Sympathie für den Teufel im Dreivierteltakt

Friedberg. - Wahrhaft "Wilde Geschichten" waren es, die am Freitag- und Samstagabend im Zirkuszelt auf der Seewiese erzählt wurden. Es war der Höhe- und Schlusspunkt des "Klasse Klassik Sommers", zu dem die Stadt Friedberg, die OVAG und die Sparkasse Oberhessen zum siebten Mal eingeladen hatten. Die Neue Philharmonie Frankfurt mit Solisten und Chor begeisterte unter der Leitung des Dirigenten Steffen Müller-Gabriel an zwei Abenden jeweils 1700 Zuhörer.

Das spricht für sich und spricht sich herum. Wie OVAG-Pressesprecher Andreas Matlé sagte, werden im nächsten Jahr - neben dem reinen Klassik-Abend (Tschaikowskys Klavierkonzert Nr. 1) und der Kindervorstellung ("Die Zauberflöte) - drei Crossover-Abende mit Klassik und Rockmusik angeboten; für "Fools and Heroes" hat der Vorverkauf bereits begonnen.

- Waren wir nicht alle mal wild? Freilich, der eine mehr, der andere weniger. Wem der Mut zur Wildheit fehlt, dem steht ja offen, die wilden Helden und Antihelden aus der Kulturgeschichte zu bewundern oder sich ihr Schicksal als warnendes Beispiel vor Augen zu führen - den "Fliegenden Holländer" etwa, der die Naturgewalten verfluchte und deshalb für immer und ewig auf den Weltmeeren kreuzen muss; den jungen Jedi-Ritter Anakin Skywalker, der, von der dunklen Seite der Macht verführt, als Darth Vader mordend eine ferne Galaxie erschüttert; oder den "ersten weißen Rapper" Falco, der in seinem letzten Lied "Out of the Dark" die Zeile singt "Muss ich denn sterben, um zu leben?" - eine Prophezeiung, die sich 1998 erfüllen sollte, als Falco unter Drogeneinfluss bei einem Autounfall ums Leben kam, woraufhin die Verkaufszahlen seiner Platten in die Höhe schnellten.

Wer mag wohl wilder sein - der Musik-Revolutionär Richard Wagner oder die Brachialpathetiker von Rammstein? Wagners "Fliegender Holländer" machte den Auftakt der rund dreieinhalbstündigen Show. Fanfaren kündeten schicksalsschwer von tosenden Stürmen, die zumindest während des Konzerts am Freitagabend die Friedberger Seewiese umschifften. Nur die Wiese vor dem Zelt glich einem Morast. "Wir spielen in jeder Show mindestens ein Wasserstück, damit der Regen nicht ganz so schlimm ist", verriet Dr. Ralph Philipp Ziegler, der musikalische Leiter der Neuen Philharmonie Frankfurt, dem Publikum. Ziegler war einmal mehr der heimliche Star des Abends. Mit funkelndem Esprit und lausbübischem Witz stellte er die Stücke vor und lieferte Analogien wie die von den bei Fußballweltmeisterschaften meist noch rechtzeitig vor dem Finale "fliegenden" Holländer.

Viel Applaus verdiente sich der Tenor Christian Brüggemann. Nicht nur, dass er die Rammstein-Ballade "Ohne Dich" ohne den für Rammstein typischen Grusel-Schwulst interpretierte. Auch die Ballade vom "Erlkönig" war "großes Kino", und dass Brüggemann, der Wagner-Tenor und Oratoriensänger, beim Finale mit seinen Kollegen aus der Rocksparte ganz befreit vom Belcanto in den Hüften wiegte und im Chor mitsang, war erfrischend anzusehen. Achim Dürr war einmal mehr der Mann fürs Grobe und die musikalischen Skurrilitäten. Bei "Sweet Transvestite" aus der "Rocky Horror Picture Show" fegte er als "süße Transe" über die Bühne, und den Tom-Waits-Klassiker "Tom Traubert’s Blues" gurgelte, grunzte und röchelte er so meisterhaft, dass jedes Reibeisen vorzeitig den Dienst quittieren kann. Nicht dabei war diesmal Katrin Glenz, die von Frieda Funke ersetzt wurde. "Bring me to Life" von der US-Band Evanescence sang Funke kraftvoll und getragen, bei dem Enya-Hit "Only time" hätte man sich gewünscht, die Technik hätte nicht ganz so viel Hall auf die Stimme gelegt. Vierter im Bunde der Gesangssolisten war Franco Leon, der es dank seiner umwerfend guten Stimme sogar schaffte, den fast schon totgedudelten Metallica-Song "Noting else matters" zu einem Erlebnis zu machen.

Grandios war, wie Leon bei "Hotel California" den zweiten Gitarrenpart übernahm und an der Seite von Konzertmeister und E-Gitarrist Ralf Hübner das geradezu hypnotisch wirkende Solo dieses legendären Eagles-Song mit der Stimme ergänzte. Nicht vergessen werden darf der Männerchor Spessart Spectacular, der bei Klaus Doldingers Filmmusik zu "Das Boot" oder beim Finale mit dem Rolling-Stones-Klassiker "Sympathy for the devil" für vokale Akzente sorgte.

Crossover, die Verknüpfung von Klassischer Musik und Rock, ist schon lange kein Tabubruch mehr und daher an und für sich keine "wilde Geschichte" per se. Die Neue Philharmonie Frankfurt, die mit Künstlern wie José Carreras, Nena oder - wie jüngst live im ZDF - mit dem Stargeiger David Garrett zusammenarbeitet, versteht es aber immer wieder, aus dieser Melange unterschiedlichen Stile ein Ereignis zu machen. Dazu gehört, dass beim "Imperial March" von John Williams, dem "Darth Vader’s Theme" aus der Sternenkrieg-Saga, blaue Scheinwerfer über den Köpfen von Orchester und Publikum den Kampf mit Laserschwertern imitierten.

Und dazu gehört, dass am Ende des Konzerts, nach dem ultimativen Rausschmeißer "The Final Countdown", eine weitere Zugabe folgte, nämlich der Walzer "Gold und Silber" von Franz Lehár, bei dem sich tanzende Paare unter der Zirkuszeltkuppel drehten. So klang ein wilder Abend im milden Dreivierteltakt aus. Jürgen Wagner

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