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Tolle Aussichten für Grenzgänger

  • Rüdiger Geis
    vonRüdiger Geis
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Die Nase im Wind - das klingt ein bisschen nach Seefahrt. Ist aber auch der Name einer Aussichtsplattform, die grandiose Blicke über die Landesgrenze hinweg ermöglicht. Wo? Auf den Höhen der Hauberge, am Rand zum Siegerland.

Ein Grenzstein am Wegesrand auf einer Höhe am Rothaargebirge: Die eine Seite weist mit den eingravierten Initialen KP für Königreich Preußen Richtung Siegerland, die andere, mit HN für Herzogtum Nassau auf die hessische Seite. Eine Grenzziehung inmitten der Haubergslandschaft, die im Jahr 1816 infolge des Wiener Kongresses (1814/15) erfolgte, als das Siegerland von den Nassauern an Preußen abgetreten werden musste. Das passierte im 19. Jahrhundert in vielen deutschen Regionen, denn Preußen expandierte mit siegreichem Militär und Diplomatie bis zur Gründung des Deutschen Reiches 1871 kontinuierlich.

Einzigartig ist die Region an der Grenze zwischen Lahn-Dill-Bergland und Rothaargebirge jedoch durch ihre besondere Form der Holzwirtschaft. Um was es dabei geht, vermittelt beispielsweise die knapp 16 Kilometer lange Wanderstrecke Dill-Bergtour, die 2015 eröffnet wurde. Vom Einstiegsportal im Haigerer Stadtteil Offdilln geht es erst einmal eine gute halbe Stunde stramm bergauf, ehe man am Sportplatz das kleine Freilichtmuseum erreicht, das über die Hauberge und die Holzwirtschaft informiert.

Sie wird hier seit Jahrhunderten und auch heute noch betrieben und ist typisch für das südliche Sauerland, Teile des Westerwaldes und das nördliche Dillgebiet. Sie diente nicht nur der Gewinnung von Heizmaterial, sondern auch zur Herstellung von Holzkohle für die in dieser Region traditionelle Eisenerzverarbeitung. Zudem gewann man sogenannte Gerblohe, zum Gerben benutzte Baumrinde.

Die Hauberge, meist Eichen-Birken-Niederwälder, wurden und werden genossenschaftlich betrieben. Das heißt, sie befinden sich im Eigentum der Haubergsgenossenschaft, an der man Anteile durch Kauf oder Vererbung erwerben konnte. Ziel ist die Nachhaltigkeit: Es darf nur so viel geerntet werden wie nachwächst. Deshalb wird jedes Jahr nur eine bestimmte Fläche für die Holzernte zur Verfügung gestellt. Die Bäume werden dann "auf Stock gesetzt". Das heißt: Bis auf einen Stumpf über dem Boden abgeschnitten, so dass sie im nächsten Jahr wieder neu austreiben können. Der Rundweg führt über gut ausgebaute und beschilderte Wege und Pfade an abgeernteten und wieder im Entstehen befindlichen Haubergen vorbei, durch Laub- und Nadelwald und über Freiflächen mit grandiosen Fernblicken. Beliebter Rastpunkt ist die idyllische Bocksbornquelle zwischen mächtigen Fichten oberhalb Offdillns.

Bemerkbar sind in dieser Region wie in kaum einer anderen in Hessen allerdings auch die Folgen langjähriger Trockenheit und des Borkenkäferbefalls - bitter notwendige Kahlschläge, die manchen Förstern die Tränen in die Augen treiben.

Weiter geht es auf dem Rothaarsteig immer auf der Grenze zwischen Hessen und Nordrhein-Westfalen entlang zu einem markanten Aussichtspunkt: Zur Plattform "Nase im Wind" auf der Tiefenrother Höhe. Hier bietet sich von bequemen Holzsofas aus ein grandioser Panoramablick ins südliche Siegerland. Kurz vor diesem Höhepunkt der Tour hat man eine weitere historische Besonderheit überquert: den 2,6 Kilometer langen Rudersdorfer Eisenbahntunnel der Bahnlinie Siegen - Gießen, der hier 1915 durch den Berg getrieben wurde.

An der Tiefenrother Höhe macht der Steig einen Schlenker durch das Nachbarbundesland NRW. An der Kalteiche, einem 580 Meter hoher Berg bei Wilgersdorf, kann man sich auf einem 300 Meter langen Pfad ebenfalls über die Haubergswirtschaft informieren. Von dort aus geht es gut drei Kilometer durch vorwiegend Mischwald bergab Richtung Dillbrecht, von wo aus man über den Radweg im oberen Dilltal nach gut zwei Kilometern wieder den Ausgangspunkt bei Offdilln erreicht.

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