der Angeklagten, die ihre betagte Freundin bis zu deren Tod im im Januar 2005 pflegte. "Ich habe mich gut um sie gekümmert", sagte die Angeklagte dem Alsfelder Gericht im Jahr 2016 und dabei blieb sie auch vor dem Landgericht. Ihre Einlassungen und Sichtweise der Geschehnisse verlas Vorsitzender Richter Dr. Johannes Nink anhand der vorhandenen Protokolle. Doch anstatt den Tod der Freundin bekannt zu geben und die Behörden zu verständigen, vergrub die in Fulda geborenen Rentnerin mit ihrem mittlerweile verstorbenen Bruder die Leiche der Freundin im Garten und kassierte anschließend über Jahre hinweg die Beträge der Renten- und Pflegegeldleistungen sowie Beiträge vom Bundesausgleichsamt. Möglich wurde dies, weil die Verstorbene der Angeklagten zuvor eine Kontovollmacht erteilte. Das Gießener Gericht geht von einer Gesamtschadenssumme von über 135 000 Euro aus. Das Geld hat die Rentnerin über die Jahre hinweg bereits ausgegeben. Vorsitzender Richter Nink machte gleich zu Beginn deutlich, dass man sich aus Sicht der Verteidigung in diesem Berufungsverfahren "nicht allzu viel erwarten" solle. Es war ein erstes Abtasten zwischen Verteidigung und Staatsanwaltschaft. Welche Zeugen werden erneut gebraucht? Welche Fragen und Sachverhalte sind im ersten Prozess in Alsfeld eher unterbeleuchtet geblieben? Richter Nink benannte einen solchen Aspekt. Wieso die Angeklagte und ihr Bruder nach dem Tod der pflegebedürftigen Freundin in Panik verfallen seien und die Leiche kurzerhand mit Decken, Folie und Klebeband in einem 70 Zentimeter tiefem Loch im Garten vergruben? Panik ergebe nur dann einen Sinn, wenn man die Frau ermordet hätte oder sie in einem so verwahrlosten Zustand war, dass die Verständigung des Hausarztes unangenehme Fragen produziert hätte, erläuterte Nink. Nach dem Obduktionsbericht starb die Frau mit 81 Jahren eines natürlichen Todes ohne Fremdeinwirkung, deshalb muss sich die verwitwete Rentnerin "nur" wegen gewerbsmäßigen Betruges vor Gericht verantworten. Es konnte nicht geklärt werden, unter welchen Umständen Elise Weidmann genau gestorben ist. Allerdings waren bereits im vergangenen Jahr Zweifel an einer ordnungsgemäßen Unterbringung der Frau während ihrer letzten Lebensjahre aufgekommen. Die Alsfelder Richterin hatte der Angeklagten eine "erhebliche kriminelle Energie und Abgebrühtheit" bescheinigt.      Geld für schöne eigene Beerdigung      Die Frau hatte auf dem Grab der Toten Tomaten gepflanzt und die Früchte an die Nachbarn verschenkt. Detail am Rande: Wie eine Kontenüberprüfung durch eine Fachfrau ergeben hatte, schloss die Angeklagte 2006 für ihre eigene Beerdigung eine Sterbeversicherung ab, damit sie selbst ein "anständiges Begräbnis" bekommen würde. Sie kam allerdings nicht selbst für die Kosten der Versicherung auf, die Raten wurden vom Geld der damals schon toten Elise Weidmann bezahlt.Die Leiche im Garten vergraben ist allerdings nur eine "Ordnungswidrigkeit", die bereits verjährt ist. Staatsanwalt Matthias Rauch machte seinen Standpunkt ebenfalls deutlich: "Über eine Strafe auf Bewährung brauchen wir nicht sprechen". Rechtanwältin Daniela Elger sagte auf Anfrage der Alsfelder Allgemeinen Zeitung, dass man im jetzigen Verfahren eine Bewährungsstrafe unter zwei Jahren erzielen wolle. Knackpunkt sei der gewerbsmäßige Betrug, der in zwei der drei Anklagepunkte durch Unterlassen und nicht durch aktive Täuschung stattfand. Es gebe keine Garantenpflicht, es sei nicht die Pflicht der Frau gewesen, den Tod bei den zuständigen Stellen zu melden und diese Pflicht sei notwendige Voraussetzung für eine Strafbarkeit wegen Unterlassens. Der Prozess wird fortgeführt, mit einem Urteil ist frühestens am vierten Verhandlungstag Anfang Mai zu rechnen. Der Gesundheitszustand der Angeklagten wird ebenfalls thematisiert. Dass sich die 75-jährige Frau bald in "Preungesheim mit kolumbinischen Drogendealern" wiederfindet, sei eher unwahrscheinlich, sagte Richter Nink, das aber nicht wegen eines möglichen Freispruchs, sondern wegen des gesundheitlichen Zustands.

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