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Sehnsucht nach früher

  • Philipp Keßler
    VonPhilipp Keßler
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Schon als Kind beschäftigt sich Martin Albach mit der Zeitung - kein Wunder, ist doch seine Mutter Anna Austrägerin der »Gießener Allgemeinen Zeitung«. Bis heute ist sie Teil im Leben des Daubringers, der inzwischen im Lollarer Stadtteil Ruttershausen wohnt - und dort seinen Hobbys frönt, die er ohne die Zeitung vielleicht nie gehabt hätte.

Wenn Martin Albach Zeit für sich hat, dann zieht er sich in den Hobbyraum seines Wohnhauses in Ruttershausen zurück. Dort lagern seine Schätze: Tausende von Comic-Heften, Hunderte von Platten, CDs und DVDs und jede Menge andere Dinge, etwa aus der Welt des Sports, die der 59-Jährige über die Jahre gesammelt hat. »Ich denke gerne an alte Zeiten zurück, obwohl ich dieses Jahr erst 60 werde - und mich eigentlich auch nicht so fühle«, sagt er. »Ich glaube, ich habe in meinem Leben nicht viel falsch gemacht - zumindest wüsste ich nicht was.«

Durch die Zeitung zur Comic-Liebe

Eine »Mitschuld« an seiner Sammelleidenschaft könnte auch die »Gießener Allgemeine Zeitung« haben. Denn sie ist der erste Berührungspunkt mit den Comic-Streifen, sie weckt die Begeisterung für Sport - und sie gehört zum Alltag in der Familie des Daubringers. Seine Mutter Anna hat jahrelang die »GAZ« im Ort ausgetragen. Martin Albach und seine beiden Brüder »mussten ein bisschen helfen«, erzählt er.

Als Kind schon habe er deshalb nach der Schule die Zeitung in die Hand genommen, die Seiten durchgeblättert - und sei an den Bildern hängen geblieben. Seine erste Leidenschaft gilt den Comics aus dem Wilden Westen, später kommt auch noch der Sportteil hinzu. Damals spielt der SV Daubringen, der inzwischen gar keine Mannschaft mehr stellt, in der A-Klasse. »Das war für mich natürlich sehr interessant«, sagt Albach. »Gerade montags habe ich den halben Tag mit dem Sportteil zugebracht.«

Die »GAZ« begleitet ihn durch die Schulzeit, ist Teil seines Lebens, als er am Landgraf-Ludwigs-Gymnasium sein Abitur macht und anschließend eine Lehre als Großhandelskaufmann bei der Firma Enders in Reiskirchen beginnt - in diesem Jahr feiert er sein 40-Jähriges dort. »Ich wollte nicht unbedingt studieren«, erklärt Albach - und als er seinen zukünftigen Chef über einen Fußballkontakt seines Vaters kennenlernt, habe dieser »in die Hand versprochen, dass ich bleibe, wenn es mir gefällt - und ich bin bis heute da«. Fast sein ganzes Arbeitsleben ist er in der Abteilung für Gastronomiebedarf, wird bereits in jungen Jahren Abteilungsleiter - und ist es bis heute. »Das war damals ein verantwortungsvoller Posten, der nach wie vor sehr interessant ist«, sagt Albach. »Wir haben ein gutes Team und ich kenne das Gastro-Leben in unserer Gegend in- und auswendig.«

Besonders in Erinnerung geblieben ist ihm, als einmal ein frisch in Deutschland stationierter Offizier von Gießen mit dem Taxi zu ihm nach Reiskirchen kam - und der Texaner trotz deutlicher Minusgrade in kurzen Hosen vor ihn trat. Für die Ausstattung einer der Kneipen auf dem Gelände des US-Militärs suchte er Palmen - und bekam sie bei Albach. »Wir sind mit der Zeit gegangen, auch wenn mein Chef anfangs gesagt hat, dass ich die Palmen mit nach Hause nehmen muss, wenn sie niemand kauft«, erzählt er mit einem Lachen.

In der Zwischenzeit sind Albach und seine Frau, die er bereits im Alter von 18 Jahren kennengelernt hatte, nach Gießen gezogen - auch wegen Albachs Grundwehrdienst. »Das waren harte Zeiten«, sagt er. Fast habe er aus Liebe zum Sport mal seinen Wochenendausgang überstrapaziert, stand er doch bis zum letzten Moment in der Gießener Osthalle, um den damaligen Top-Volleyballern des USC Gießen bei einem Europapokalspiel zuzujubeln. »So etwas hatte ich noch nicht erlebt - was da eine Stimmung war. Zum Glück hat mich jemand mit dem Auto zum Bahnhof mitgenommen, damit ich meinen Zug noch bekomme«, erinnert er sich heute.

