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Soziale Ideen für die Welt

  • Martin Schäfer
    vonMartin Schäfer
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Die Lebenshilfe und die Blindenstudienanstalt sind nur zwei markante Beispiele dafür, dass die Lahnstadt Marburg manchen sozialen Ideen einen Weg in die Welt gebahnt hat. Über die "Soziale Wiege Marburg" gibt es nun ein Buch.

Marburgs Herz schlägt sozial: Die Hilfsorganisation Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung wurde in der Lahnstadt gegründet. Sie ist nun bundesweit präsent. Das Gleiche kann die Kulturloge von sich behaupten, die Kultureintritte an Menschen mit kleinem Geldbeutel vermittelt.

Integration und Teilhabe stehen bei vielen Marburger Einrichtungen im Fokus. So erhalten blinde und sehbehinderte Menschen an der Blindenstudienanstalt (Blista) seit über 100 Jahren Bildungs- und Berufsabschlüsse. Spezielle Vereine oder Unternehmen organisieren die Integration von benachteiligten Menschen in den ersten Arbeitsmarkt, sei es über ein Restaurant, ein Hotel oder etwa das Gebrauchtwarenkaufhaus, das 1989 von Rainer Dolle mit ins Leben gerufen wurde.

Häufig Vorreiter neuer Ideen

Dolle ist Geschäftsführer einer weiteren Sozialorganisation namens "Arbeit und Bildung", die aus dem gewerkschaftlichen Umfeld hervorgegangen ist. Und Dolle hat nun ein Buch herausgegeben, dass "das soziale Herz Deutschlands" (so der langjährige Oberbürgermeister Egon Vaupel über Marburg) näher beschreibt. Rund 20 soziale Einrichtungen werden darin in Interviews mit den Beteiligten vorgestellt.

"Man ist überrascht, was hier alles entstanden ist", sagt Dolle. Er schätzt, dass Marburg die zweithöchste Dichte an gemeinnützigen Vereinen in Deutschland vorweisen könne. Rund 2100 gemeinnützige Vereine kämen auf 76 000 Einwohner. Er verweist darauf, wie stark die soziale Branche unterschätzt werde und wie bedeutungsvoll sie auch als Arbeitgeber sei.

Diese Vielfalt und Tradition bringen immer wieder Innovationen im Sozialsektor zutage. Marburg ist häufig Vorreiter. Was andernorts als modern erscheine, gelte in Marburg schon als altmodisch, äußerte sich Oberbürgermeister Thomas Spies zur Buchpräsentation. Das Buch mit dem Titel "Marburger Land: Soziale Wiege Hessens" (200 Seiten, 12 Euro, ISBN: 978-3000655678) steckt das Terrain allerdings etwas großzügiger ab, etwa bis zu den "Fleckenbühlern" im Ortsteil Schönstadt der Nachbargemeinde Cölbe. Die Selbsthilfeeinrichtung suchtkranker Menschen ist bundesweit für ihr Konzept bekannt.

Der Titel "Soziale Wiege Hessens" spielt auch auf den großen geschichtlichen Rahmen an: Traditionell führen Marburger ihre soziale Haltung bis auf die heilige Elisabeth von Thüringen zurück, die im 13. Jahrhundert sich mildtätig um Arme und Kranke an ihrem Verbannungsort Marburg kümmerte.

Kritisches bleibt nicht ausgespart

Die Gründung der Universität im 16. Jahrhundert gab über die Jahrhunderte Impulse und Denkanstöße für sozialpolitische Themen über die Stadtgesellschaft hinaus. Das geht bis hin zum Sozialpsychologen, der dieser Tage die Randale Jugendlicher in Stuttgart und Frankfurt in der "Tagesschau" analysierte.

Aus dem akademischen Umfeld gibt es auch regelmäßig Beiträge zu sozialen Themen in der Stadt, etwa bei der Gewaltprävention oder der Integration von Migranten. Das dichte Milieu sozialer Akteure bringt fast automatisch neue Ideen und Innovationen zutage. Ein gutes Beispiel ist die Kulturloge, eine Einrichtung, die ein Kontingent an Freikarten von Kulturveranstaltungen an Menschen vergibt, die sich Kultur sonst nicht leisten könnten. Die Idee dazu kam aus einer anderen Sozialeinrichtung, der Marburger Tafel, die eine bedürftige Klientel mit Essen versorgt.

Das Interview-Buch spart auch einige selbstkritische Momente nicht aus, was der Sozialwissenschaftlerin und Journalistin Saskia Rößner zu verdanken ist. Rößner kommt auch auf Schreckensszenarien in den Sozialberufen zu sprechen, etwa auf das Thema gerechte Entlohnung, ob und wie das Helfersyndrom eine Rolle spielt und wie die Akteure nach der Arbeit in sozialen Brennpunkten abschalten und sich vorm Ausbrennen schützen.

Insgesamt soll das Buch allerdings laut Rainer Dolle Mut machen zur Veränderung und auch Beispiele geben, diese Veränderung in Form eines Vereins oder eines Unternehmens anzupacken. FOTO: PM

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