»Schadographien« eröffnen Reihe zu optischen Phänomenen

Wetzlar – Bekannt wurde der Maler Christian Schad (1894-1982) mit seinen detailgenauen Porträts der 1920er Jahre, die ihn zum Protagonisten der Neuen Sachlichkeit machten.

Wetzlar – Bekannt wurde der Maler Christian Schad (1894-1982) mit seinen detailgenauen Porträts der 1920er Jahre, die ihn zum Protagonisten der Neuen Sachlichkeit machten. Finanziellen Erfolg hatte er jedoch erst im Alter, nachdem 1955 in Aschaffenburg eine Retrospektive gezeigt worden war. Schad verfolgte zeitlebens noch einen anderen Strang des Kunstschaffens, der ihn Mitte der 30er Jahre vor allem in den USA bekannt machte: seine Fotogramme, also Belichtungen auf Fotopapier ohne Kamera. Ein Verfahren, das seit dem 18. Jahrhundert im naturwissenschaftlich-dokumentarischen Bereich bekannt war, doch von Schad 1919 erstmals künstlerisch genutzt wurde.

Er experimentiert mit Objekten auf Tageslichtfotopapier, das sich langsam veränderte und dadurch steuerbar war. Es war die Zeit, als er zur Gruppe der Dadaisten um Hans Arp, Hugo Ball und Emmy Jennings in Zürich/Genf gehörte. Deren programmatische Forderung nach Freiheit der Kunst von äußeren Vorgaben, der spielerischen Integration des Zufalls prägten seine Kompositionen. Disparate Fundstücke des Alltags wurden durch Belichtung zu poetischen Bildrätseln. Die Bezeichnung Schadographie erhielten sie erst 1936 anlässlich der Ausstellung im Museum of Modern Art (MoMa) in New York, wo sich heute die meisten Originale befinden; die teuersten historischen Fotoaufnahmen weltweit.

In der aktuellen Ausstellung im Stadtmuseum Wetzlar sind davon einige Reproduktionen zu sehen.

Dr. Anja Eichler, seit sieben Monaten neue Museumsleiterin, startet mit der Ausstellung zu den »Schadographien« eine neue Reihe, in der passend zum Thema Optik-Stadt Wetzlar optische Phänomene in der Kunst beleuchtet werden. Möglich wurde die aktuelle Präsentation durch die Galeristen Marie-Luise und Günter Richter (Rottach-Egern), die mit dem Künstler befreundet waren und sein Werk sammelten, in Buchform publizieren und in Ausstellungen zugänglich machen. Für Wetzlar trafen sie eine Auswahl von 70 Werken, zu denen Schadographien der Frühzeit und der 60er/70er Jahre gehören, abgerundet durch frühe Holzdrucke, die Schads Herkunft aus dem Expressionismus verdeutlichen, und Lithographien und Zeichnungen um 1980.

Der Schwerpunkt liegt auf drei Zyklen der 60er und 70er Jahre, die inspiriert sind vom ersten Prosagedichtband der Literaturgeschichte: »Gaspard de la nuit« (um 1835) von Aloys Bertrand; ein Zyklus, der bereits von Baudelaire und Mallarmé gewürdigt wurde und heute als Beginn der phantastischen Literatur gilt (noch ein Bezug zu Wetzlar!). Schad schuf keine Illustrationen, sondern eine eigene Bildpoesie, die sich wie die Texte in nächtlicher Traumwelt abspielt. Die Technik war jetzt eine Andere: das nun übliche Fotopapier konnte nur noch in der Dunkelkammer mit Kunstlicht belichtet werden, dafür aber in mehrfachen Stufen. Die Bilder erhielten dadurch eine neue Tiefenräumlichkeit und Dynamik. Teilweise nutzte er auch Schablonen, die als Motive immer wieder kehren. Zu sehen bis 18. Mai. Dagmar Klein

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