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Kein Ausweg in Sicht: Viele Menschen leiden unerkannt an Depressionen oder unter Angstzuständen. FOTOS: DPA/JLU/ROLF K: WEGST

PSYCHISCHE ERKRANKUNGEN

Sichtbarer - aber nicht neu

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Unzufriedenheit, Selbstzweifel oder Ängste sind natürliche Begleiter im Alltag. Das hängt nicht zuletzt mit beruflichen Anforderungen oder familiären Problemen zusammen. Nehmen sie allerdings so viel Raum ein, dass sie das Leben bestimmen, kann eine psychische Störung vorliegen. Wenn der Leidensdruck zu groß wird, ist der Facharzt gefragt.

Der Stress im Alltag belastet nicht zuletzt die Seele. Der Job fordert volle Konzentration, Fehler können gravierende Folgen haben. Aber auch familiäre Anforderungen und Existenzängste belasten Menschen mitunter so sehr, dass ihre Psyche leidet. Gerne spricht man auch von Zivilisationskrankheiten - ähnlich wie bei Übergewicht oder Herzinfarkt. Aber so neu sind diese Erkrankungen nicht. Nur: Wie geht man mit ihnen um? Fragen an Prof. Christoph Mulert, Direktor der Klinik für Psychiatrie am Universitätsklinikum Gießen-Marburg:

Depressionen, Burn-out, Angstzustände: Sind das die neuen Zivilsationskrankheiten?

In den letzten Jahren und Jahrzehnten nehmen wir stärker wahr, dass es Erkrankungen wie Depressionen und Angstzustände gibt und auch der Begriff Burn-out aufgetaucht ist. Und dass es die Jahre sind, in denen auch Zivilisationskrankheiten wie Übergewicht und Kreislauferkrankungen stärker sichtbar geworden sind. Das bietet sich ein bisschen an, zu denken, dass das eine und das andere parallel läuft. Das ist aber nicht so. Wir sehen viel mehr Fälle, aber das liegt im Wesentlichen nicht daran, dass diese Erkrankungen häufiger geworden sind, sondern dass sie nicht mehr so verheimlicht werden.

Also keine neue Nebenwirkung unserer Zeit?

Es ist wichtig, zu sehen, dass psychische Erkrankungen zu den Erkrankungen gehören, die am meisten stigmatisiert waren und es ein Stück weit auch immer noch sind. Eine Veränderung bei all den Zahlen, die wir bei psychischen Erkrankungen feststellen, liegt gar nicht daran, dass sie häufiger geworden sind, sondern dass sich Patienten oder Hausärzte eher trauen, das Kind auch beim Namen zu nennen. Also nicht einfach krankzuschreiben wegen Rückenproblemen, sondern auch festzustellen, dass es um eine Depression geht. Das ist mehr Sichtbarkeit und weniger ein Neuauftauchen. Das ist ein deutlicher Unterschied zu Übergewicht oder Fettleibigkeit.

Ist in den vergangenen Jahren eine Zunahme der Fälle zu verzeichnen, wie viele Studien zeigen, zum Beispiel bei berufstätigen Menschen oder Schülern?

Psychische Erkrankungen sind stigmatisiert. Viele Menschen tun sich schwer, darüber offen zu reden. Oft auch aus gutem Grund: Will man jemanden mit einer psychischen Erkrankung haben, der neben einem wohnt, auf das Kind aufpasst, der mit einem am Arbeitsplatz zusammenarbeitet, der die Schwester heiratet und so weiter? Das ruft Abwehr hervor. Und da ist es gesamtgesellschaftlich noch ein langer Weg, daran etwas zu ändern. Gleichzeitig ist es so, dass Menschen, die eine Depression haben, heute schon viel eher kompetente Hilfe bekommen als vor 30 Jahren.

Können Sie da ein Beispiel nennen?

