"EUTHANASIE"-PROGRAMM

Streit um Gedenken an NS-Morde

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Wie kann der Opfer der NS-Kranken- und Behindertenmorde vom Idsteiner Kalmenhof würdig gedacht werden? Darüber schwelt in der Taunusgemeinde ein bitterer Streit. Inzwischen hat sich die Vermutung erhärtet, dass das Gräberfeld größer ist, als lange angenommen.

Sie wurden mit Morphium-Spritzen getötet oder verhungern gelassen. Die Nationalsozialisten ermordeten zwischen 1939 und 1945 mehr als 700 Kinder, Jugendliche und Erwachsene im Kalmenhof in Idstein nördlich von Wiesbaden, wie der Frankfurter Kulturwissenschaftler Christoph Schneider sagt. Viele der Opfer wurden auf einem Acker hinter dem Krankenhaus verscharrt, das Gebäude war der Haupttatort.

Weitere Gräber

Seit Ende der 1980er Jahre soll ein gemauertes Rondell neben einem etwa 250 Quadratmeter großen Gräberfeld an die Opfer des organisierten Massenmordes an seelisch leidenden, körperlich oder geistig behinderten Menschen erinnern.

Ein Gutachten von Schneider und geologische Untersuchungen im Jahr 2019 haben allerdings gezeigt, dass es sehr wahrscheinlich weitere Gräberfelder auf den angrenzenden Grundstücken gibt. Diese Grundstücke befinden sich jedoch in Privatbesitz. Der Kalmenhof-Träger Vitos, eine Tochtergesellschaft des Landeswohlfahrtsverbandes hat dem Vernehmen nach zuletzt vor wenigen Jahren eine Parzelle verkauft. Vitos betreibt in Idstein Einrichtungen der Behinderten- und Jugendhilfe. Das weitläufige Kalmenhof-Gelände mit Verwaltungs-, Werkstatt- und Wohngebäuden sowie der ehemaligen Turnhalle liegt direkt neben der historischen Altstadt.

In dem Taunusort läuft seit Jahren eine Diskussion darüber, wie mit dem ehemaligen Kalmenhof-Krankenhaus und dem Areal angemessen umgegangen werden sollte.

"Die Opfer der NS-Krankenmorde liegen heute, 75 Jahre nach der Befreiung, immer noch anonym, ohne Namensnennung und ohne Beachtung der Gräber an unbekannter Stelle, wie es dem Willen der Täter entsprach", sagt die Historikerin Martina Hartmann-Menz. Sie hat mit anderen Bürgern den Verein Gedenkort Kalmenhof gegründet.

Die Ermordeten vom Kalmenhof würden wie "Opfer dritter Klasse" behandelt, die strengen Vorgaben des Gräbergesetzes nicht eingehalten.

In Hessen liegen auf verschiedenen Gräberfeldern mehr als 10 600 Opfer des vom NS-Regime auch als "Euthanasie" bezeichneten Vernichtungsprogramms begraben, darunter 353 am Kalmenhof. Dies geht aus einer Antwort des Innenministeriums auf eine parlamentarische Anfrage der Linksfraktion im Landtag hervor.

Umbettung?

Was die möglichen weiteren Gräberfelder in Idstein angeht, müssen nach Auskunft von Vitos Rheingau die Ergebnisse der geologischen Untersuchungen weiter ausgewertet werden. "Für den Fall, dass die Angrabungen den Verdacht bestätigen, dass es sich um Grabanlagen handelt, liegt die Zustimmung für Umbettungen von den zuständigen Behörden bereits vor", teilt Geschäftsführer Sevet Dag mit. "Mit den wenigen Privatpersonen, deren Grundstücke aller Voraussicht nach von Grab- anlagen betroffen sind, sind Vitos und der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge in guten Gesprächen", erklärt er.

Unter anderem mit der Kriegsgräberfürsorge werde derzeit erörtert, wie auf inhaltlich und finanziell tragfähiger Basis ein würdiges Gedenken und eine soziale Nutzung "nachhaltig in Einklang gebracht werden können", teilt Dag mit. Eine "Zukunftswerkstatt" habe Vorschläge erbracht, auf deren Basis bis zu den Sommerferien ein konkreter Vorschlag erarbeitet werden soll.

Namen nennen

Für den Verein Gedenkort Kalmenhof ist jedoch bei Weitem noch nicht genug geschehen. Hartmann-Menz fordert eine eindeutige Zuordnung und namentliche Nennung aller Toten. Das ehemalige Krankenhaus und die Leichenhalle seien in einem beklagenswerten Zustand, sagt sie und zeigt auf Schmierereien und Vandalismus an den Gebäuden. Nach den Vorstellungen des Vereins sollte aus dem Haus ein "Lernort und Dokumentationszentrum" sowie eine Anlaufstelle für Angehörige werden.

Hinter dem sogenannten Euthanasie-Programm der Nationalsozialisten verbarg sich der organisierte Massenmord an Kranken oder behinderten Menschen. Der Begriff Euthanasie stammt aus dem Griechischen und setzt sich zusammen aus den beiden Wörtern eu (bedeutet so etwas wie gut, wohl), sowie thánatos (Tod). In der Medizin steht der Begriff für Sterbehilfe. In der Nazi-Zeit wurde er verharmlosend dafür benutzt, dass Ärzte in Pflege- und Heilanstalten ihre Opfer als "lebensunwertes Leben" aussonderten.

Nach Expertenschätzungen vielen insgesamt 120 000 bis 250 000 Menschen diesem Massenmord zum Opfer. dpa

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