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Verrostete Stahlarmierungen treten an einer sanierungsbedürftigen Brücke unter porösem Beton hervor, der mit einem Stahlgewebe gesichert wurde.

Sichere Brücken trotz Kategorie 4

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Nach dem Unglück 2018 in Genua ist die Brückensicherheit auch in Deutschland ein Thema. Die Bahn als einer der größten Brückenbetreiber hat seit 2015 bereits 700 Brücken im Land erneuert. Dennoch bleibt viel zu tun.

Für den Laien ist der Zustand einer Brücke kaum zu erfassen. Kleinere Risse oder Rostflecken an der Oberfläche sagen oft nichts über die Tragfähigkeit aus. Dazu müssen Ingenieure genauer hinschauen. Allein in Hessen müssen von den rund 2100 Eisenbahnbrücken der Bahn mittelfristig 72 komplett erneuert werden, wie eine Bahn-Sprecherin in Frankfurt mitteilte. Von den 76 Brücken, die zusätzlich von der Hessischen Landesbahn und der Regionalbahn Kassel betrieben werden, soll zunächst keine erneuert werden, wie aus der Antwort des Wirtschaftsministeriums auf eine Anfrage der SPD-Landtagsfraktion hervorgeht. Allerdings stehe bei rund zwei Dutzend eine Nachbesserung an.

Prüfung im Drei-Jahres-Rhythmus

Mit bundesweit etwa 25 000 Bauwerken ist die Bahn einer der Hauptbetreiber von Brücken und versucht seit Jahren dem entsprechend großen Sanierungsbedarf hinterherzukommen. Das Unternehmen und das Eisenbahnbundesamt stufen sämtliche Brücken je nach Zustand in Kategorien ein. Die schlechteste Kategorie 4 bedeute, dass aus wirtschaftlichen Gründen ein Neubau der Brücke einer Instandsetzung vorzuziehen sei, erklärt Brückenexperte Balthasar Novák von der Universität Stuttgart. Auch diese Brücken seien aber sicher, sonst wären sie für den Betrieb gar nicht mehr zugelassen.

Wann der Neubau fällig wird, hänge vom "individuellen Schadensbild" ab, erläutert er. Das kann nach Angaben der Bahn bis zu 15 Jahre - teilweise auch länger - dauern. Jede Eisenbahnbrücke wird nach Angaben Nováks im Drei-Jahres-Rhythmus von internen Spezialisten der Bahn geprüft. Entscheidend seien das Innenleben und die Ergebnisse der statischen Berechnungen der Ingenieure.

Der Zustand der Eisenbahnbrücken in Hessen ist - misst man ihn anhand der Anzahl der Brücken aus der Kategorie 4 - besser als im Bundesdurchschnitt. Deutschlandweit weisen laut Bahn fünf Prozent der Brücken so gravierende Schäden auf, dass sie perspektivisch ersetzt werden müssen. In Hessen liegt diese Quote bei rund 3,5 Prozent. Etwa ein Drittel davon befindet sich im Rhein-Main-Gebiet. Allein am Offenbacher Hauptbahnhof müssen mittelfristig vier Brücken komplett erneuert werden. In der Kasseler und Frankfurter Innenstadt stehen ebenso Brückenarbeiten an.

Die Bahn sehe sich dennoch auf einem guten Weg, den Sanierungsbedarf kontinuierlich abarbeiten zu können, erklärt eine Sprecherin. "Der Zustand unserer Brücken ist seit Jahren gut, alle Brücken der DB sind sicher." Mit dem Bund gebe es eine Vereinbarung, dass zwischen 2015 und 2019 insgesamt 875 Brücken erneuert werden sollen - davon 107 in Hessen. Bis Beginn 2019 seien davon bundesweit bereits 700 Brücken fertiggestellt worden.

Der Bund als Eigentümer und die Bahn setzen mit dem Investitionspaket von rund 28 Milliarden Euro derzeit das größte Modernisierungsprogramm in der Geschichte der Bahn um, wie die Unternehmenssprecherin mitteilt. Abgesehen von den Brücken sei von dem Geld bereits die Hälfte des Schienennetzes modernisiert und ein Großteil der Infrastrukturmängel beseitigt worden.

Für die Sanierungen brauche die Bahn sich nicht selbst zu beweihräuchern, kritisiert der Sprecher der Eisenbahnverkehrsgewerkschaft, Peter Reitz. "Hier werden die dringlichsten Löcher gestopft und das leider viel zu spät." Etliche Brücken seien in einem "bedenklichen Zustand". Es bräuchte eine Generalüberholung. "Doch es wird mehr geredet als getan", sagt Reitz.

Nach Einschätzung des Brückenexperten Novák können sich der Zustand und die engmaschigen Kontrolle der deutschen Bahnbrücken im internationalen Vergleich sehen lassen. Dennoch sei zugegebenermaßen in den vergangenen Jahren wegen knapper finanzieller Mittel ein Sanierungsstau entstanden, der nun abgebaut werden solle, sagt die Bahn-Sprecherin.

Lebensdauer von 122 Jahren

Eine neue Vereinbarung zwischen dem Bund und der Bahn sieht für die Sanierung von Brücken und Schienen ab 2020 rund 86 Milliarden Euro über eine Laufzeit von zehn Jahren vor, wie Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) vor wenigen Monaten mitteilte. Das ist nach Angaben des Ministeriums erheblich mehr Geld als bisher. Der Bundestag muss der Vereinbarung allerdings noch zustimmen.

Eisenbahnbrücken haben eine durchschnittliche Lebensdauer von 122 Jahren, wie die Sprecherin erklärt. In Hessen sind rund 1000 Brücken 100 Jahre und älter.

Nachdem 2018 im italienischen Genua ein Teil der Morandi-Autobahnbrücke in sich zusammengebrochen war und 43 Menschen mit in den Tod riss, entzündete sich auch in Deutschland eine Debatte zur Stabilität der Brücken. Die Bauingenieure seien hier nun verstärkt gefordert, gute und seriöse Aufklärungsarbeit zu leisten, sagt Novák. Es sei wichtig, die teilweise doch sehr emotionale Diskussion zu versachlichen.

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