Sprungturm-Prozess

Tödlicher Sturz: Mediziner bewerten Verletzungen des verunglückten Mädchens

  • schließen

Rettungskräfte, Ärzte und ein Gutachter sagten am Donnerstag vor dem Gießener Landgericht zur Todesursache einer Zwölfjährigen aus. Sie war an einem Sprungturm auf dem Hoherodskopf verunglückt.

Der zweite Prozesstag war für die Angehörigen der zwölfjährigen Sina nur schwer zu ertragen. Über die Verletzungen des Mädchens, das vor dreieinhalb von einem Sprungturm auf dem Hoherodskopf gestürzt war, berichteten vor dem Gießener Landgericht Rettungssanitäter und -assistenten, behandelnde Ärzte und Professor Manfred Riße, der sein rechtsmedizinisches Gutachten erläuterte. Im Fokus gestern: Ein Stein am Absturzort des Kindes. Unter der Anklage, Sicherheitsvorkehrungen missachtet zu haben, müssen sich die beiden Betreiber des Kletterparks in Schotten wegen fahrlässiger Tötung vor Gericht verantworten.

Ohne diese Entlastungsoperation am Schädel wäre das Kind unmittelbar gestorben

Prof. Riße, leitender Oberarzt, Rechtsmedizin der Uniklinik Gießen

Am 5. Oktober 2015 wurde die Leiche der Zwölfjährigen obduziert. Etwa 1,47 Meter groß und 34 Kilogramm schwer war die Zwölfjährige zu diesem Zeitpunkt, wie Prof. Riße, leitender Oberarzt am Institut für Rechtsmedizin der Universitätsklinik Gießen und Marburg (UKGM), erläuterte. Der Forensiker beschrieb den Zustand des Körpers, wobei ein breitflächiger, handtellergroßer Knochendeckel am Schädel bereits nach Einlieferung in der Universitätsklinik weggenommen worden war: "Ohne diese Entlastungsoperation am Schädel wäre das Kind unmittelbar gestorben."

Das war auch die Einschätzung des Oberarztes der Kinder-Intensivstation in Gießen, der Sina betreut hatte und als Zeuge gehört wurde. "Es gab eine Trümmerfraktur rechts am Schädel und ein schweres offenes Schädel-Hirn-Trauma an der rechten Hirnhälfte, zudem eine Fraktur am linken Oberschenkel und verschiedene Blutungen", sagte er vor der Zweiten Strafkammer unter Leitung des Vorsitzenden Richters Jost Holtzmann zu seinen Diagnosen. Den genannten Teil der Schädeldecke habe man entfernen müssen, um den Hirndruck zu verringern. Sina starb jedoch am 1. Oktober 2015, ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben, referierte Riße aus der Krankenakte. Auftrag für sein Gutachten war die Behandlung der Frage, wodurch die für Sinas Tod ursächliche Kopfverletzung entstanden war – möglicherweise durch einen Stein in der Nähe, auf dem sie aufgeprallt sein könnte.

Forensiker sichtet Fotos, Videos und 3-D-Bilder

Der Forensiker bildete sich seine Meinung nach Sichtung von Fotos, des Sturzvideos, der 3-D-Bilder aus der Klinik und dem eigenen Institut sowie der eigentlichen Obduktion: "Ein Aufschlagen auf der Rasenfläche reicht für eine solches Frakturbild, wie wir es gesehen haben, nicht aus. Der Felsbrocken kommt als Ursache für die schwere Kopfverletzung in Betracht. Das konkrete Bild der Fraktur passt eher zum Stein." Auch der Fleck auf dem Felsbrocken, den der behandelnde Notarzt zu Protokoll gegeben habe, entspreche der Stelle der Fraktur am Schädel, sagte Riße. Der Boden oder ein im Umfeld des Sturzes befindlicher Erdnagel hätten im Falle eines Falles ein anderes Verletzungsmuster ergeben, präzisierte er.

Auf Rückfrage des Vorsitzenden Richters bestätigte der Facharzt für Rechtsmedizin aber auch, dass ein Schädel-Hirn-Trauma anderer Ausprägung nicht auszuschließen sei, gegebenenfalls auch mit Todesfolge, wenn der Brocken nicht dagewesen und das Kind direkt auf den Boden aufgeschlagen wäre. Dass die Polizei damals zu Protokoll gegeben habe, kein Blut auf dem Stein gefunden zu haben, wandte hier Strafverteidiger Frank Richtberg ein. Der Kopf eines Menschen sei zwar gut durchblutet, antwortete Riße – "aber hat auch Haare." Das könne die Blutung aufhalten, so dass es verständlich wäre, wenn Blut nur dort gefunden worden wäre, wo das Kind gelegen habe.

Notarzt schildert erhebliche Blutungen

Auch der von Prof. Riße benannte Notarzt war zuvor als Zeuge geladen worden und hatte die Situation vor Ort geschildert, nachdem er am späten Nachmittag des 31. Augusts 2015 zu der Unglücksstelle gerufen worden war: "Das Kind lag links zwischen Gerüst und Kissen neben einem Felsbrocken und war tief bewusstlos." Es befand sich bereits in stabiler Seitenlage, vorgenommen durch eine ersthelfende Krankenschwester, die zufällig zugegen war. "Es gab erhebliche Blutungen am Kopf, den ich hinten mit einer Kompresse abgedeckt habe. Ich meine, mich an einen feuchten Fleck auf dem Felsen zu erinnern. Auf jeden Fall war Blut auf dem Gras."

Seiner Erinnerung zufolge war der Boden trocken und fest, was seiner Einschätzung nach aber kaum für diese Art der Kopfverletzung ausgereicht hätte. An den festen Boden erinnerten sich auch zwei der drei Rettungssanitäter und -assistenten, die als Zeugen aussagten. Nachdem der Notarzt einen Beatmungstubus angelegt hatte, übernahm der Mediziner aus dem Hubschrauber die Weiterbehandlung des Kindes, das in die Uni-Klinik Gießen transportiert wurde. Der Prozess wird am Dienstag kommender Woche fortgesetzt. Dann soll es unter anderem um das Gutachten des Sachverständigen vom TÜV Thüringen gehen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare