Mobiles Zeichen des Erfolgs: Großvolumige Autos sind - trotz Klimadiskussion - bei den Deutschen nach wie vor beliebt. FOTOS: DPA/PRIVAT
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Mobiles Zeichen des Erfolgs: Großvolumige Autos sind - trotz Klimadiskussion - bei den Deutschen nach wie vor beliebt. FOTOS: DPA/PRIVAT

Statussymbol auf vier Rädern

  • Rüdiger Geis
    vonRüdiger Geis
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Boshafte Zeitgenossen vergleichen die Einstellung der Bundesbürger zum Auto gerne mit der Zuneigung der Amerikaner zu Waffen. "Des Deutschen liebstes Kind" wurde es schon in den 60er Jahren genannt. Woher kommt dieser Kultstatus, der in den vergangenen Jahren durch den Diesel-Skandal und die Klimakrise zu bröckeln beginnt?

Rund 47 Millionen Kraftfahrzeuge bevölkern die Straßen der Republik. Die Deutschen gelten weithin als autoverliebte Nation, in der Freiheit nicht unbedingt mit grundgesetztlich verbrieften Rechten, sondern mit unbegrenzter Schnelligkeit auf Autobahnen gleichgesetzt wird. Die innige Zuneigung dokumentierte in den ersten Boomjahren dieser individuellen Mobilität die samstägliche Wäsche des Blechschlittens oder der Wackel-Dackel und die gehäckelte Klopapierabdeckung auf der Hutablage. Heutzutage repräsentieren eher getunte und speziell lackierte Fahrzeuge oder der mächtige SUV das Statussymbol. Warum eigentlich? Fragen an den Frankfurter Verkehrspsychologen Peter Fiesel:

Warum hat das Auto bei den Deutschen einen so hohen Stellenwert? Was macht es zum Statussymbol?

Ich denke, die Deutschen sind nach wie vor sehr stark von der Nachkriegszeit und der Wirtschaftswunderzeit geprägt. Da ist das Auto ein Symbol des Fortschritts, der Überwindung der Nachkriegszeit und des Erfolges im Wirtschaftswunder.

Wichtig ist doch eigentlich, möglichst günstig und problemfrei mit dem Auto von A nach B zu kommen. Angesichts des SUV-Booms: Warum sind für Deutsche Optik und PS-Stärke dagegen so wichtig?

Größe und Potenz sind grundsätzlich für jeden Menschen reizvolle Dimensionen. Die Frage ist, wie stark man sich diesen Bedürfnissen hingibt. Allem Anschein nach trifft es ein Bedürfnis, abgesehen davon, das SUVs von der Größe und der Sitzposition auch praktische Aspekte haben. Sie demonstrieren aber auch Größe, sie dienen der Selbstdarstellung des eigenen Erfolges und der eigenen Person.

Mehr Schein als Sein: Mancher fährt ein Auto, dass er sich eigentlich nicht leisten kann und verzichtet lieber auf andere Dinge. Wie erklärt sich diese Leidensfähigkeit?

Das Auto ist etwas, was alle sehen, was man mit einem einmaligen Kauf auch zeigen kann. Wenn Sie sich selbst darstellen wollen, ist das Auto eben die beste Möglichkeit. Und dafür wird dann unter Umständen auch das Budget überzogen.

Obwohl sie für viele als Klimakiller gelten und keinen guten Ruf genießen, boomen SUV von Jahr zu Jahr. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Das Problem das dahintersteckt, ist: Soll die Politik die Dinge ändern und regeln oder soll ich durch eigenes Handeln sozusagen die Welt verbessern? Da sind die subjektiven Bedürfnisse viel näher und viel stärker psychisch wirksam als diese mehr intellektuellen Aussagen, dass das ein negativer Beitrag zum Klima ist. Die Emotionen sind immer steuernd und sind in diesem Fall zwangsläufig stärker als das theoretische Wissen um das Klima. Wenn jemand regelrecht Angst hat vor der Klimakatastrophe, dann wird er sich kein SUV kaufen.

Schaut man sich die Diskussionen in den sozialen Medien an, dann gibt es eine verbreitete Abneigung gegen Elektroautos, ja fast schon Hass. Sind E-Autos nicht sexy genug? Fehlt das Motorengeräusch?

