Ohne englische Schauspieler nicht denkbar: Den Brexit vor Augen, geht das English Theatre Frankfurt in seine 40. Spielzeit. FOTO: DPA
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Ohne englische Schauspieler nicht denkbar: Den Brexit vor Augen, geht das English Theatre Frankfurt in seine 40. Spielzeit. FOTO: DPA

Schwieriger Spagat über den Kanal

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Der Brexit trifft auch Menschen und Institutionen in Hessen. Wie geht es jetzt weiter für hier lebende Briten oder für das Finanzzentrum Frankfurt? Und für das English Theatre oder hessische Schüler, die zum Austausch nach England fahren möchten?

Nun ist es tatsächlich so weit: Großbritannien will am 31. Januar aus der EU austreten. Aber was kommt dann? Bis Ende 2020 gilt noch eine Übergangsfrist, während der so gut wie alles beim Alten bleibt. In dieser Zeit wollen London und Brüssel eine Vereinbarung über die künftigen Beziehungen treffen. Die Verunsicherung ist groß - auch in Hessen.

Einbürgerung:Über 3000 Briten haben in den vergangenen drei Jahren in Hessen Anträge auf Einbürgerung gestellt. Weil viele in der Finanzmetropole Frankfurt arbeiten, ging ein Großteil im Regierungspräsidium Südhessen ein. Die Behörde in Darmstadt registrierte 2697 Anträge seit 2017. Im Regierungspräsidium Gießen waren es 213, in Kassel 184. Die Ungewissheit über den Brexit im vergangenen Jahr befeuerte die Nachfrage nach der deutschen Staatsbürgerschaft offenbar. Rund die Hälfte der insgesamt gestellten Anträge ging 2019 ein.

Wer deutscher Staatsbürger werden will, stellt den Antrag auf Einbürgerung in seinem Wohnort. Die Kommune leitet diese an die Regierungspräsidien weiter. Im Falle eines Brexits ohne Abkommen könnten Bewerber die britische Staatsangehörigkeit nur behalten, wenn der Einbürgerungsantrag vor dem Austritt aus der EU gestellt werde.

Schüleraustausch:Von 2016 bis 2018 nahmen 3772 hessische Schüler an den erfassten Austauschfahrten nach Großbritannien und Nordirland teil, wie das Kultusministerium mitteilte. Gerade auf EU-Ebene sei trotz des unmittelbar bevorstehenden Austrittstermins noch vieles im Fluss, sodass über die tatsächlichen Auswirkungen des Brexit nur spekuliert werden könne, hieß es. "Vieles wird die Lebenswirklichkeit letztendlich erst in den nächsten Monaten und Jahren zeigen."

Die Austauschbeziehungen seien traditionell eng. "Das Hessische Kultusministerium ist deswegen grundsätzlich bestrebt, dazu beizutragen, dass die vielfältigen Verbindungen Hessens nach Großbritannien und Nordirland bestehen bleiben." Betroffen sind nicht nur Schüler: So besteht seit Jahren ein Hospitationsprogramm für hessische Lehrkräfte im Vereinigten Königreich. Von 2016 bis 2018 hospitierten laut Ministerium 16 hessische Pädagogen an britischen Schulen. "Ob das Programm nach dem Brexit bestehen bleiben wird, steht noch nicht fest."

Finanzbranche:Banken bereiten sich auf den Brexit vor, seit die Briten 2016 mit knapper Mehrheit für den EU-Austritt stimmten. Denn bestimmte Dienstleistungen wie Einlagen- und Kreditgeschäfte sind in der EU nur zulässig, wenn die Institute rechtlich selbstständige Einheiten in einem EU-Staat haben. Nach jüngsten Angaben der deutschen Finanzaufsicht BAFIN sind 60 Finanzinstitute dabei, sich in Deutschland ein Standbein zu schaffen oder ihre Präsenz auszubauen. Der Verband der Auslandsbanken in Deutschland zählt aktuell über 30 Banken plus 15 kleinere Finanzdienstleister, die Frankfurt auserkoren haben.

Zwar wird Deutschlands führender Finanzplatz entgegen erster Erwartungen von Brexit-Bankern nicht gerade überschwemmt. Denn auch Paris und Luxemburg, Amsterdam und Dublin buhlen um Jobs aus London. Zudem stocken viele Institute am neuen Standort erst allmählich ihr Personal auf. Nach Kenntnissen des Verbandes der Auslandsbanken wurden in Frankfurt bisher etwa 1500 FinanzJobs im Zuge des Brexits aufgebaut. Weitere 1000 könnten im Laufe dieses Jahres folgen.

English Theatre:Frankfurt beherbergt nicht nur die wichtigste englischsprachige Bühne in Hessen, sondern auch die größte im deutschsprachigen Raum: Daniel Nicolai, der Intendant des hiesigen English Theatre, ist zuversichtlich, dass der Theaterbetrieb auch nach dem Brexit weiterläuft und die Arbeitserlaubnis für englische Schauspieler erteilt wird. "Die Behörden verstehen ja, dass auf der Bühne ein Muttersprachler stehen muss und nicht ein deutscher Schauspieler, der ein bisschen Englisch gelernt hat", sagte er zu Beginn der aktuellen Spielzeit.

Dabei geht es nicht nur darum, britische Schauspieler auf die Frankfurter Bühne zu holen: Das Casting für die Produktionen findet in London statt, hier laufen auch die ersten Proben, erarbeitet das Kreativteam das Stück. Erst drei Wochen vor der Premiere kommen Schauspieler, Regisseur, Stage Manager nach Frankfurt für die letzte Vorbereitung. Die Stücke sind so buchstäblich ein Spagat über den Ärmelkanal hinweg.

Universitäten:Was der Brexit für Forscher und Studenten bedeutet, können Hessens Unis in vielen Bereichen noch nicht absehen. Für den Studierendenaustausch und für bestimmte laufende Projekte sowie solche, die nicht über 2020 hinausgehen, sollte der Brexit zunächst keine Konsequenzen haben, heißt es etwa bei der Uni Frankfurt. Auch Wissenschaftler, die bislang in Großbritannien leben und arbeiten, könnten das uneingeschränkt weiter tun. Aber: "Derzeit ist darüber leider überhaupt noch nichts absehbar", sagte Uni-Vizepräsident Rolf van Dick.

"Das heißt, wir wissen nicht, wie künftige Abkommen zwischen der britischen Regierung und der Europäischen Union etwa im Hinblick auf den Studierendenaustausch und die Teilnahme von Forschenden an Austauschprogrammen aussehen könnten." Belastbare Prognosen seien derzeit nicht möglich. Eines sei jedoch sicher: Für die Aufrechterhaltung des "bisher unproblematischen, ja freundschaftlichen Austauschs, dürfte der Brexit künftig eine erhebliche Hürde darstellen".

Opel:Der Autobauer Opel mit seiner britischen Schwestermarke Vauxhall betreibt im Vereinigten Königreich zwei Autofabriken, die eng in das komplexe Zuliefernetz eingebunden sind. Zusätzliche Zölle und lange Wartezeiten an den Grenzen könnten die Produktion stören.

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