Trotz hochgradiger Automation erfolgt die Endkontrolle bei Seidel per Hand. FOTO: MARTIN SCHÄFER
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Trotz hochgradiger Automation erfolgt die Endkontrolle bei Seidel per Hand. FOTO: MARTIN SCHÄFER

Marburg

Wie die Firma Seidel solidarisch durch die Krise geht

  • Martin Schäfer
    vonMartin Schäfer
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Wöchentliche offene Ansprachen vor der Belegschaft, Gehaltsverzicht von der Führung: Wir erklären, wie das Fronhäuser Unternehmen Seidel während der Corona-Zeit auf außergewöhnliche Art und Weise agiert. 

Ein kurz gemähter Rasen vor den zwei Werkshallen im Lahntal bei Fronhausen. Darauf, aufgeständert im HOLLYWOOD-Style, fünf große Worte: Respekt, Wertschätzung, Ehrlichkeit, Freude und Zuverlässigkeit. Aus farblich abgesetzten Buchstaben lässt sich der Firmenname "Seidel" zusammenpuzzeln. Die Worte stehen für die Werte, die das Familienunternehmen vertritt. 

2018 erhielt Seidel die Auszeichnung "familienfreundliches Unternehmen"

Im Jahr 2018 erhielt Seidel die Auszeichnung "familienfreundliches Unternehmen" der Stadt Marburg und des Landkreises Marburg-Biedenkopf. Ob die Ansprüche an sich selbst auch in der Corona-Krise hielten, die vieles durcheinandergewirbelt hat?

Bild aus einer anderen Zeit: Die Seidel-Belegschaft bei der Respekts-Ehrung des Landes Hessen 2018. Foto: pv

Rund 700 Menschen beschäftigt Seidel an drei Standorten: Fronhausen, Marburg und Dreihausen. Im Jahr 2000 waren es noch 500 Beschäftigte. 50 Auszubildende sind heute darunter. Sie werden weitestgehend übernommen. "Auch im Jahr 2020 wollten wir leicht wachsen", erklärt der Geschäftsführer und Inhaber Dr. Andreas Ritzenhoff. 

Umsatz-Rückgang um zehn Prozent erwartet

Rund 80 Millionen Euro Umsatz waren angepeilt, ein erwartetes Plus von rund zehn Prozent gegenüber dem Vorjahr. Dann kam Corona. Jetzt rechnen die Geschäftsführer Andreas Ritzenhoff und Pia Meier, die auch das Personalwesen leitet, hingegen mit einem Rückgang um zehn Prozent.

Das Produkt von Seidel ist Premium. Das zeigt ein kleiner Rundgang durch das Werk. Alles muss glänzen: Das Alu-Teil aus der Tiefziehpresse, der Stopfen aus dem Beschriftungsautomaten. Seidel produziert Verschlüsse und Teile für die Kosmetikindustrie, teils auch im Luxussegment, mit Namen wie Yves Saint Laurent, L’Oreal, Gucchi, und mehr. Makellosigkeit ist Pflicht, und das in Stückzahlen von vielen Tausenden bis Millionen. Am Ende wird alles noch mal von Mitarbeitern in persönlichen Augenschein genommen.

Corona traf Seidel wie fast alle Unternehmen auf einen Schlag

Seine unternehmerischen Grundsätze in der Produktion umschreibt Ritzenhoff mit "nachhaltig" und "agil". Nachhaltig sollen die Produkte aus Aluminium sein, da sich dieses Metall optimal recyclen lasse. Agil bedeutet, wenn ein Kunde plötzlich die Stückzahl von einer Million auf zwei Millionen erhöht, den Auftrag bedienen zu können.

Geschäftsführer Dr. Andreas Ritzenhoff (r.) setzt auf einen menschlichen Umgang im Unternehmen. Foto: Geck

Corona traf Seidel - wie alle - mit einem Schlag: Wer kann noch was und wo arbeiten? Die Verunsicherung unter der Belegschaft war groß. Ängste, auch Existenzängste kamen auf, wenn etwa die Produktion still stünde. 

Jede Woche offene Rede vor der Belegschaft

Andreas Ritzenhoff ist ein Mensch mit Visionen, der sich seine Bodenständigkeit bewahrt hat. So hat er sich die Pflicht auferlegt, jeden Mitarbeiter und jede Mitarbeiterin persönlich mit Namen zu kennen, und beim Gang durch die Werkshallen auch zu grüßen. Dieser persönliche Kontakt wurde mit der Corona-Krise ab diesem März noch wichtiger. Gemeinsam mit Personalleiterin Pia Meier trat er jede Woche vor die Belegschaft und informierte über die aktuelle Situation des Unternehmens, der Aufträge sowie die Reaktion auf die Gesundheitskrise. 

Mundschutz für Mitarbeiter und Familien

Auch die jeweils aktuellen Hygiene- und Verhaltensregeln wurden erläutert. Die ersten Aktionen im März waren, einen Pandemiestab zu gründen und 50 000 Mundschutze für die Belegschaft zu organisieren, als so gut wie gar keine erhältlich waren.

Produktionsstopp konnte bei Seidel vermieden werden

Ritzenhoff telefonierte dazu Tag und Nacht. Ziel war, so erinnert sich Betriebsratsvorsitzender Kai Deuker, "Kurzarbeit null zu vermeiden", was einem Produktionsstopp entspräche. Das konnte durch viel Detailarbeit in der Krisenzeit erreicht werden.

Das Unternehmen Seidel mit der Produktionsstätte in Fronhausen. Foto: khn

"Menschen, die Angst hatten, sich zu infizieren, oder die Risikopatienten als direkte Angehörige hatten, konnten zu Hause bleiben", sagt Pia Meier. Das konnten die Betriebsangehörigen selbstständig entscheiden. Bürotätigkeiten konnten ins Homeoffice verlagert werden, die Produktion lief dennoch: Blieb ein Werker oder eine Werkerin nach eigener Risikoeinschätzung zu Hause, sprangen Menschen aus dem Büro ein oder gar die Azubis und bedienten die Maschine. "Wir setzten Kurzarbeit immer dort flexibel ein, wo es notwendig war", sagt Deuker.

Führungsteam verzichtete auf zehn Prozent Gehalt zugunsten in Not geratener Beschäftigter

Auch Geschäftsführung und das Führungsteam bei Seidel zeigten sich solidarisch: Sie verzichtete auf zehn Prozent ihres Gehalts zugunsten in Not geratener Beschäftigter. Rund 20 Menschen umfasst das Führungsteam, nach Angaben von Pia Meier. Das schließt an frühere Solidaraktionen bei Seidel an. So hatten die Beschäftigten schon mal Überstunden für einen Kollegen gespendet, damit dieser seinen krebskranken Sohn zu Hause betreuen konnte. Die Geschäftsführung verdoppelte seinerzeit die gespendete Arbeitszeit aus Respekt vor der Solidarität der Mitarbeiter.

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