Die ganze Hate-Diskussion im Internet, das muss ein bestimmter Menschentyp sein, der sich überhaupt auf dieses Niveau begibt. Wenn Sie auf einem einfachen Niveau sind und mit etwas konfrontiert werden, was sie nicht kennen - und das Elektroauto kennen Sie nicht - dann reagieren Sie unter Umständen mit Angst und Unsicherheit, und die drückt sich dann entsprechend in negativen Kommentaren aus.

Wie viel Erotik steckt für uns Deutsche im Auto? Wie ticken da Männer und Frauen?

Es ist die Frage, ob das nicht überschätzt wird, wenn man einen bestimmten Sportwagen fährt. Es macht einfach Spaß, ein schönes Auto zu fahren. Ob man das dann gleich als Erotik bezeichnet, ist die Frage. Das Auto ist ja wie ein Kleidungsstück. Das ist etwas, in das man sich hineinbegibt und das einen dann umhüllt. Da ist dann auch die Frage, inwieweit man sich erotisch kleidet. Das hängt dann auch wieder sehr von der Persönlichkeit ab. Grundsätzlich würde ich sagen, steht da der Spaß im Vordergrund. Also, wenn sich ein 50- oder 60-Jähriger den besagten Sportwagen kauft, dann möchte er einfach den Spaß haben. Der hat dann sicher keinen Bedarf mehr, sich als erotisch darzustellen. Oder vielleicht auch doch? Es ist halt eine sehr individuelle Geschichte.

Warum ist in Deutschland ein generelles Tempolimit auf Autobahnen, anders als in allen Nachbarländern, so schwer zu vermitteln?

Letztlich stellt sich die Frage: Was steckt dahinter? Der Spaß am Fahren kann es nicht sein. Wenn Sie ein Tempolimit von 130 haben, dann fahren Sie sicher auch problemlos 150, weil Sie denken: Bis dahin kriege ich keinen Punkt und wenn ich erwischt werde zahle ich’s halt. Knapp 150 würden sich die Autofahrer unter Umständen schon gönnen. Und die Frage ist, ob oben drüber überhaupt wichtig ist und vor allem für wie viele es wichtig ist. Und das sind mit Sicherheit viel viel weniger als 50 Prozent. Da ist dann die Frage, warum sind diese 50 Prozent gegen das Tempolimit. Das ist sozusagen ein irrationales Gefühl von Freiheit. Das ist ja keine Freiheit, sondern eher eine Gefahr. Und was man überhaupt nicht vergessen darf: Es stehen wirtschaftliche Interessen dahinter, die sehr subtil in die Gesellschaft meinungsbildend hineinwirken. Und es ist nun mal eine Tatsache, dass die deutsche Autoindustrie mit den großen, schnellen, teuren Autos - auch eben SUVs - eben ihr Geld verdient und das fehlende Tempolimit als Marketingargument im Ausland braucht.

Für ältere Menschen ist es meist ein schwerer Verlust, den Führerschein endgültig anzugeben, Jüngere verzichten dagegen oft auf den Erwerb des Dokuments. Ändert sich die Gesellschaft?

Wenn wir das Auto als wichtigen Bestandteil des Wirtschaftswunders betrachten, dann ist das natürlich für ältere Menschen ein viel stärkerer Aspekt. Wahrscheinlich tritt der aber eher in den Hintergrund, weil ältere Menschen das Auto mehr brauchen als junge Leute, weil sie in ihrer Bewegung und vielleicht auch in der Flexibilität des Denkens und Anpassens an neue Fortbewegungsmittel einfach nicht so flexibel sind und deshalb am Auto festhalten und nicht gerne darüber nachdenken, den Führerschein abzugeben. Das hängte aber auch davon ab, inwieweit die Person in einer Familie eingebunden ist und unterstützt wird. Und auch entsprechende Rückmeldungen kriegt: Papa oder Opa, fahr mal lieber nicht mehr.

Hat das auch etwas mit der aktuellen Klimadiskussion zu tun?

Unter Umständen hat für junge Leute dieses Statussymbol nicht mehr den Stellenwert. Dann wachsen die ja auch in einer völlig anderen Zeit auf. Wohlstand ist für die meisten jungen Leute gegeben, sie haben viel, sie verdienen meistens gut. Es ist schlichtweg eine andere Zeit, und da spielt natürlich auch die Umwelt eine Rolle. Es sind immer viele Faktoren, die da ineinandergreifen.

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