Doch lange hält er es in der Stadt nicht aus - und wieder steht die Zeitung im Zentrum seines neuen Lebensabschnitts. Nach rund einjähriger Suche nach einem passenden Eigenheim für das junge Ehepaar findet er im Frühjahr 1989 eine Anzeige in der »GAZ« für zwei nebeneinander stehende Häuser in Lollar-Ruttershausen - und schlägt zu. »Damals wie heute hat man ganz schlecht etwas bekommen«, erzählt Albach. »Und in diesem Haus wohnen wir bis heute - ich habe es nie bereut, denn auch die Nachbarschaft ist nach wie vor top.« Auch wenn die Zeit in Gießen »schon wehgetan habe«, zu weit weg von der Stadt wollte er auch nicht, ist die Stadt an der Lahn doch die Heimat einer weiteren Leidenschaft: der Basketballer der Gießen 46ers. Über 20 Jahre ist er Inhaber zweier Dauerkarten, nach dem ersten Abstieg 2013 gibt er sie ab. Vorher, 2005, fährt Albach noch mit dem Fan-Club zu den berühmten Playoff-Spielen nach Köln, verpasst keine Sekunde - egal, ob daheim oder auswärts. »Da hätte sich meine Frau fast scheiden lassen«, sagt Albach mit einem Grinsen. »Heute kann man nur hoffen, dass es mit dem Gießener Basketball wieder aufwärts geht.«

Von Fußball und anderen Hobbys

Langweilig wird dem 60-Jährigen in sportlicher Hinsicht trotzdem nicht, ist er doch seit Jahrzehnten Anhänger von Fußball-Bundesligist Borussia Mönchengladbach, führt bereits in Kindertagen - auch dank der ausführlichen Sportberichterstattung in der »GAZ« - eigene Listen mit Torjägern oder Tabellen für Heim- und Auswärtsspiele. Seit 1973 ist er Fan des Klubs, seit 2001 auch Mitglied und gönnt sich noch heute zwei, drei Stadionbesuche samt Hotelübernachtung im Borussen-Park pro Jahr - und verfolgte seinerzeit die berühmte Selbsteinwechselung von Günter Netzer oder auch vor Corona den 2:1-Heimsieg gegen den großen FC Bayern München. Für den Fußball verlegte er eigens sogar die Feier zu seinem 50. Geburtstag vor zehn Jahren, hatte er doch - zum zweiten Mal (!) - bei einer Verlosung der »Sport Bild« einen Stadionbesuch gewonnen - damals in der Münchner Allianz-Arena.

Mit derselben Leidenschaft sammelt er bis heute Comics, schneidet anfänglich die »Stripes« der Fortsetzungsgeschichten aus der Zeitung aus und klebt sich seine eigenen Comic-»Hefte«, besucht mit dem Großvater seiner späteren Frau Flohmärkte und kommt über den Bekannten seines Bruders schließlich zum Grundstock seiner Sammlung: 800 Hefte in bestem Zustand werden ihm für 400 D-Mark angeboten - kein Pappenstiel bei 300 Mark Sold als Wehrdienstleistender. Albach schlägt trotzdem zu, verkauft einen Teil, sammelt den Rest - und nimmt das erwirtschaftete Geld für weitere Käufe. Heute hat er mehr als zehn Schränke voll. »Ich habe all meine Comics wirklich gelesen«, sagt er. »Für manche ist das nur ein Geschäft, für mich aber nicht. Meine Comics haben mich nur in meiner Teenie-Zeit zwischen 15 und 19 Jahren verlassen«, erzählt er. Noch heute frönt er seiner Sammelleidenschaft, wenn er ab und an zur Comic-Börse nach Köln fährt oder bei einem Comic-Händler in Stuttgart. »Da sind immer ein paar Hundert Euro fällig«, sagt Albach und lacht. Denn neben Heftreihen früherer Tage hat er auch rund 20 aktuelle Serien in seiner Sammlung - und die wollen schließlich auf dem aktuellen Stand gehalten werden. In Sachen Thema ist er flexibel: Wilder Westen, Seeräuber-, Ritter- und Abenteuergeschichten interessieren ihn, weniger Begeisterung hat er für die berühmten Superhelden, die Power Rangers, die sein Sohn liest, oder japanische Mangas, für die sich seine Tochter begeistern kann.

»Comics waren in den 1950er Jahren noch verpönt, aber ich erinnere, mich, wenn wir als zehn Enkel bei meiner Oma waren, hat jeder ein Heftchen bekommen und sich in eine Ecke verzogen«, sagt Albach. »Die Leute vergessen, dass viele Kinder auf diese Weise ans Lesen gewöhnt werden, auch wenn die Texte natürlich nicht immer besonders geistvoll sind.« Das galt natürlich auch für den Musikgeschmack der Jugend in den Augen der Erwachsenen. Albach hat trotzdem u. a. seine allererste Platte von Elton John noch in seiner Sammlung und die zweite Platte der Pop-Rock-Band Smokie mit Unterschriften, die er bei einem Preisrätsel der Musiksendung »Disco« als dritten Preis bekommen hatte. »Diese Dinge habe ich alle noch«, sagt Albach - und schiebt etwas nachdenklich hinterher: »Ich habe mich nie gefragt, was die eigentlich wert sind.« Aber darum geht es ihm auch nicht - ähnlich wie bei seinen Comics. Vielmehr ist es eine Art Auszeit: »Wenn ich mal wieder Zeit für mich habe, dann höre ich mir die Platten mal wieder an oder lese ein paar Comics - so hat jeder seinen Spleen.« Albach ist überzeugt: »Je moderner die Welt wird, desto mehr sehnen sich die Menschen nach den alten Dingen.«

Und auch die Zeitung gehört schließlich zu derartigen Institutionen. Während er zu seinen Gießener Zeiten immer nach Daubringen gefahren ist, um die Zeitung zu studieren, gönnt sich Albach inzwischen längst selbst ein Abo, auch wenn seine Mutter, die beim Bruder mit im Haus wohnt, ihres ebenfalls noch hat - und die »GAZ« damit weiterhin zum Alltag der Albachs gehört.

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