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Störfall zwischen Körper und Seele

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Schmerzen, für die der Arzt keinen organischen Grund finden kann, Essstörungen oder Tinnitus: Der Grund dafür sind oft nicht verarbeitete seelische Belastungen wie Stress, Konflikte oder familiäre Probleme. Psychosomatische Erkrankungen belasten Betroffene in hohem Maße. Oft treffen sie dann in ihrem persönlichen Umfeld auf Unverständnis, weil man ihre Beschwerden nicht ernst nimmt: "Stell dich nicht so an!"

Prüfungsangst kann gewaltig auf den Magen schlagen. Im schlimmsten Fall mit Durchfall oder Erbrechen. Schweißausbrüche in Stresssituationen, Tinnitus und wiederkehrende oder chronische Schmerzen sind ebenfalls eine Wechselwirkung von Seele (Psyche) und Körper (Soma). Mit diesem Phänomen beschäftigt sich die Psychosomatische Medizin. Was steckt hinter diesen Beschwerden? Wie werden sie therapiert. Fragen an Prof. Johannes Kruse, Direktor der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie am Universitätsklinikum Gießen-Marburg (UKGM).

Was sind psychosomatische Erkrankungen?

Es sind Erkrankungen, bei denen psychische und soziale Aspekte in der Entstehung oder im Verlauf eine wichtige Rolle spielen. Man kann das nicht genau eingrenzen, weil bei sehr vielen chronischen körperlichen Erkrankungen Faktoren wie zum Beispiel Stress oder Trennungssituationen, also unterschiedliche psychosoziale Aspekte eine Rolle spielen. Es gibt aber auch eine Reihe von Erkrankungen, die charakteristisch sind.

Welche Erkrankungen zählen dazu?

Das sind zum einen Essstörungen wie Magersucht oder Bulimie. Daneben sind es Patienten mit funktionellen körperlichen Erkrankungen wie zum Beispiel funktionellen Herzbeschwerden, bei denen der Arzt dann häufig sagt: "Ich habe nichts Körperliches gefunden." Dennoch leiden die Patienten zum Teil erheblich darunter, dass Sie berentet werden müssen. Und es gibt noch die große Gruppe von körperlichen Erkrankungen wie zum Beispiel Diabetes oder koronare Herzerkrankung, wo psychosoziale Aspekte eine große Rolle spielen wie Stress, Angst, Depressionen - sowohl bei der Entstehung der Erkrankung als auch im Verlauf.

Kann man sie als eine Art neue Zivilisationskrankheit bezeichnen oder hat man das früher eher nach dem Motto abgetan: "Stell dich nicht so an!"?

Ja, die zweite Variante. Wir wissen auf der einen Seite, dass der Stress im Arbeitsleben, die Verdichtung der Arbeitswelt bei mangelnder Wertschätzung für viele Menschen ein Auslöser für solche Krankheiten sind. Auf der anderen Seite ist es aber auch etwas, was wir schon von der Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert kennen, was aber jetzt mehr Aufmerksamkeit bekommt.

Wie werden sie diagnostiziert?

Es wird immer simultan diagnostiziert. Man schaut, wie es auf der psychischen Seite aussieht, auf der sozialen und auf der körperlichen. Wichtig ist, nicht dem Körper weniger Aufmerksamkeit, sondern der Psyche mehr Aufmerksamkeit zu schenken, um hier das Wechselspiel zu erkennen. Also: Wie beeinflusst der Körper die Seele und wie die Seele den Körper. Deshalb ist es wichtig, auf beiden Ebenen gut nachzugucken, ob da eine psychische Beteiligung der Fall ist oder ob es sich um ein körperliches Geschehen handelt.

Das heißt, auch der Hausarzt muss so sensibilisiert sein, dass er, wenn er nichts Körperliches als Schmerzursache feststellen kann, den Patienten zum Facharzt weiterleitet?

Je nach Ausbildungsstand und Kompetenz des Hausarztes. Die jüngeren Hausärzte haben alle eine Weiterbildung in der psychosomatischen Grundversorgung. Da ist die Aufgabe, die psychischen, die sozialen und die körperlichen Dinge zu gewichten. Dann gibt es die Möglichkeit, zum Beispiel in einer psychosomatischen Ambulanz, dies fachspezifischer abzuklären. Das geschieht im Rahmen von Gesprächen, wo man über die aktuellen Belastungen und psychischen Aspekte spricht und das in Zusammenhang bringt mit der körperlichen Seite.

Welche Therapieverfahren werden angewendet?

Bei einigen Patienten ist es schon hilfreich, wenn diese vom Hausarzt über die Erkrankung informiert werden und sich im Gespräch entlasten können, um Wege zu suchen, die eigenen Kräfte wieder neu zu mobilisieren. Auch Entspannungsübungen wie Autogenes Training oder Qhigong sind hilfreich. Im Zentrum der Behandlung steht aber häufig die Psychotherapie. Die kann ambulant, tagesklinisch oder stationär erfolgen. Es gibt medikamentöse Behandlungen, die ab und zu notwendig werden.

Können solche Erkrankungen geheilt werden oder muss man ein Leben lang damit umgehen?

Es gibt Erkrankungen, die kann man heilen. Die Psychotherapie ist eine sehr hilfreiche und erfolgreiche Behandlungsmöglichkeit. Aber, es ist so, dass nicht alle Patienten bei schweren chronischen Erkrankungen geheilt werden können. Aber dass es zu einer deutlichen Verbesserung der Symptomatik kommt. Seelisch bedingt heißt nicht, dass man das alles heilen kann. Auch seelische oder psychosomatische Beschwerden können chronisch sein.

Werden psychosomatische Erkrankungen zunehmend festgestellt?

Ja! Die diagonstischen Behandlungsmöglichkeiten sind in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen - auch die Aufmerksamkeit, die dieses Feld hat - sodass in der psychosomatischen Medizin auch deutlich mehr Patienten behandelt werden.

Was kann man als Betroffener, als Patient tun?

Sich an jemanden wenden. Zum Beispiel den Hausarzt ansprechen. Wenn der den Patienten überweisen muss, kann man sich an die psychosomatische Ambulanz oder einen niedergelassenen Psychosomatiker wenden, um mit Fachleuten zu gucken, was hilfreich sein könnte. Es besteht manchmal die Scheu, dass man dann für verrückt gehalten wird. Es geht aber nicht darum, ob jemand verrückt ist, sondern darum, ob zum Beispiel Stress den Blutdruck erhöht. Es geht darum, mit solchen Lebensbelastungen so umzugehen, dass sie sich nicht verstetigen. Seelische Belastungen und psychische Symptome so zu behandeln, um wieder eine bessere Lebensqualität zu bekommen und die Beschwerden loszuwerden.

Also bei solchen Beschwerden keine Scheu haben zum Arzt zu gehen?

Ja! Beispielsweise bei Essstörungen ist es wichtig, frühzeitig zu behandeln.

FOTOS: DPA/UKGM

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