Das Tier im Pelzmantel TEIL 9 DER SERIE

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Die Ureinwohner Nordamerikas nannten ihn "Der mit den Händen schrubbt und kratzt". Und weil der Waschbär ihnen zudem besonders clever erschien, erhielt er in der indianischen Mythologie einen ähnlichen Platz wie hierzulande Reineke Fuchs. Die europäischen Neubürger, die die Küsten der Neuen Welt erreichten, zollten der Gewitztheit des Waschbären hingegen keinerlei Respekt. Sie interessierten sich lediglich für sein dichtes Fell. Die Fallensteller und Jäger verfolgten den Waschbär erbarmungslos. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts landete jährlich etwa eine halbe Million Pelze allein in Londoner Lagerhäusern an. Waschbärenfelle wurden vor allem zu Reisemänteln, aber auch zu Muffs und Kappen verarbeitet: Noch waren Kutschen und erste Eisenbahnen unbeheizt. Da schützte der gehoben Reisende sich gern mit fremden Fellen.

Die Ureinwohner Nordamerikas nannten ihn "Der mit den Händen schrubbt und kratzt". Und weil der Waschbär ihnen zudem besonders clever erschien, erhielt er in der indianischen Mythologie einen ähnlichen Platz wie hierzulande Reineke Fuchs. Die europäischen Neubürger, die die Küsten der Neuen Welt erreichten, zollten der Gewitztheit des Waschbären hingegen keinerlei Respekt. Sie interessierten sich lediglich für sein dichtes Fell. Die Fallensteller und Jäger verfolgten den Waschbär erbarmungslos. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts landete jährlich etwa eine halbe Million Pelze allein in Londoner Lagerhäusern an. Waschbärenfelle wurden vor allem zu Reisemänteln, aber auch zu Muffs und Kappen verarbeitet: Noch waren Kutschen und erste Eisenbahnen unbeheizt. Da schützte der gehoben Reisende sich gern mit fremden Fellen.

Dass die Tierart diese durch die Nachfrage der Pelzindustrie bedingte Attacke überhaupt überlebte, lag an ihrer Anpassungsfähigkeit. Waschbären können sich, versteckt in der Dämmerung und Nacht, durchaus diskret und unauffällig benehmen. Zudem stellten sich die flexiblen Generalisten auf die wachsende menschliche Nachbarschaft ein. Sie begannen, vom Nahrungsangebot der Siedler zu profitieren. Vor allem sind sie in der Lage, ihre Reproduktionsfähigkeit bei Bedarf deutlich zu steigern und Verluste wettzumachen. Sie hielten durch. Bald gelangten auch gefangene Tiere nach Europa. In Deutschland gab es diverse Versuche, Waschbären als Pelzlieferanten zu züchten. Aber, anders als beim Nerz, waren die Zuchterfolge bescheiden.

1934 hatte der Geflügel- und Pelztierzüchter Rolf Haag in der Nähe des Edersees eine neue Idee. Er wandte sich an das Forstamt Vöhl. Er könne zwei Paare Waschbären, ein Weibchen davon trächtig, zur Freisetzung anbieten. Man würde ja sehen, was dann passierte. Dem Forstamt schien das eine vielversprechende Initiative. Der ehemalige Forstamtsleiter Eberhard Leicht hat die Auswilderung historisch rekonstruiert: Für die Aussetzung "ausländischer Tierarten" bedurfte es einer offiziellen Genehmigung der preußischen Forst- und Jagdverwaltung, an deren Spitze der Nationalsozialist und preußische Ministerpräsident Hermann Göring stand. Dessen Behörde hatte keinerlei Einwände. Zwar äußerte ein Bekannter Görings, der Berliner Zoodirektor Lutz Heck, gewisse Bedenken, aber kurz darauf setzte er Waschbären in Görings Jagdrevier in der Schorfheide aus. Dort sollte eine vermeintlich deutsche Urlandschaft inszeniert werden.

Die ausgesetzten Waschbären am Edersee nutzten derweil die Chance auf Freigang und machten sich heimisch. Einige Jahre waren sie gar unter Naturschutz gestellt. Dann ging plötzlich alles ganz schnell: Statt toter Pelze breiteten sich in Hessen nun die lebendigen Tiere mit unerwarteter Geschwindigkeit aus. Menschen mussten lernen, mit den neuen Mitbewohnern umzugehen. Waschbären fordern ständig Reaktionen heraus. Immerhin bringen sie Menschen dazu, große Steine auf Mülltonnen zu legen, Blechmanschetten an Dachrinnen anzubringen, Gitter in Schornsteine einzulassen und Obstgärten zu verbarrikadieren. In Bezug auf unser gesellschaftliches und ökologisches Selbstverständnis ist es aufschlussreich, das neue Verhältnis zu beobachten: Ein anpassungsfähiges Säugetier trifft auf ein anderes anpassungsfähiges Säugetier. Der Ausgang ist offen.

Dr. Anna-Katharina Wöbse ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Biologiedidaktik der Universität Gießen.

Das Verhältnis Mensch/Tier ist von

Gegensätzen geprägt. Viele Menschen

verwöhnen Hund und Katz.

Andere können die "Viecher" nicht

ausstehen. Wir beschreiben das

Spannungsfeld mit Beispielen.

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