Nicht verdammen, aber sinnvoll einsetzen - so empfiehlt Experte Benjamin Wockenfuß den Umgang mit den digitalen Medien. 
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Nicht verdammen, aber sinnvoll einsetzen - so empfiehlt Experte Benjamin Wockenfuß den Umgang mit den digitalen Medien. 

Sinnvoll gegen den Lagerkoller

  • vonGerd Chmeliczek
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Die erste Woche ist geschafft - bleiben noch vier. Vorerst. Die Schließung von Kitas und Schulen wegen des Coronavirus ist eine besondere Herausforderung für Klein und Groß. Da kann das Tablet schnell einmal zum besten Freund der Kinder werden. Wie Eltern das steuern können und welche Inhalte besonders sinnvoll sind, das verrät ein Experte.

Benjamin Wockenfuß ist Suchttherapeut und Social-Media-Manager bei der hessischen Landesstelle für Suchtfragen - und im Moment ein besonders viel beschäftigter Mann. Denn Kinder, Kitas und Eltern suchen nach Wegen, mit dieser Ausnahmesituation zurechtzukommen. Wockenfuß ist Leiter von "DigiKids", einem Projekt, das es sich zum Ziel gemacht hat, die Jüngsten in Sachen Medienkompetenz fit zu machen. Im Moment versucht er, über diese Plattform Angebote und Tipps auch für gestresste Eltern zu bündeln.

Die Ausgangslage- "Zurzeit haben digitale Berater wie ich alle Hände voll zu tun", sagt Wockenfuß. "So etwas habe ich noch nie erlebt." Es gebe verschiedene Netzwerke, die dabei bundesweit zusammenarbeiten. Zum Beispiel "DigiKids", der Elternratgeber "Schau Hin"" oder die Initiative "Gutes Aufwachsen mit Medien". Dabei ist "DigiKids" die Plattform, die mit ihren Angeboten in die Kitas geht. Darum sei man im Moment sehr gefragt. "Es geht darum, was wir wie anbieten können. Wie man mit den Kindern trotzdem arbeiten kann." Man gebe Tipps, nehme aber auch Anregungen entgegen.

Was erarbeitet wird- "Wir wollen unkompliziert helfen." So hat man eine Kita begleitet, die einen digitalen Morgenkreis als Stream initiiert hat. "Wir verstehen uns derzeit als Ideengeber, der die digitale Infrastruktur aufzeigt, die Umsetzung unterstützt und die Angebote dann entsprechend unter die Leute bringt", erklärt Wockenfuß.

Was bereits realisiert wurde- "Eine Kita hat zum Beispiel einen YouTube-Kanal aufgebaut, wo jeden Tag Videos von den Erzieherinnen hochgeladen werden. Inhalte sind Bewegungsspiele, Fingerspiele, Kinderlieder oder Basteltipps." (YouTube-Kanal: Kita Zauberwind) Das habe den positiven Effekt, dass die Kinder weiterhin den emotionalen Kontakt zu ihren Bezugspersonen in der Kita haben. "Es ist im Grunde ganz einfach: eine Kameraeinstellung, ein Smartphone, mehr braucht man nicht." Diese Videos sind teilweise öffentlich zugänglich, teilweise aber auch nur für die Kinder der Kita gemacht. "Wir appellieren an die Einrichtungen, solidarisch zu arbeiten. Wenn jeder nur einen Teil dieser Videos öffentlich macht, haben wir am Ende eine wertvolle pädagogische Mediathek."

Wo es Informationen über solche Angebote gibt- "DigiKids" versteht sich als Plattform, um über diese Angebote zu informieren. Erste Surftipps gibt es bereits unter digikids.online. Auf der Website und in den Social-Media-Auftritten wird tagesaktuell über entsprechende Projekte berichtet. Dazuzählen auch Infos über die Programmangebote der Fernsehkanäle, die Vorstellung von Apps oder Projekte von anderen Trägern. Dort kann man auch mit den Verantwortlichen in Kontakt treten (siehe Kasten): "Uns ist egal, von wem die Idee kommt. Wenn sie gut ist, versuchen wir, sie gemeinsam umzusetzen."

