Der Vorsitzende Richter Thomas Sagebiel
 hält sich nicht gerne mit Nebensächlichkeiten auf. Für sein Auftreten im Lübcke-Prozess wurde er einerseits gelobt, musste andererseits aber auch Kritik einstecken.	FOTO: DPA
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Der Vorsitzende Richter Thomas Sagebiel hält sich nicht gerne mit Nebensächlichkeiten auf. Für sein Auftreten im Lübcke-Prozess wurde er einerseits gelobt, musste andererseits aber auch Kritik einstecken. FOTO: DPA

Souverän bis wütend

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Heute soll in Frankfurt der aufsehenerregendste Prozess der vergangenen Monate zu Ende gehen. Richter Thomas Sagebiel spricht das Urteil im Frankfurter Lübcke- Prozess. Ein Porträt.

Mittlerweile beginnen die Prozesstage zuverlässig mit einem kleinen Ritual. Um kurz nach 10 Uhr ist es mucksmäuschenstill im Saal 165 C, nur unter den Anwälten und auf der Pressetribüne wird getuschelt. Dann geht eine Holztür auf und Thomas Sagebiel betritt schwungvoll den holzvertäfelten Raum, hinter ihm die weitere Richterin und drei weitere Richter des 5. Strafsenats. Alle erheben sich, Sagebiel setzt sich und beginnt zu sprechen. Jetzt das Ritual: Fast jedes Mal muss der 64-Jährige daran erinnert werden, sein Mikrofon einzuschalten. Sagebiel hält ganz kurz inne, drückt auf den Knopf und eröffnet die Sitzung.

Man sollte nicht den Fehler machen, aus dieser wiederkehrenden Szene auf Zerstreutheit zu schließen. Dass der Vorsitzende Richter am Frankfurter Oberlandesgericht auch nach mehr als 40 Verhandlungstagen im Prozess zum Mordfall Walter Lübcke morgens die notwendige Technik vergisst, liegt nicht an mangelnder Konzentration, sondern eher daran, dass Sagebiel sich ungern mit Nebensächlichkeiten aufhält.

Seit Mitte Juni leitet der erfahrene Jurist den meistbeachteten Terrorprozess der vergangenen Jahre, den gegen Stephan Ernst und Markus H. Für Sagebiel ist das Verfahren, das heute mit den Urteilen über die beiden Neonazis enden soll, wohl sein letztes großes vor der Pension. Und wenn man über den Richter eines sagen kann, dann dieses: Er weiß, was er will, und hat den Laden im Griff. Wer Sagebiel bei seiner Prozessführung zusieht, die souveräne Leitung, geduldiges Zuhören und präzises Nachfragen, aber eben auch gelegentliches Schimpfen und Scherzen sowie Jeans unter der schwarzen Richterrobe beinhaltet, dem kann mitunter kurz entfallen, dass der Mann mit dem weißen Vollbart eine steile Richterlaufbahn hingelegt hat.

Meistens sachlich und freundlich

Im März 1986 wurde Sagebiel erstmals Straf- und Vormundschaftsrichter am Amtsgericht Groß-Gerau und wechselte zehn Monate später ans Landgericht Darmstadt, wo er 1999 Vorsitzender einer Strafkammer und einer Berufungszivilkammer wurde. Seit 2009 ist er Vorsitzender des 5. Strafsenats am OLG Frankfurt, der sich als Staatsschutzsenat oft mit schwersten Verbrechen und Terrorismus befassen muss. Sagebiel hat den Fall des jungen islamistischen Attentäters Arid U., der 2011 am Frankfurter Flughafen zwei US-Soldaten erschossen hatte, ebenso verhandelt wie Prozesse zum Völkermord in Ruanda oder zu den Kriegsverbrechen der Terrormiliz »Islamischer Staat« (IS).

Der Lübcke-Prozess dürfte dennoch auch Sagebiel nicht ungerührt lassen. Die Witwe und die beiden Söhne des Opfers sitzen an fast jedem Prozesstag mit im Saal, manchmal auch der irakische Flüchtling Ahmed I., den der Hauptangeklagte Ernst niedergestochen haben soll. Immer wieder geht es um das Leid der Opfer und auch um blutige Details. Sagebiel bleibt bei der Befragung von Sachverständigen oder Zeugen stets sachlich und freundlich, aber genau. Emotionen zeigt Sagebiel nur, wenn er sich ärgert. Und da der Richter durchaus eine cholerische Seite hat, ist das nicht selten der Fall. Dann donnert er auch mal einen Zeugen an und sagt ihm, dass er sich nicht auf der Nase herumtanzen lasse.

Manchmal fällt Sagebiel sogar kurz aus seiner Rolle, wenn er etwa bei aus seiner Sicht dummen oder überflüssigen Anträgen der Verteidigung sichtbar die Augen verdreht oder sich mit Ernsts Anwalt Mustafa Kaplan wegen kleiner Formalitäten auf wüste Wortgefechte einlässt. Oder er wird kurz ein bisschen zu locker, etwa wenn er der Anwältin des Angeklagten Markus H. hinwirft: »Jetzt nehmen Sie mich doch nicht so ernst, ich nehme Sie ja auch nicht ernst.«

Mancher Tag begann mit Medienschelte

Einige Kritik hat Sagebiel die Befragung des bis heute schwer gezeichneten Anschlagsopfers Ahmed I. eingebracht. Im Prozessblog der »Hessenschau« hieß es etwa, Sagebiel habe es an Empathie fehlen lassen und den jungen Mann, der kaum Deutsch spricht, zu ungeduldig behandelt. Der Anwalt der Familie Lübcke, Holger Matt, und Ernsts Anwalt Mustafa Kaplan dankten Sagebiel in ihren Plädoyers dagegen ausdrücklich für seine faire und stets empathische Art, den Prozess zu leiten.

Die mediale Berichterstattung zum Lübcke-Prozess hat Sagebiel die ganze Zeit über offenbar genau verfolgt. Mehr als einmal begann er Prozesstage mit Medienschelte, etwa als das vom NDR produzierte Reportageformat »Strg_F« Teile der Videoaufzeichnungen der Geständnisse von Stephan Ernst veröffentlichte oder als der Anwalt der Familie Lübcke dem Senat in einem Bericht bei Spiegel Online vorwarf, eine »auffallende Freundlichkeit und Geduld« gegenüber dem Mitangeklagten Markus H. an den Tag zu legen. Sagebiel nannte diese Vorwürfe sichtlich erbost einen »ungeheuerlichen Vorgang«.

Wenn Thomas Sagebiel heute das Urteil des Senats verliest, wird es hinterher wohl wieder Kritik geben. Es ist gut möglich, dass Stephan Ernst nicht wegen des Angriffs auf Ahmed I. verurteilt wird, was sicher viele Menschen empören würde. Es ist auch denkbar, dass Markus H. nicht wegen Beihilfe zum Mord an Walter Lübcke verurteilt wird, obwohl er sehr nah an Ernst war - ein Freispruch wäre für die breite Öffentlichkeit nicht leicht zu verdauen. Richter Sagebiel wird das Urteil ruhig und präzise begründen. Und niemand im Saal wird hinterher den Eindruck äußern, man habe es hier seit Juni mit einem schlechten Vorsitzenden zu tun gehabt.

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