Der Superheld

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Ich gebe zu, dass ich mich an all diesen freien Abenden nicht ausschließlich mit dem Lesen der Klassiker Kleist, Lessing und Goethe oder mit dem Studieren der philosophischen Schriften Hegels und Schopenhauers beschäftige. Nein, ich habe auch mal "Batman" geglotzt. Und "Iron Man". Bisher war dieses Genre der Superheldenfilme an mir vorbeigegangen. Und zwar zu Recht, wie ich nun feststellte. Und doch träumte ich vergangene Nacht einen merkwürdigen Traum. Ich träumte, dass ein Superheld mit Superheldenumhang und Superheldenraketenantrieb auf dem Gießener Elefantenklo landete. Er trug eine Maske. Eine blau-weiße Maske, mit merkwürdigen Rauten gemustert. In Windeseile versammelten sich die Menschen auf der Straße, hielten sich an ihren Einkaufswagen fest und jubelten ihm zu. Viele hatten Tränen der Ergriffenheit in den Augen, als der Superheld zu reden begann: "In anderen Ländern herrschen chaotische Zustände. All das findet in der Welt statt, zum Glück nicht bei uns. Wir hatten von Anfang an alles im Blick. Wir haben konsequent, rechtzeitig und entschlossen gehandelt. Mit Maß, Mitte und Besonnenheit, mit Ruhe, Vorsicht und Geduld. Geduld hat Leben gerettet. Ungeduld kann es wieder riskieren." Ich blickte mich um. Die Menschen waren schier außer sich vor Entzücken. Ich aber fragte mich, warum dieser Superheld einen fränkischen Akzent hat. "Achtung und Vorsicht ist das Konzept für die Zukunft. Es gibt keinen Anlass zu Leichtsinn oder Schludrigkeit", predigte er mit pathetischem Timbre weiter. "Corona bleibt, Corona schläft nicht… wir aber auch nicht."

Wer ist "Corona?", fragte ich da meinen Nachbarn, der aus Respekt vor seinen Mitmenschen eine Darth-Vader-Maske trug. Doch ich verstand seine Antwort nicht, denn er atmete zu schwer. Doch so viel war klar: Es musste die Bösewichtin sein, die unser Superheld nun in die Knie zu zwingen beabsichtigte. Der Superheld spannte nun einen riesigen Schirm auf und rief: "Wir lassen in der Krise niemanden allein. Unser bayerischer Schutzschirm ist mit 60 Mrd. Euro der größte der Geschichte. Mein Amtseid gebietet, die Bayern zu schützen, den werd ich auch weiter konsequent erfüllen."

"Wieso Bayern?!" rief ein ketzerischer junger Mann hinein. "Wir sind doch hier in Hessen."

Doch der Superheld entgegnete, dass Corona vor Grenzen nicht haltmachen würde. "Corona ist kein Gewitter. Corona bleibt!", rief er. Nun begann die Menge zu skandieren: "Söder-Man! Söder-Man! Söder-Man!". Einen ältere Dame hinter mir hörte ich sagen: "Super, der Super-Söder, der weiß, wo es langgeht. Der packt an, der muss unser neuer Kaiser werden." An dieser Stelle wachte ich schweißgebadet auf und war schnell erleichtert, dass dies alles nur ein Traum gewesen war. Auch wenn es die Bösewichtin wirklich gibt und jedes Söder-Man-Zitat real ist.

Dietrich Faber ist Kabarettist, Musiker und Autor.

www.dietrichfaber.de

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