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Sie hören Vinyl-Schallplatten (v. l.): Jens Hoffmann, Thomas Senft, Susanne Krenzer, Thomas Wöll, Thomas Diehl und Christoph Held. (Foto: süd)

Stammtisch in Wetzlar: "Wir hören lieber analog"

Wetzlar (süd). Sie lieben die schwarze Scheibe, hören auf analogen Musikanlagen, kennen sich aus mit Auflagekräften, Tonabnehmern, Röhrenverstärkern oder Tonbändern: Einmal im Monat treffen sich rund ein Dutzend Analogfreunde – nicht nur Männer über 50 – im Café Vinyl in der Silhöferstraße in Wetzlar, um sich über ihre Leidenschaft auszutauschen, zu diskutieren und auch mal zu streiten.

Immer dreht sich alles ums Musikhören, um den unbeschwerten analogen Musikgenuss. Für die Teilnehmer ist Musik mehr als Geräuschkulisse, ist vielmehr bewusster Genuss.

Das Café Vinyl ist prädestiniert als Veranstaltungsort für den Stammtisch. Denn Inhaber Jens Hoffmann legt ausschließlich analog auf, in der Regel Schallplatten. Rund 4000 Exemplare stehen in den Regalen, säuberlich sortiert. Und hierher hatten einige Stammtischgäste um Thomas Diehl aus Ehringshausen auch eingeladen, um sich und ihr Hobby einmal vorzustellen. Mit dabei drei Vertreter der Analogue Audio Association (AAA), des Vereins, der für seine Mitglieder – rund 930 sind es deutschlandweit – die Stammtische anbietet. Er hat sich die "Erhaltung und Förderung der analogen Musikwiedergabe" auf die Fahnen geschrieben – und nutzt das Pressegespräch, um sich vorzustellen.

"Ein Akt zum Genießen"

Seit zwei Jahren gibt es den Stammtisch in Wetzlar, immer am letzten Freitag im Monat ab 19.30 Uhr. Die Idee dazu wurde ein Jahr davor auf dem Analog-Forum in Krefeld geboren, einer Fachmesse der AAA. Die Teilnehmer des Mittelhessen-Stammtischs kommen aus der gesamten Region und darüber hinaus, aus Freudenberg zum Beispiel, aus Bendorf bei Koblenz, Wetzlar oder Gladenbach. Es gibt keine vorgegebenen Themen, es dreht sich aber alles um das gemeinsame Hobby, um alte und neue Musikanlagen, um Lieblingsplatten oder hochwertige audiophile Scheiben, um Sammlerstücke, analoge Schätze und Plattencover, um Schallplattenwaschmaschinen und LP-Börsen, zählt Stammtisch-Besucher Martin Krenzer auf. Es treffen sich Musikliebhaber und Kenner, die einfach lieber analoge Musik hören, die mit den digitalen Ausgaben CD oder Downloads nicht viel anfangen können. "Das Auflegen einer Schallplatte ist ein Akt, ist zum Genießen. Man muss sich darauf einlassen", beschreibt Krenzer.

Es gibt viele abendfüllende Themen. Die Gespräche drehen sich dabei nicht nur um Musikfachliches, es geht auch schon mal um die Frage, welcher Wein zu welcher Schallplatte getrunken wird, sagt Krenzer, der zusammen mit seiner Frau Susanne im Laden Phono-Bar jungen Menschen eine kleine Einführung in die Welt des analogen Hörens gibt und spezielle Angebote bereits für Kinder macht. Und die seien neugierig und hätten keinerlei Berührungsängste. Die Stammtisch-Mitglieder wollen auch raus aus der Nostalgie-Ecke.

Zu den Teilnehmern gehört Thomas Wöll aus Bendorf bei Koblenz. Er ist vor einigen Jahren auf der Suche nach einem bestimmten Netzteil für seinen Plattenspieler nach Wetzlar gekommen und hat das Café Vinyl entdeckt. Wöll hielt den Kontakt und ist seit eineinhalb Jahren beim Stammtisch dabei, weil er hier auf Gleichgesinnte trifft.

Die Teilnehmer sind für Diehl eine heterogene Gruppe, ebenso vielfältig sind die Themen, nur: die meisten Teilnehmer sind 50 und älter. Mit der Schallplatte "bewegen wir uns außerhalb der Beliebigkeit". Es sei auch mehr Sorgfalt nötig als bei digitalen Tonträgern, sagt Diehl.

Eine seiner Lieblingsplatten ist "Dark Side of the Moon" von Pink Floyd. Er gerät ins Schwärmen, wenn er davon erzählt, wie er die Scheibe aus dem Regal zieht, das Vinyl aus der Hülle holt und auf den Plattenteller legt, die Nadel langsam auf die Rille senkt, er das Cover in der Hand hält: "Eine Datei kann man nicht angucken."

Diese "Liebesbekundungen" kann Christoph Held gut nachvollziehen. Der Mann aus dem Westerwald ist stellvertretender Vorsitzender der AAA, des Vereins, der 1990 gegründet wurde, um die analoge Schallplatte zu retten, diesen Teil des Kulturerbes zu erhalten. Inzwischen hat die Association 930 Mitglieder in ganz Deutschland, produziert Schallplatten, organisiert eine jährliche Fachmesse in Krefeld (in diesem Jahr am 1. und 2. November, Näheres unter www. AAAnalog.de ), betreut ein Forum im Internet (www.analog-forum.de ), stellt Kopien von Masterbändern zur Verfügung, koordiniert Stammtische und gibt das Mitgliedermagazin "analog" dreimal im Jahr heraus.

Dessen Chefredakteur Dr. Thomas Senft ist aus Neuwied zum Gespräch gekommen. Er habe früher mal gedacht, er sei ein Exot, weil er die analoge Form der Musikwiedergabe liebe. Dann hat er Thomas Wöll getroffen, ist AAA-Mitglied geworden und weiß inzwischen, es gibt viele wie ihn. Senft erinnert sich an seinen ersten Thorens-Plattenspieler, den er noch an ein Kofferradio angeschlossen hat, weil er keinen Verstärker besaß. Die Leidenschaft hat ihn nie losgelassen. Natürlich gebe es im Verein Leute, die zum Beispiel beim Thema Kabel in Superlativen schwelgen, Menschen, die Unsummen für das ultimative High-End-Hörerlebnis ausgeben, "aber wir sind nicht dogmatisch, sondern einfach Musikliebhaber".

Wer Interesse am Stammtisch hat, kann sich per E-Mail an Thomas Diehl wenden: thomashermanndiehl@t-online.de.

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