Versöhnungslichthüter. FOTO: PI
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Versöhnungslichthüter. FOTO: PI

Die Stall-Laterne

  • Annette Spiller
    vonAnnette Spiller
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Ich bin selbst gebaut. Nicht ganz rechtwinklig, und meine Tür schließt auch nicht mehr. Von dem Sprung in einem Seitenfenster ganz zu schweigen. Stehe da leicht schief auf dem Klavier, habe die eine oder andere Kerbe und auch ein paar Flecken. Manche würden vielleicht sagen, ich sei ganz schön ramponiert. Stimmt, ist aber egal. Denn ich bin ein Versöhnungslichthüter.

Früher war ich die Stall-Laterne einer Bäuerin im Sudetenland. Der kleine Hof lag im Wald, es gab keinen Strom, kein elektrisches Licht. Dafür gab es mich. Sie und ich gingen zu den beiden Kühen, zum Schwein, und zu den Hühnern. Wenn es sein musste, auch nachts. Ich war ihr Licht in der Dunkelheit. So haben wir es jahrzehntelang gehalten - bis sie nach dem Ende des Krieges Kühe, Schwein und Hühner abgeben und fortgehen musste. Ich blieb zurück. Wie fast alles andere.

Dann kamen neue Menschen auf den Hof, später kauften ihn wieder andere und wohnten dort. Ich war vergessen, der Stall blieb leer, und dann gab es irgendwann auch Strom. Jahre gingen ins Land. Ich wurde wiedergefunden, auf den Kamin gestellt. Und dann kam Besuch. Eine Familie. Den Vater kannte ich - er war 15, als er mit seiner Mutter sein Zuhause verließ. Die Familie wurde von den jetzigen Besitzern des Hauses herzlich aufgenommen. Und zur Tochter des Mannes sagte der Gastgeber: "Ich glaube, das ist die Stall-Laterne deiner Oma. Hier, sie gehört doch dir." Es wurde ein intensives Wochenende mit vielen Geschichten und Gesprächen. Und mit viel Sympathie. Der Kontakt blieb. Seitdem leuchte ich wieder in der Dunkelheit, in einem anderen Haus, bis auf den heutigen Tag. Und erinnere an die Oma, den Hof, den Stall - und daran, dass Versöhnung möglich ist. pi

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