Tikato: Das Wasser ist zurück - und mit ihm eine Zukunft

Wetzlar/Gießen (hjs). Die TIKATO-Reisegeruppe konnte sich bei einem Besuch in Burkina-Faso in Westafrika von der Funktionalität des Staudamms überzeugen. Bei einer Überschwemmung 2009 war dieser geborsten. Jetzt gibt er durch sein Wasser 5000 Menschen eine neue Zukunft.

In gleißendem Sonnenlicht violett glänzende Auberginen, pralle Kohlköpfe, dicke Tomaten in sattem Rot und Wasser, soweit das Auge reicht: das prachtvolle Bild bot sich der Tikato-Reisegruppe in den Gärten am reparierten Staudamm von Pissila/Tikato. Renate Reinecke (Oberkleen), Rolf Schwarz (Naunheim), Heidi J. Stiewink (Blasbach) und Wilhelm Wilmers (Dalheim) standen mit über 200 Leuten vor dem mit Wasser gefüllten Becken. Da, wo im letzten Jahr nur noch trostlose Einöde und Dürre herrschten und lediglich eine Restlache dem Vieh den Durst stillte, da blühte nun wieder das Leben. Die Gärtner, Männer und Frauen, Alte und Junge kamen wieder zurück, um Land zu bestellen, zu säen, zu pflanzen und zu ernten. Vorbei mit der Landflucht. Vorbei die Sorge ums Überleben.

Über 100 000 Euro Spenden aus Mittelhessen

Pastor Etienne Bazié, Ingenieur und Direktor der Entwicklungsbüros der evangelischen Kirchen in Burkina, war regelrecht ergriffen beim gemeinsamen Besuch am Damm. Er konnte sich gar nicht satt sehen an dem Wasser und den prachtvollen Gärten. Trotz aller Unkenrufe war der durch eine Überschwemmungskatastrophe am 31. Juli 2009 gebrochene Damm durch eine Baufirma, unter starker Mithilfe der Bevölkerung und der Begleitung des Wetzlarer Geologen und dem Tikato-Mitglied Dr.

Wilhelm Wilmers repariert worden. Er konnte das Wasser der Regenzeit 2010 aufnehmen. Weit mehr als 100 000 Euro waren in 15 Monaten an Spendenmitteln im Raum Wetzlar/Gießen zusammen gekommen und hatten die Reparatur überhaupt ermöglicht. Ein Jahr später hatte auch "Brot für die Welt" einen Anteil von zusätzlich 10 Prozent übernommen.

Keins von den über 20 Becken, die in Burkina Faso zum etwa gleichen Zeitpunkt brachen und durch einen schwedischen Hilfsfonds repariert werden sollten, wurde zu neuem Leben erweckt; noch nicht einmal eine Planung besteht. Etienne Bazié: "Als einziger funktioniert der Tikato-Staudamm und gibt 5000 Menschen neue Zukunft. Sagt unseren Dank allen in Eurer Heimat!"

Deutliche Veränderungen in Burkina Faso

Renate Reinecke war erstmals in Afrika. Erschüttert von den extremen Lebensbedingungen, unter denen die Burkiner arbeiten müssen, staunte sie anerkennend: "Die Erträge unserer heimischen Tikato-Arbeit für und in Burkina sind immens. Dass unsere Projekte so gut hier funktionieren, hätte ich nicht zu hoffen gewagt.

" Damit verwies sie auch auf die Kleinprojekte am Staudamm, etwa die Alphabetisierung von Frauen und Männern, die Trocknung von Gemüse auch zum Export sowie die Kinderbetreuung. Die sollen nach Willen der Partner und der Reisegruppe für drei Jahre verlängert und unter anderem um die Intensivierung der Gärtner-Organisation erweitert werden. Der Beschluss hierzu wird als Priorität auf der nächsten Tikato-Sitzung stehen.

Zu einem großen Fest wurde in der zweitgrößten Stadt des Landes auch die Übergabe des ausgemusterten, aber technisch überprüften Wetzlarer DRK-Rettungswagens. Der Bürgermeister von Koudougou, Seydou K. Zagre und der Kommandant der Feuerwehr bestätigten mit Stolz die Einschätzung des Einsatzleiters: "Solch einen technisch einwandfreien und hochmodernen Rettungswagen gibt es in ganz Burkina nicht. Sagt unseren Dank den Spendern und denen, die den Transport ermöglichten".

Das waren neben den Initiatoren Friedel Schmidt (DRK) und Rolf Schwarz (Tikato) der KFZ-Betrieb Wendt in Schöffengrund, der den Wagen kostenlos überholt hat, die Kirchengemeinde Krofdorf-Gleiberg, die Klassen 12 BG2 (Keller) und LK 12 Wirtschaftslehre (Rumpf) der Theodor-Heuss-Schule um Katharina Graben (Bechlingen) sowie acht Einzelspender.

Der Wandel im zweitärmsten Land der Erde ist unübersehbar. Die Reichen werden reicher. Prachtbauten und Luxuslimousinen prägen das neue Bild der Millionenstadt. Hütten- und Lehmhäuschenbesitzer werden nach weit außerhalb der Stadt umgesiedelt. Die Bettler auf den Straßen werden mehr, die Kinderarbeit umfangreicher. Da tröstet es, wenn man gelungene Projekte von Nicht-Regierungsorganisationen in Augenschein nimmt. Und von Einheimischen selbst.

Wie die Gründung der ersten Kinderkrippe in Burkina Faso für Kinder von drei Monaten bis drei Jahren durch die Pädagogin und Soziologin Bernadette Kabre. "Das ist eine sinnvolle Sache in der Stadt, in der immer mehr Berufstätige die Erziehung nicht mehr den Hausmädchen anvertrauen wollen, wenn die Größeren in der Schule sind", sagt Wilhelm Wilmers. Ihn und die anderen der Wetzlarer erstaunt auch eine neue Einrichtung des Partners ODE selbst: Das Entwicklungsbüro hat eine eigene Bank gegründet, die sich als einzige Aufgabe die Micro-Kreditvergabe an Kooperativen gestellt hat.

"Das hilft den Menschen in die Unabhängigkeit", betont Etienne Bazié. Das will auch die burkinische Organisation "Qualität im Alter", indem sie die Spendengelder eines Aßlarers in 2010 und einer Braunfelserin in diesem Jahr zum zweiten Mal für die hart arbeitenden Steinbruchfrauen mit Know-How wie Alphabetisierungskurse und Vergabe von Microkrediten verwenden will. "Das ist zukunftsträchtiger als von der Hand in den Mund zu leben und deren Kinder haben dann wenigstens die Chance, in die Schule zu gehen", so die Vorsitzende. Sie will nach und nach für die Ausbildung von 2000 Frauen sorgen - wenn noch Spenden eingehen.

Tikato , der Name eines Dorfes bei Pissila im Nordosten von Burkina Faso, ist für die Menschen von Lahn und Dill zu einem Markenzeichen geworden. Dort entstand ab 1976 ein Regenwasser-Rückhaltebecken. Das war das erste große Projekt, an dem sich viele Menschen aus Mittelhessen mit Spenden beteiligten - "Brot für die Welt zum Anfassen". Aus diesem Projekt sind inzwischen mehr als 130 weitere Projekte erwachsen. Von diesem Rückhaltebecken hat der Arbeitskreis seinen Namen übernommen. (pm)

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