Das Fahrrad ist für den Mobilitätsforscher Prof. Martin Lanzendorf von der Goethe-Universität Frankfurt ein wichtiger Faktor bei der Verkehrswende. FOTOS: DPA/Uwe Dettmar, Goethe-Universität Frankfurt
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Das Fahrrad ist für den Mobilitätsforscher Prof. Martin Lanzendorf von der Goethe-Universität Frankfurt ein wichtiger Faktor bei der Verkehrswende. FOTOS: DPA/Uwe Dettmar, Goethe-Universität Frankfurt

Städtebau, Pedelecs und der Mensch

  • vonGerd Chmeliczek
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Verkehrswende - ein großes Wort, das mit Inhalten gefüllt werden muss. Wie kommen wir in Zukunft möglichst nachhaltig von A nach B? Wo stehen wir? Was läuft gut, was schlecht? Und welche Rahmenbedingungen muss die Politik schaffen? Fragen, die am besten ein Experte beantworten kann.

Martin Lanzendorf arbeitet seit 2008 als Professor für Mobilitätsforschung an der Goethe-Universität in Frankfurt. Er plädiert für städtebauliche Maßnahmen, um den Autoverkehr zurückzudrängen, und setzt bei der E-Mobilität auf ein bestimmtes Fortbewegungsmittel.

Herr Prof. Lanzendorf, wie kommen Sie täglich zur Arbeit?

Mit dem Fahrrad (lacht). Ich finde es sehr schön, unabhängig zu sein, mich zu bewegen und Spaß dabei zu haben, zur Arbeit zu fahren. Und das ist meistens der Fall.

Jeder spricht von der Verkehrswende. Aber was ist darunter konkret zu verstehen?

Eigentlich ist damit gemeint, dass man besonders in urbanen Gebieten weg möchte von der einseitigen Abhängigkeit und Dominanz des Automobils. Es geht darum, den Verkehr viel besser zu organisieren, nicht motorisierte Alternativen ebenso einzubinden wie den ÖPNV oder Mitfahrgelegenheiten. Das in einem Pkw in der Regel nur eine Person sitzt, halten viele - mich eingeschlossen - für Unsinn.

Über welchen Zeitraum reden wir, wenn es um die Umsetzung geht?

Das ist schwer zu beziffern. Verkehrsnutzung hat ja mit vielen einzelnen Personen zu tun. Und die haben alle gewisse Anforderungen an ihre individuelle Mobilität. Es sind viele Routinen, mit denen Menschen in ihrem Alltag unterwegs sind. Da muss man nach Handlungsspielräumen suchen. Allerdings ist es auch so, dass wir unsere Städte so organisiert haben, als könnte man nur mit dem Pkw voran- kommen. Und das ist de facto nicht der Fall.

Was meinen Sie damit genau?

Gut die Hälfte der zurückgelegten Pkw-Wege in urbanen Gebieten in Deutschland ist kürzer als fünf Kilometer. Dazu braucht man nicht unbedingt ein Auto. Veränderungen sind möglich, es ist möglich, den Pkw-Verkehr zurückzudrängen. Das hat aber nicht nur mit den technischen Möglichkeiten zu tun. Man muss sich eher fragen, ob jede Autofahrt zum Kiosk oder zum Supermarkt notwendig ist.

Die Politik tut sich schwer mit dem Spagat zwischen ökologischen und ökonomischen Interessen. Welche Rahmenbedingungen müssen geschaffen werden, damit die Verkehrswende gelingt?

Die Politik nimmt sicherlich eine zentrale Rolle ein. Verkehrspolitik war lange Jahre sehr festgefahren. Um weiterzukommen, müssen die Prioritäten klar festgelegt werden. Das bedeutet, dass ich nicht jede wirtschaftliche Entwicklung haben möchte, sondern nur die, die dann auch ökologisch sinnvoll sind. Allerdings leben wir in einer automobilen Gesellschaft und vielen Entscheidungsträgern fehlt schlicht die Fantasie und der Mut, andere Wege zu beschreiten. Aber Lösungen fallen nicht vom Himmel.

Das bedeutet konkret?

Man muss die Probleme benennen. Zum Beispiel: Die Straßen sind überdimensioniert, die Leute fahren viel zu viel alleine, Parkplätze werden zu günstig angeboten, usw. Da kann man als Kommune gegensteuern. Warum geben wir den Pkw, die die meiste Zeit doch nur rumstehen, so viel Platz? Gleichzeitig wird gesagt, dass Raum fehlt für Kindergärten, Schulen, für Parks oder Fußgängerzonen.

Hilft die Klimadebatte dabei, die Verkehrswende zu beschleunigen?

Auf jeden Fall. Auch wenn die Klimafrage nur ein Teil der Verkehrswende ist. Es ist aber im politischen Bewusstsein angekommen, dass CO2-Ziele nicht erreicht werden können, wenn nicht auch beim Thema Mobilität gehandelt wird. Das ist nämlich ein Bereich, der bei den Emissionen noch zulegt.

In welchen Bereichen der nachhaltigen Mobilität sind wir vorne, in welchen haben wir Nachholbedarf?

