Vor 30 Jahren wären Äpfel nicht am Boden verfault. Heute holt man sich sein Obst im Markt. FOTO: DPA
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Vor 30 Jahren wären Äpfel nicht am Boden verfault. Heute holt man sich sein Obst im Markt. FOTO: DPA

Vom Sparen und Verschwenden

  • Burkhard Bräuning
    vonBurkhard Bräuning
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Mein Vater war ein sparsamer Mann. Von seinem Vater hatte er oft den Spruch gehört: "Wer sparen will, muss beim Streichholz anfangen." Mein Vater, er hieß Karl, hielt also das Geld zusammen, aber er war nicht geizig. Was er und meine Mutter im Laufe eines Jahres auf die Seite gelegt hatten, das schenkten sie im späten Herbst ihren vier Kindern. Wir nannten es die "Jahresgratifikation". Das waren keine großen Summen. Aber es war Geld, das uns etwas wert war. Weil wir wussten, wie unsere Eltern dazu gekommen waren.

Mein Vater hob jede Presskordel auf. Und wenn er etwas zum Binden brauchte, nahm er eine von diesen Kordeln. Wenn die zu lang war, kürzte er sie und hängte den Schnipsel wieder zu den anderen an einen Haken. Unter anderem deshalb hatte er immer ein Taschenmesser bei sich. Er hätte sich nie dünne Seile gekauft. Für was denn auch, er hatte ja immer einen Vorrat an Kordeln.

Vater hatte viele Werkzeuge, aber keins, das mit Strom betrieben wurde. Nur eine Kreissäge hat er mal gekauft. Das muss 40 Jahre her sein, mindestens. Aber er nutzte auch immer noch die Bügelsäge. Karl flickte, was irgendwie noch zu flicken war. Seine Autos fuhr er, bis sie fast auseinanderfielen. Als er Rentner war, erweiterte er Stück für Stück den ohnehin schon großen Garten. Meine Eltern ernteten Unmengen Salat und Gemüse, pflückten Beeren und Obst, kochten ein, füllten im Herbst die Kühltruhe, machten Saft. Wir Kinder und später auch die Enkel profitierten von all den köstlichen Dingen. Denn Vater versorgte die, die in Hessen geblieben, und die, die nach Berlin gegangen waren.

Eine bittere Lektion für mich

Karl rauchte seine Zigarren, bis wirklich fast nichts mehr übrig war, was man Stummel hätte nennen können. In den leeren Zigarrenkästchen lagerte er die Samenkörner für das nächste Frühjahr. Den Kompost stellte er selbst her. Er kauft keine Erde im Baumarkt. Höchstens mal einen Sack für die Blumenkästen meiner Mutter.

Ein Jahr, nachdem er gestorben war, räumte ich seinen Schreibtisch und seinen grauen Stahlschrank auf. Ich habe mich damals lange davor gedrückt, weil ich ahnte, was mich erwartete. Ich kann nur schätzen, wie viele Locher bei uns, also bei meiner Frau, unseren drei Kindern und mir im Laufe der Jahre irgendwie im Haus verloren gegangen sind und auch gleich noch ein paar Tesa-Abroller mitgenommen haben. Mein Vater hat fast 50 Jahre wirklich viel im eigenen Büro gearbeitet. Erst als Verwalter der Genossenschaft in unserem Dorf, dann kurz als Bürgermeister. Und lange Zeit als Vereinsfunktionär oder einfach als Privatmensch. Er schrieb Familiengeschichten auf und heftete sie ab. Er hat niemals einen Ringordner weggeworfen, auch wenn er noch so alt, klapprig und abgewetzt war.

Zwei Tage habe ich geräumt, mich geschämt und meine bittere Lektion gelernt. Zum Beispiel: Ein Mann (eine Frau auch) braucht im Leben nur einen Locher. Einen robusten. Und nicht ein Dutzend. Ein Mann benötigt einen edlen Füller, ein paar Bleistifte, einen guten Kugelschreiber, ein Lineal, eine Uhr und ein Feuerzeug zum Nachfüllen. Und ein Taschenmesser natürlich. Vater hütete zudem noch eine alte Briefwaage, die sicher aus der Zeit stammte, als es in Deutschland noch einen Generaloberpostmeister gab. Die habe ich schon als Kind bewundert und damit von allerlei Dingen das Gewicht überprüft.

