Von der Schwere der Schuld

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Frankfurt - Als Stephan Ernst erfährt, dass er Lebenslänglich bekommt, sieht er aus wie immer in den vergangenen sechseinhalb Monaten. Der Hauptangeklagte im Prozess um den Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke hat die Hände in den Schoß gelegt und schaut regungslos nach vorn. So saß er seit Juni die allermeiste Zeit auf der Anklagebank des Oberlandesgerichts Frankfurt. Auch am Ende dieses Mammutprozesses ist das nicht anders. Der Staatsschutzsenat hat den Rechtsextremisten wegen des Mordes an dem CDU-Politiker zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt und die besondere Schwere der Schuld festgestellt.

Vor ihm sitzt sein langjähriger Neonazi-Kumpel Markus H., den das Gericht vom Vorwurf freigesprochen hat, Beihilfe geleistet zu haben. Wegen eines Waffendelikts wird er lediglich zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Der 44-Jährige, der an vielen der 45 Verhandlungstage durch Grimassen aufgefallen war, könnte nun triumphieren. Aber auch H. nimmt die Worte des Vorsitzenden Richters Thomas Sagebiel starr entgegen. Die Arme vor der Brust verschränkt, schaut er nach oben, zieht die Augenbrauen hoch. Sein massiger Körper scheint zu sagen: Puh, geschafft.

Wartende stehen lange im Regen

Sein Verteidiger Björn Clemens versucht, Blickkontakt mit ihm aufzunehmen, aber der Mann, der laut Anklage Ernst in seinem Hass gegen Lübcke aufgestachelt und die Tat mitgeplant haben soll, schaut nur an die Decke des Hochsicherheitssaals 165 C.

Die Hauptprotagonisten des Prozesses nehmen zwei völlig unterschiedliche Urteile also sehr ähnlich auf. Vielleicht liegt das auch daran, dass die meisten den Richterspruch so erwartet hatten. Hermann Schaus etwa, der hessische Landtagsabgeordnete der Linken, hatte das Urteil schon um viertel nach drei in der Nacht vorausgesagt. Da hatte sich der Wetzlarer gerade in die Besucherschlange gestellt.

Das Interesse war wie zu Beginn des Prozesses riesig. Schaus hatte in den vergangenen Monaten zweimal vergeblich versucht hineinzukommen. Nun stand er wie viele andere Interessierte stundenlang im Regen. Der Innenpolitikexperte Schaus hat vor allem Bauchschmerzen, dass Markus H. frei bleibt. Das Gericht hatte am Ende einfach zu große Zweifel an der Mittäterschaft. red

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