Interessanterweise sind wir bei der Fahrradförderung am weitesten. Das ist ein Feld, das lange Zeit eher als exotisch angesehen wurde, was gerade die Bundespolitik kaum angefasst hat. Die Menschen vor Ort haben gemerkt, dass es sehr vorteilhaft sein kann, sich gerade in Städten mit dem Fahrrad fortzubewegen. Das ist direkt, das ist schnell und zuverlässig, obwohl die Rahmenbedingungen vielerorts nicht perfekt sind.

Woran hapert es?

Überall dort, wo sich Politik und Menschen schwer tun, Sachen zu reduzieren. Zum Beispiel die Zahl von Fahrspuren oder Stellplätzen, die Geschwindigkeit - alles Dinge, die für die Sicherheit wichtig sind. Es geht nicht nur darum, neue, schöne Angebote zu machen. Es geht auch darum, dass wir das, was wir nicht wollen, weniger attraktiv machen.

Das heißt, dass es schwierig wird, wenn es um Komfort oder Bequemlichkeit geht?

Genau. Aber das soll kein Pauschalurteil sein. Es gibt in jeder Gesellschaft Menschen, die davon überzeugt sind, dass bestimmte Dinge notwendig sind - und sie dann auch tun. Und es gibt die, die das kategorisch ablehnen. Wichtig sind die Menschen dazwischen. Die, die das Problem erkennen, aber der Meinung sind, alleine nichts ausrichten zu können. Getreu dem Motto: "Wenn die anderen nichts tun, mache ich auch nichts."

Aber glauben Sie nicht, dass man die Menschen mit Verboten eher abschreckt?

Es geht überhaupt nicht um Verbote. Es geht darum, die Nutzung der verschiedenen Fortbewegungsmittel effizienter zu machen. Holländische und belgische Städte machen es uns vor: Dort gestaltet man das Autofahren dadurch un- attraktiver, dass man Umwege fahren muss. In Gent wurde zum Beispiel der Durchgangsverkehr aus dem Zentrum hinaus auf den Stadtring verbannt. Da sind sie mit dem Fahrrad teils deutlich schneller unterwegs. Man hat also weiterhin die Möglichkeit, überall mit dem Auto hinzukommen. Es ist aber nicht mehr unbedingt schneller. Das ist eine Nuance, die von Politik und Öffentlichkeit zu wenig beachtet wird.

Seit Kurzem sind E-Scooter im öffentlichen Raum hinzugekommen. Fluch oder Segen?

Ich bin da ambivalent. Ich sehe die Probleme, die E-Scooter mit sich bringen. Sie beanspruchen einen Platz im Verkehr, der eigentlich von Fußgängern oder Radfahrern besetzt wird. Auf der anderen Seite hat man ein Angebot für eine bestimmte Bevölkerungsgruppe, ein anderes Verkehrsmittel zu nutzen. Wenn sich Banker in Frankfurt mit Anzug und Krawatte elegant auf dem E-Scooter durch den Verkehr navigieren, das hat schon was. Denn sie sind nicht mit dem Pkw unterwegs.

E-Mobilität ist generell ein großes Thema. Berechtigt oder Hype?

Es ist auf jeden Fall ein Thema, das von den eigentlichen Problemen ablenkt. Denn Verkehrswende hat im Grunde wenig mit E-Mobilität zu tun. Dass man den Antrieb eines Fahrzeugs ersetzt und es dadurch teils noch größer macht, ist das Absurde bei den sogenannten Premium-Herstellern. Sie bauen tonnenschwere Autos mit E-Antrieb - das ist meiner Meinung nach der falsche Weg. Zuerst muss mehr Platz für andere Angebote geschaffen werden. Wenn das bewältigt ist, erst dann kann die E-Mobilität in Sachen Emissionsreduzierung ihren Beitrag leisten.

E-Mobilität ist derzeit für Sie überhaupt nicht interessant?

Pedelecs sind deutlich spannender als E-Autos. Sie ermöglichen durch die Tretunterstützung die Fahrradnutzung über größere Distanzen. Die vergangenen zehn Jahre haben gezeigt, dass die E-Bikes einen großen Zuspruch und damit eine interessante Entwicklung erfahren haben. Sie ermöglichen eine ganz andere Art der Fahrradnutzung.

Welche Rolle spielt der Faktor Mensch bei der Verkehrswende?

Jeder Einzelne kann natürlich dazu beitragen. Allerdings darf man die Diskussion nicht alleine auf Verkehrsmittel reduzieren. Es geht vielmehr darum, wie wir zusammenleben, wie wir miteinander umgehen. Ob wir unbedingt einen Krieg miteinander führen wollen - Autofahrer gegen Radfahrer und Radfahrer gegen Fußgänger. Es ist nicht wichtig, wer der Stärkere ist. "Mobilitätskultur" ist ein Begriff, der wichtig ist. Die Verkehrswende hat viele Dimensionen.

Was ärgert Sie, wenn Sie mit dem Fahrrad in Frankfurt unterwegs sind?

Frankfurt ist auf einem guten Weg. Die Stadt braucht ein durchgängiges und attraktives Radwegenetz. Und mit attraktiv meine ich, dass meine zehnjährige Tochter sich genauso sicher und wohlfühlt wie meine 75-jährige Schwiegermutter.

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