Suizide sind meist durch psychische Erkrankungen und am häufigsten durch Depressionen verursacht. Und die Suizidrate in Deutschland hat sich in den letzten Jahrzehnten halbiert. Das heißt: Menschen mit einer Depression bekommen eher Hilfe und suchen sie sich auch eher, als das vor Jahrzehnten der Fall war. Es wirkt also anhand der Zahlen so, als ob Depressionen häufiger werden. Aber in Wirklichkeit werden sie sichtbarer und eher behandelt und führen dann auch nicht mehr zum Tod.

Viele Menschen fühlen sich durch den Leistungsdruck im Beruf überfordert. Macht Arbeit krank?

Arbeit ist ja keineswegs nur etwas Schädliches für die psychische Gesundheit. Sondern ganz im Gegenteil, sie kann sehr wichtig und hilfreich für die psychische Gesundheit sein. Das hat den Aspekt des Selbstwerts, der sozialen Kontakte, der Wertschätzung, aber auch der Tagesstrukturierung: morgens aufstehen, abends müde ins Bett gehen. Das ist gut für die psychische Gesundheit. In vielen Fällen ist das etwas für Menschen, die wegen einer Depression so schwer krank waren, dass sie eine Zeit lang nicht arbeiten konnten. Es ist sehr hilfreich, da wieder reinzufinden, damit sie die guten Seiten der Arbeit wieder für sich nutzen können.

Ausgrenzung und Mobbing belasten nach einer neuen DAK-Studie zunehmend Schüler. Wie ist das einzuschätzen?

Für Schüler, die davon betroffen sind, stellt das eine ganz schwere Belastung dar. Das ist etwas, wo wir als Gesamtgesellschaft eine Aufgabe haben, nicht nur die Lehrer alleine, gegen dieses soziale Ausschließen und auch die Heftigkeit, mit der das passieren kann, anzugehen.

Dieses Ausgrenzen findet man aber auch im Berufsalltag.

Das gibt es. Und das ist tatsächlich etwas, was alle guten Seiten, die Arbeit oder auch Schule haben können, ad absurdum führt und zerstört. Auf der anderen Seite ist es aber eben auch gut, wenn man in positivem Sinne an der Arbeitsstelle oder in der Schulklasse integriert ist. Das ist ein psychisch schützender und wohltuender Faktor.

Wie kann man psychische Erkrankungen erkennen?

Depressionen gibt es abgestuft - von der leichten Ausprägung bis hin zu einer ganz schweren Depression, wo dann lebensmüde Gedanken eher die Regel als die Ausnahme sind und wo es gefährlich wird. Eine leichte Depression beginnt oft damit, dass alles anstrengender wird. Man fühlt sich überfordert, man ist schneller erschöpft. Die Frage ist dann: Wie viel Energie habe ich? Ein zweiter Bereich ist: Wie stark kann man sich über schöne Dinge freuen? Es gibt Ereignisse, die sind für jeden Menschen schlimm, und dann ist man traurig. Oder sie sind anstrengend, dann ist man geschafft oder auch überfordert. Aber das ist alles normal und nicht krankhaft. Dann erholt man sich wieder und kann sich auch über die schönen Dinge freuen. Bei einer Depression verschwindet auch das. Dinge, die einem eigentlich Freude gemacht haben, fühlen sich immer weniger wichtig an und verschwinden hinter einem grauen Schleier.

Gibt es weitere Merkmale?

Es gibt Menschen, denen schmeckt auf einmal nicht mehr, was sie bisher gerne gegessen haben, die haben dann weniger Appetit. Oft sind auch Schlafstörungen dabei, ein viel zu frühes morgendliches Wachwerden. Und natürlich ist die Frage: Wie ist die Stimmung den Tag über? Ist sie neutral und ausgeglichen oder ist sie auch ohne äußeren Grund und mal nicht für einen Tag oder zwei, sondern über Wochen depressiv verändert. Umso mehr solche Symptome auftauchen, desto mehr spricht das für eine Depression.

Burn-out ist ein Schlagwort der letzten Jahre. Was steckt dahinter?

Es gibt da keine verbindliche Definition. Jeder kann sich auch in bisschen seine eigene stricken. Aber es besteht auch die Gefahr für eine ganze Reihe von Menschen, die davon ausgehen, dass sie einen Burnout haben, dass die eigentlich vorhandene Depression nicht erkannt, verniedlicht und damit ein bisschen banalisiert wird.

