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Tanzbar Hazienda: Eine Disko in der Scheune

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Von: Burkhard Bräuning

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Auch Marianne Rosenberg war gerne gesehen bei Charly und Irmi.
Auch Marianne Rosenberg war gerne gesehen bei Charly und Irmi. © Privat

Sie waren jung, mutig, und sie schufen eine der angesagtesten Diskotheken in Hessen. Mitten im Vogelsberg bauten Karl und Irmi Roth die Tanzbar Hazienda. Über 16 Jahre war »die Bude« voll.

Das 600-Einwohner-Dorf Engelrod ist ein Ortsteil der Gemeinde Lautertal im tiefsten Vogelsberg. Das Dorf bei Ulrichstein war aber stets ein Anziehungspunkt, wenn es um Gastronomie ging. Heißt: Es gab vor mehr als 40 Jahren vier Kneipen. Das Gasthaus der Familie Roth konnte Anfang der 1970er Jahre sogar auf eine fast 200-jährige Geschichte zurückblicken. In den Siebzigern übernahmen dort die »jungen Leute« die Leitung: Karl Roth, den noch heute alle Charly nennen, und seine Freundin Irmi. Die Kneipe war schon immer Treffpunkt der Vereine. Die Älteren tranken dort ihr Bier, schwatzten und sangen. Die Jungen wollten wollten lieber Musik hören und tanzen. Das passte nicht zusammen. Also bauten die Roths die Etage über der Kneipe aus, stellten eine Musicbox auf, installierten Discokugeln und Schwarzlicht. »Mehr brauchte es nicht«, sagte Charly, »um jeden Abend die Bude voll zu haben«. Das Angebot war ein Knaller – und zog Jugendliche aus der ganzen Region an. »Die kamen bis aus Fulda hoch.«

Die kleine Disco platzte bald aus allen Nähten. Ein kühner Plan wuchs in den Köpfen von Charly und Irmi. Eine große Tanzbar sollte her, eine richtig schicke Diskothek. 1972 starteten sie das Projekt. Irmi war gerade 17, Charly 22. Die Familien halfen mit. Am 20. September 1974 war alles fertig: Die »Tanzbar Hazienda« öffnete ihre Tore – mit Platz für 600 Gäste. »Wir haben eine Anzeige geschaltet«, sagt Irmi. »Und das Haus war voll. Von dem Tag an war es viele Jahre lang immer voll.«

Von Costa Cordalis bis Boney M

Das Einzugsgebiet war groß: Es kamen Gäste aus Frankfurt und Hanau, Bad Nauheim und Friedberg, aus Gießen, Marburg und Fulda. Bald war die Hazienda zu klein. Es wurde an- und umgebaut. Danach passten 1200 Menschen hinein und schließlich wurde auch ein Bistro eingerichtet. Als 1984 das Zehnjährige gefeiert wurde, war die Hazienda eine ganz große Nummer in Hessen. Und nicht nur die DJs wie »Sir Amos« sind heute noch unvergessen. Die Roths wollten ihren Gästen auch Livemusik bieten – und sie holten viele Stars in den Vogelsberg. »Wir hatten sie alle«, sagt Irmi. Und mit alle meint sie die Topstars der 70er und 80er. Die Liste reicht von Costa Cordalis bis Howard »Howie« Carpendale, von Jürgen Drews bis Frank Zander, von Marianne Rosenberg bis Boney M, von den Puhdys bis zu den Rodgau Monotones. Rosenberg war gerade 16, als sie zum ersten Mal in Engelrod auftrat. Bekannte Bands aus der Region, wie Castle Boys und Chapeau Claque, spielten, es gab Mottoabende mit Hardrock. »Da wurde dann auch AC/DC aufgelegt«, sagt Charly begeistert.

Oberhessischer Heiratsmarkt

Irgendwann kamen sie alle nach Engelrod, die Topstars der 1970er und 1980er. Irmi Roth zeigt auf die Fotos im Album: »Hier, er war unser erster Gast: Samtstimme George McCrae.« »Das war der Hammer, keiner hätte gedacht, dass wir das schaffen. Viele erzählten, es sei das Hochzeitgeschenk für meine Frau. War es aber nicht«, sagt Charly und zwinkert. Wie alle anderen Promis wurde auch McCrae ganz familiär versorgt: In der Küche und im Wohnzimmer der Familie Roth.

Das Zehnjährige war ein Riesen-Event, Tausende pilgerten nach Engelrod. Sieben Tage Programm. Alle Abende ausverkauft! Da bebte der Vulkan. Zu dem Zeitpunkt hatte ganz Hessen so etwas noch nicht gesehen. »Wir könnten tagelang von dieser Zeit erzählen«, sagt Irmi. 1990 stiegen beide aus, verkauften die Tanzbar. »Wenn es am schönsten ist, muss man gehen«, meinte Charly, »es war genau der richtige Zeitpunkt zur Neuorientierung«. Und Irmi fügt hinzu: »Jetzt konnten wir selbst das Wochenende gestalten und auch mal zum Tanzen gehen.«

Fehlt noch eine wichtige Information für die Leser, die nie in der Hazienda waren, alle anderen wissen es ja: Die Disco war auch als »oberhessischer Heiratsmarkt« bekannt. Hier lernten sich viele junge Menschen kennen, hier verliebte man sich. Irmis Schlusswort passt dazu: »Schön war’s!« Und es liegt ein bisschen Wehmut in ihrer Stimme.

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