"Im Schock habe ich das weitergeleitet"

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Frankfurt- Ertugrul P. ist kein Verbrecher. Das muss man auch nicht unbedingt sein, um auf der Anklagebank des Amtsgerichts zu landen. Sein Führungszeugnis ist sauber, er ist bislang lediglich einmal gerichtlich verwarnt worden, weil er als Kindskopf ein paar Lampen zerdeppert hat. Der 23-Jährige hat erfolgreich eine Lehre zum Einzelhandelskaufmann abgeschlossen, derzeit studiert er Sozialwissenschaften, liebäugelt aber mit einer Karriere im gehobenen Dienst bei der Polizei. Er wohnt bei seinen Eltern.

Einen Verteidiger hat er zu seinem Prozesstermin am Dienstagmorgen nicht mitgebracht, dafür aber seine Mutter. P. ist der "Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen" angeklagt.

Am 13. November 2018 stirbt der 17 Jahre alte Mustafa Alptug Sözen an der Station Ost-endstraße bei der Rettung eines auf die Gleise gestürzten Betrunkenen. Sözen wird von einer einfahrenden Bahn getötet, der Betrunkene überlebt schwer verletzt. Eine Gedenktafel an der Bahnstation erinnert noch heute an die Heldentat. Noch während die Rettungskräfte sich um den Verletzten kümmern und den Toten bergen, machen bis heute Unbekannte mit ihren Handys Bilder und Videos davon und stellen sie ins Internet. Die Bilder werden weiterversendet.

Einer, der sie geschickt bekommt, ist Ertugrul P. Er arbeitet an diesem Tag - nach der Berufsschule - in einem Elektronikmarkt, als er die Bilder bekommt, gesendet von einem Mitglied seiner Fußball-WhatsApp-Gruppe. Es sei eine "von mehr als 100 Nachrichten", die er an diesem Tag bekommen habe - keine Seltenheit für den kommunikativ bestens vernetzten jungen Mann. Aber diese Bilder hätten ihn schockiert. "Und im Schock habe ich das weitergeleitet", sagt P., und zwar an die WhatsApp-Gruppe seiner Berufsschule. "Das war keine böse Absicht, ich habe das nur gemacht, um die Leute zu informieren. Ich bin kein Mensch, der gerne Leichen sieht. Ich habe die Tragweite nicht erkannt." Das Weiterleiten von Bildern und Nachrichten ist für P. längst zur Routine geworden, zu einem Automatismus, der kein Nachdenken erfordert. Zumindest bis jetzt.

Laut Paragraf 201a des Strafgesetzbuchs wird derjenige, der "eine Bildaufnahme, die die Hilflosigkeit einer anderen Person zur Schau stellt, unbefugt herstellt oder überträgt und dadurch den höchstpersönlichen Lebensbereich der abgebildeten Person verletzt", mit einer Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren oder mit einer Geldstrafe bestraft.

Eine Freiheitsstrafe kommt in diesem Fall nicht infrage. P. hat die grauenhaften Bilder nicht selbst aufgenommen. Er ist voll geständig. Seine Reue wirkt glaubwürdig. Und sein letztes Wort ist beinahe rührend. Er bedankt sich bei der Staatsanwältin für ihr Plädoyer und verspricht ihr, künftig vor dem Benutzen des Handys auch das Hirn einzuschalten. "Das verspreche ich auch dir, Mama", sagt er Richtung Zuschauerraum. Die Mutter nickt streng, aber gerecht. Es tue ihm "sehr leid für die Familie" des getöteten Mustafa Alptug Sözen, an deren Leid er durch das Verbreiten der Bilder wohl mitgewirkt habe, sagt P.

Das Urteil ist erwartbar milde, aber nicht ohne Konsequenzen. P. wird verwarnt, eine Geldstrafe von 50 Tagessätzen à zehn Euro wird unter Vorbehalt gestellt. Er muss zudem die Kosten des Verfahrens tragen und 20 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten.

Stefan Behr

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