Welche Behandlungsformen gibt es?

Man kann heute psychische Erkrankungen wie Depressionen und Angsterkrankungen gut behandeln. Eine Depression ist nichts, womit man leben muss. Drei Elemente spielen bei der Behandlung eine Rolle. Das eine ist die Psychotherapie. Da gibt es wohltuende, hilfreiche und sinnvolle Behandlungen, die mit einem überschaubaren Zeitaufwand gute Ergebnisse liefern. Ein zweiter Baustein können Medikamente sein. Ein dritter Bereich ist die Soziotherapie: Menschen müssen gut integriert sein. Da kann Arbeit eine ganz wichtige Rolle spielen. Aber wir sind auch nicht zum Einzelgänger geboren: Für fast alle von uns ist es wichtig, dass wir in einer Gemeinschaft integriert sind und eine Rolle und Aufgabe haben.

Das trifft auch auf Angstzustände zu?

Genau. Es gibt ja verschiedene Angsterkrankungen, wie eine Panikstörung. Angsterkrankungen sind ausgesprochen gut über eine Psychotherapie behandelbar. Wenn man eine Panikattacke erlebt und der Patient hat dann Angst, er könnte jetzt sterben, und reagiert dann auch körperlich, dann lässt sich das oft mit einer relativ kurzen aber fachlich gut durchgeführten Verhaltenstherapie sehr effektiv behandeln.

Und Burn-out?

Das ist kein medizinisch-psychiatrisch klar definierter Begriff, eher ein Sammelsurium aus tatsächlich schon kranken Menschen und anderen, die erschöpft und in einer schwierigen Konstellation auf der Arbeit sind. Da kann man keine so klaren Empfehlungen daraus ableiten. Aber ein Punkt noch: Bei richtigen Depressionen ist die Vorstellung, es würde helfen, einfach mal Urlaub zu machen, oftmals eher schädlich, weil eine notwendige Behandlung verzögert wird.

Depressionen:Phasen der Niedergeschlagenheit und Antriebslosigkeit erlebt jeder Mensch mehr oder weniger oft. Aus medizinisch-therapeutischer Sicht ist die Depression eine ernste Erkrankung, die das Denken, Fühlen und Handeln der Betroffenen beeinflusst, mit Störungen von Körperfunktionen einhergeht und erhebliches Leiden verursacht, erläutert die Internetseite deutsche-depressionshilfe.de. Menschen, die an einer Depression erkrankt sind, können sich selten allein von ihrer gedrückten Stimmung, Antriebslosigkeit und ihren negativen Gedanken befreien.

Angstzustände:Sie zählen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen neben Depressionen. Bei einer Panikstörung beispielsweise leidet der Betroffene unter wiederkehrenden schweren Angstanfällen mit heftigen körperlichen und psychischen Symptomen wie: Atemnot, Benommenheit, Herzklopfen oder unregelmäßiger Herzschlag, Zittern, Schweißausbrüchen, Erstickungsgefühlen oder Übelkeit bis hin zur Furcht zu sterben.

Hilfe:Menschen, die sich mit Gedanken an den Tod beschäftigen oder sehr verzweifelt sind, sollten sich auf jeden Fall an einen Arzt oder eine Ärztin (Hausarzt, Facharzt für Psychiatrie, Psychosomatische Medizin oder einen Nervenarzt) wenden, rät Prof. Christoph Mulert, Direktor der Klinik für Psychiatrie am Universitätsklinikum Gießen-Marburg. "Nehmen die Gedanken zu, suchen Sie sich bitte umgehend professionelle Hilfe!"

Außerhalb der Sprechzeiten kann man sich immer an die nächste psychiatrische Klinik oder den Notarzt unter der Telefonnummer 112 wenden. Rund um die Uhr, anonym und kostenlos, steht die Telefonseelsorge unter der Nummer 0800/111 01 11 zur Verfügung. rüg

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