Suchdienst ist Teil der Geschichte

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Der NS-Opfer-Suchdienst ITS ist im Umbruch. Die neue Ausrichtung der weltweit einmaligen Einrichtung wird künftig auch im Namen deutlich. Aus dem ITS werden die Arolsen Archives.

Eine Hoffnung für Angehörige vermisster NS-Opfer, ein Schatz für Forscher, ein Denkmal unmenschlicher Verbrechen – das alles verbirgt sich hinter einer schmucklosen weißen Doppeltür in einer nordhessischen Industriehalle. Dort wird eigentlich Metall verarbeitet. Doch das Unternehmen in Bad Arolsen (Kreis Waldeck-Frankenberg) hat einen prominenten Untermieter: Der Internationale Suchdienst für NS-Opfer ITS lagert dort seine Bestände zwischen, ein neues Archiv ist in Planung.

Der Archivneubau ist nur ein Zeichen des Umbruchs, in dem sich der ITS seit knapp elf Jahren befindet. Seit das Archiv 2007 durch öffentlichen Druck für Forscher geöffnet wurde, hat die weltweit einmalige Einrichtung in Nordhessen neue Tätigkeitsfelder: Neben der Suche nach Vermissten gehören zunehmend Bildung, Forschung und Gedenken zu den Hauptaufgaben. Das wird ab dem Frühjahr auch im Namen sichtbar. Aus dem ITS werden dann die "Arolsen Archives – International Center on Nazi Persecution" (Internationales Zentrum für NS-Verfolgung).

ITS steht für "International Tracing Service" und beschreibt die ursprüngliche Aufgabe nach dem Zweiten Weltkrieg: Die Schicksale von Opfern nationalsozialistischer Verbrechen sollten geklärt, auseinandergerissene Familien zusammengeführt werden. Diese Aufgabe erfüllt der ITS bis heute. Knapp 20 000 Anfragen zu Personen gingen 2018 ein – Tendenz steigend.

Trotzdem war der Suchdienst lange Zeit umstritten: Die Bearbeitung von Anfragen war langwierig. Öffentlichkeit und Forscher hatten keinen Zugang. "Der ITS hat lange vor sich hingearbeitet wie eine Behörde", sagt die heutige Leiterin Floriane Azoulay. Außerhalb von Fachkreisen ist der Suchdienst zudem relativ unbekannt – obwohl seine Archivbestände zum Weltdokumentenerbe der UNESCO zählen.

Bei der Suche nach einem neuen Namen habe man sich daher die Frage gestellt: "Was ist die Relevanz dieser Institution?", erklärt Azoulay. Die Antwort liege in den 30 Millionen Dokumenten des Archivs. Dass sich die in Deutschland eher unbekannte Kleinstadt Bad Arolsen im Namen findet, liege an einer internationalen Besonderheit: "Arolsen" gilt im Ausland als Synonym für den ITS.

Der Hauptgrund für die Umbenennung sei, dass der alte Name nur auf die Ursprungsaufgabe des Suchdienstes verweise. "Er lässt wenig Raum für das, was diese Institution noch leistet", erklärt ITS-Sprecherin Anke Münster. Zwar sind 85 der 240 Mitarbeiter weiter mit Anfragen zu NS-Verfolgten beschäftigt. Es gibt aber mittlerweile auch eine Abteilung mit fünf Historikern, die publizieren, Vorträge halten und Forschungsprojekte initiieren. Der ITS wird vom Dienstleister zur Gedenk- und Bildungsstätte.

Der Wandel ist gesellschaftlich bedingt. Zeugen der NS-Zeit sterben aus: "Die Generation, die das miterlebt hat, ist nicht mehr da", sagt ITS-Leiterin Azoulay. Kommenden Generationen müsse man die Dokumente in den Archiven nicht nur zugänglich machen, sondern auch erklären. So stellte der Suchdienst im Sommer ein Internet-Angebot vor, dass die Dokumente der NS-Bürokratie erklärt und Abkürzungen übersetzt.

Denkmal aus Papier

Den Wandel des ITS nehmen auch die wahr, die mit ihm zusammenarbeiten: Früher seien Versuche, Akteneinsicht zu bekommen, nur über sehr umfangreiche Umwege möglich gewesen, sagt Rikola-Gunnar Lüttgenau, Sprecher der Gedenkstätte Buchenwald. "Erst in den letzten zehn Jahren ist eine Zugänglichkeit gewährleistet worden." Dabei sei der Suchdienst und seine Veränderung auch ein Spiegel der Gesellschaft: "Die Geschichte des ITS reflektiert in hohem Maß die Auseinandersetzung mit nationalsozialistischen Verbrechen."

Beispielsweise war der Suchdienst als temporäre Einrichtung gedacht gewesen. Doch nun ist er selbst Teil der Geschichte. Die vom ITS erstellte Zentrale Namenkartei (ZNK) ist Teil des Weltdokumentenerbes. Sie beinhaltet rund 50 Millionen Hinweiskarten zum Schicksal von 17,5 Millionen Menschen, die von den Nationalsozialisten verfolgt oder zur Zwangsarbeit verschleppt wurden.

Die Kärtchen werden dank Digitalisierung nicht mehr gebraucht. Trotzdem lagern sie im Archiv – zusammen mit Krankenkarten aus Konzentrationslagern, Häftlingskarten, Personalbögen und vielem mehr. Hinzukommen Unterlagen der Alliierten über Menschen, die aus Konzentrationslagern befreit wurden, und Dokumente, die durch die Arbeit des ITS entstanden sind. Würde man alle Akten nebeneinanderstellen, käme man auf eine Länge von 24 Kilometern.

"Wir sind weltweit das umfassendste Archiv über NS-Verfolgte", sagt Archivleiter Christian Groh. Der Umbruch des ITS, der vom Bund finanziert wird, verändert auch seine Arbeit. "Da wir mittlerweile fast das gesamte Archiv digitalisiert haben, können wir das Papier schonen." Überflüssig sind die Originale trotzdem nicht. Denn das "Denkmal aus Papier" – wie das Archiv auch genannt wird – soll für künftige Generationen konserviert werden.

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