So wie mein Vater waren fast alle Männer und Frauen seiner Generation hier im Dorf und überall in unserem Land. Sparsam. Und mit ihrer Sparsamkeit waren sie (ohne es bewusst zu betreiben) die für lange Zeit letzten Klimaschützer. Denn die Dinge änderten sich. Gemessen an meinen Vater bin ich ein Verschwender. Und viele meiner Generation sind es eben auch. Ich hatte in meinem Leben zu viele Autos, zu viele Werkzeuge, zu viele Mobiltelefone, zu viele Akkuschrauber. Zu viel von fast allem. Wenn ich ehrlich bin: auch unnötiges Zeug.

Mal eben schnell auf den Berg

Vor ein paar Wochen habe ich darüber geschrieben, dass wir an einem Samstagabend mal eben noch schnell hoch auf den Hoherodskopf gefahren sind, um uns von dort aus den Sonnenuntergang anzuschauen. Was ich nicht geschrieben habe: Es war für uns ein wichtiger Tag, den wir aber infolge der Corona-Krise nicht so begehen konnten, wie wir uns das gewünscht hatten. Dort oben zu sitzen, sollte uns ein kleiner Trost sein - und war es dann ja auch. In der Dämmerung fuhren wir nach Hause und waren versöhnt. Am folgenden Montag stand der Text im Blatt.

Immer gute Ausreden

Am Dienstag bekam ich eine Mail von einer Leserin, die ich lange kenne und sehr schätze. Sie kritisierte, dass wir einfach mal sozusagen für nix CO2 in die Luft geblasen haben. Ich war erst mal irritiert, dann auch ein wenig verärgert. Heute sage ich: Sie hat ja recht. Wir haben immer einen guten Grund, warum wir unbedingt dies oder das tun müssen. Warum wir dreimal im Jahr in den Urlaub fahren. Warum wir unbedingt ein großes Auto haben müssen, auch wenn ein mittelgroßes es auch tun würde. Wir sind gut darin, zu erklären, warum wir auf Flüge nicht verzichten können. Und jeden Tag Fleisch brauchen.

Nun könnte ich sagen: Bei uns im Dorf (330 Einwohner) benutze ich so gut wie nie mein Auto. Ach! Und ich laufe täglich weit mit unserem Hund durch Feld und Wald. Ja und? Jetzt, im Homeoffice, tanke ich nur noch einmal im Monat. Sonst etwa viermal. Ja, aber wenn Corona vorbei ist? Die Leserin hat den Finger tief in die Wunde gelegt. Denn wenn ich ehrlich bin, dann weiß ich ja, dass mein Verhalten schlecht ist, nicht nur fürs Klima. Und ich weiß auch, dass es anders gehen kann. Die Leserin hat mich gelehrt, dass jeder Schritt zählt. Und jedes Schnitzel, das ich nicht esse, und jedes Handy, das ich nicht kaufe, auch. Jeder Schritt zählt. Und darum geht es in einigen Texten, die wir im Sommer in unregelmäßigen Abständen zum Thema Klimawandel im Blatt haben werden.

Niemals in New York

Wir wollen damit unsere Leser nicht belehren. Jeder kann für sich frei entscheiden. Aber für alles, was wir tun, tragen wir auch die Verantwortung. Wenn wir den nachfolgenden Generationen einen staubigen und trostlosen Planeten zurücklassen, dann ist das vor allem eine Folge unseres Versagens, unserer Verschwendung, unserer Verprasserei.

Mein Vater war niemals in New York. Und auch nicht auf Hawaii. Er hatte keine teure Kamera, kein Handy, keinen Akkuschrauber. Er war kein Asket, hat gegessen und getrunken, was ihm schmeckte. Zum Beispiel Pellkartoffeln mit Quark und Dickmilch. Auch wenn mein Vater viele Dinge nicht hatte: er war ein glücklicher, zufriedener und dankbarer Mensch.

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