Tierexperte Rütter: Ja, der Hund darf mit auf die Couch

Wetzlar (chl). Deutschlands wohl bekanntester Hundetrainer Martin Rütter hatte gerufen; knapp 4000 Herrchen und Frauchen haben pariert und am Dienstagabend die restlos ausverkaufte Wetzlarer Rittal-Arena bevölkert. Na gut, es befanden sich nicht ausnahmslos Hundehalter im Publikum. Aber die Zahl derjenigen, die allein wegen des Spaßes an dem kurzweilig-unterhaltsamen Bühnenprogramm "Hund-Deutsch / Deutsch-Hund" gekommen waren oder sich Gassigeher in spe nennen, blieb überschaubar.

Die mehrheitlich Anderen aber erhofften sich vom als "Dog-Father of Hundeerziehung" vorgestellten und jubelnd begrüßten Protagonisten neben einem zweistündigen comedyhaften Anekdotenritt auch neue Erkenntnisgewinne und handfeste Tipps vom tierpsychologischen Experten.

Der stand ganz allein inmitten überdimensionaler Requisiten - Hundehütte, Fressnapf mit Knochen - auf der Bühne. Nur ein echter Hund fehlte, aber Rütters 15-jährige Golden-Retriever-Dame schaute zumindest als bildliches Konterfei von der Hundehüttentür mit aufs Publikum.

Eine zentrale und immer gestellte Frage sei, ob der Hund aufs Sofa dürfe: Ja, der Hund darf mit auf die Couch! Der Grund, so Rütter, sei eigentlich sehr simpel: Dort findet es Bello einfach nur bequem, und nicht etwa, weil er damit eine dominante Position demonstrieren wolle. Wichtig sei aber, dass der Platz auf der Couch nur dann gestattet sei, "wenn er dich ab und zu mit drauf lässt". Ansonsten sei es mit dem Ausmachen der Hierarchie im Haus sowieso schon zu spät.

Mit begeistertem Zwischenapplaus bekundeten die Zuhörer immer wieder ihr Gefallen an die Ausführungen. Zwar parierte das Publikum auf ein strammes "Aus!" seitens Rütters nicht immer mit darauffolgender gehorsamer Stille. Dies zeigte aber auch, dass es oftmals die Hundebesitzer sind, die erzogen werden müssen. Aber die seien sowieso nicht normal, weshalb Rütter dieser Spezies, zu der er ja auch gehört, per Definition den Namen "Hundemenschen" gibt - oder genauer "Homo sapiens canis lupis familiaris affinitas". Diese Weiterentwicklung des normalen Menschen offenbare sich in verschiedenen Verhaltensweisen, die Rütter mit Witz und Humor, aber auch mit einer Portion Belehrung sezierte. Da machte er eine sich ständig zunehmende Vermenschlichung der Hunde aus. Das zeige sich in der Vergabe von immer mehr Kindernamen wie Emma, Mia, Lotta oder Mäxchen. Dies sei zwar dem Hund egal, aber der Weg, den Hund wie ein Kind zu behandeln, sei da nicht weit. Mitunter würden die Kinder mehr reglementiert und bestraft als Hunde. Die Hundeerziehung beeinflusse auch die Beziehung zwischen Mann und Frau.

Wenn sich Männer vergleichbar junger, noch nicht kastrierter Hunde benehmen und nach einem nächtlichen Kneipenexzess mittels aktiver Beschwichtigung (Döneressen) versuchen, mit fast neutralisiertem Atem ins Bett der Liebsten zu krabbeln und zugunsten des Hundes eine Abfuhr erfahren, laufe schon etwas verquer. Überhaupt artikulierte Rütter oft aus der Sicht der Hundemenschen-Frau, um das Dreiecksverhältnis Mann-Frau-Hund überspitzt darstellen zu können.

Auch ansonsten sei dem Hundemenschen wohl angeboren, nur das Beste für Bello zu wollen. Schon karrte Rütter einen Bollerwagen mit der Erstausstattung herbei - Hundedecke, Fressnapf, Körbchen, Halsband, Hundeleine - natürlich alles in zweifacher Ausführungen, man kann ja nie wissen, wo sich Hund im Haus am wohlsten fühlt. Aber auch beim Hundefutter werde oft zu den teueren Markenangeboten zurückgegriffen, während Mensch lieb und gerne die Grillparty mit Fleisch vom Discounter bestückt. Als Extremsituation beobachtete Rütter die so genannten WWAs, die Welt-Welpen-Abholtage. Die Kinder wollen einen Spielkameraden, bei der Frau erwachen Mütter- und Brutpflegeinstinkte und der Vater liebäugelt eher mit dem Welpen mit dem dicksten Kopf, um auch später einen Vorzeigekerl an der Leine führen zu können.

Während dieser Tag für die zukünftigen Halter zum Großereignis mutiert, seien die kleinen Hunde dabei einfach nur gestresst.

Weiterhin sinnierte Rütter darüber, wer bei Mensch und Hund eigentlich wen und wie oft beeinflusst, warum Hunde oft im Vier-Stunden-Rhythmus ihr Fressen bekommen, obwohl sie doch vom Wolf abstammen, oder warum Hunde bellen, wenn es an der Haustür klingelt.

Mitunter erschien es aber so, als ob Rütter durch das ins Lächerliche gezogene Verhalten und autoritäre Ansichten mancher Hundeschulen seine eigene "Lehre" (D.O.G.S. - Dog Orientateted Guiding System - am Hunde orientiertes Führungssystem) und sein deutschlandweites Hundetrainer-Netzwerk propagieren wolle.

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