Die Eltern als Zielgruppe- "Sie spielen natürlich eine ganz wichtige Rolle", erklärt der Digitalberater. Nicht nur, aber besonders in der derzeitigen Situation. Daher richte sich das Angebot natürlich auch an sie. "Die Eltern sollen derzeit die Kinder sinnvoll beschäftigen und gleichzeitig im Homeoffice arbeiten. Das beißt sich. Wer sagt, dass er Homeoffice macht, um besser auf die Kinder aufpassen zu können, hat weder Homeoffice noch Kinderbetreuung verstanden", macht Wockenfuß deutlich. Daher appelliere man an die Arbeitgeber, auf die Eltern in dieser Situation verstärkt Rücksicht zu nehmen und keinen zusätzlichen Druck im Job aufzubauen.

Tipps für ein möglichst harmonisches digitales Familienleben- "Ich empfehle dringend, eine Struktur zu schaffen. Wochentage und Wochenenden müssen sich unterscheiden. Struktur und Rahmen sind etwas, was kleinen und großen Familienmitgliedern Sicherheit gibt", erklärt der Experte. Man kann zum Beispiel einen gemeinsamen Tagesplan erstellen, in den feste Lern-, aber auch feste Spielzeiten integriert sind. "Wichtig ist auch, die Erwartungen nicht zu hoch zu schrauben. Es muss noch nicht alles nach der ersten Woche schon reibungslos klappen. Es ist eine außergewöhnliche Situation und Kinder haben eine ganz feine Antenne für Unsicherheiten der Eltern. Wir sollten mit Maß und Mitte versuchen, möglichst entspannt mit der neuen Situation umzugehen. Eine Struktur, gepaart mit einer wohlwollenden Entspanntheit - das wäre mein Rezept."

Bei der Mediennutzung auch einmal ein Auge zudrücken?- "Das ist pauschal nicht zu beantworten Online-Zeit ist nicht gleich Online-Zeit." Eine Lern-App sei nun einmal etwas anderes als der Konsum von Videos auf dem Tablet. "Ich bin nach wie vor der Meinung, dass das Tablet nicht zum Babysitter werden darf. Kinder können wegen der Pandemie nicht plötzlich besser mit digitale Reizen umgehen." Die Mischung mache es. "Tablet, Bastelbuch, Lernheft, Gesellschaftsspiele, Trampolin oder Ballspiele - die Balance ist wichtig. Kein Kind möchte den ganzen Tag isoliert vor dem Tablet verbringen. Es möchte analoge und digitale Reize. Und Zeit mit den Eltern verbringen. Wenn wir das alles unter einen Hut bringen, wird man auch nach diesen fünf Wochen ein ausgeglichenes Kind haben."

Welche Angebote der Experte empfiehlt- "Da gibt es zum Beispiel die Lern-App ›Anton‹, die kann ich sehr empfehlen." Gleiches gelte für die Seiten ›Schau hin‹, ›Klicksafe‹, ›Initiative gutes Aufwachsen mit Medien‹. "Und natürlich unser eigenes Angebot von den ›DigiKids‹, sagt Wockenfuß und lacht. Grundsätzlich empfehle er Apps. die Kreativität vermitteln.

Kindgerechte Aufklärung über das Coronavirus- Da hat es Wockenfuß ein Video der Stadt Wien angetan ( https://www.youtube.com/watch?v=_kU4oCmRFTw). "Da wird den Kindern im Comic-Stil ganz wunderbar erklärt, was es mit dem Virus auf sich hat, wie man sich schützen kann und warum man im Moment besser zu Hause bleibt."

Info: Über DigiKids

Das im April 2017 in Hessen gestartete Pilotprojekt "DigiKids" der Techniker Krankenkasse (TK) und der Hessischen Landesstelle für Suchtfragen soll Kindern den richtigen Umgang mit digitalen Medien vermitteln. Das Projekt übt schon mit Mädchen und Jungen im Kindergartenalter eine ausgewogene Balance in Sachen Mediennutzung ein. Dabei soll nach eigenen Angaben die Verbindung der Kinder zur analogen Welt erhalten, gestärkt und weiterentwickelt werden. Weitere Infos unter https:// digikids.online/, bei Facebook unter https://www.facebook. com/digikids.online/, Twitter: https://twitter.com/DigiKidsHLS und Instagram: /digikids.online.

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