Nach der schrecklichen Tat am Frankfurter Hauptbahnhof legt ein Polizist Blumen am Bahnsteig nieder. Dort ist ein achtjähriger Junge vor einen einfahrenden ICE gestoßen und getötet worden.
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Nach der schrecklichen Tat am Frankfurter Hauptbahnhof legt ein Polizist Blumen am Bahnsteig nieder. Dort ist ein achtjähriger Junge vor einen einfahrenden ICE gestoßen und getötet worden.

»Ruhe in Frieden, kleiner Mann«

Drama am Frankfurter Hauptbahnhof: Ein Mann stößt Mutter und Sohn vor einen ICE, der Junge stirbt. Entsetzen in der Öffentlichkeit - und eine Stadt im Schock.

Am Abend nach der unfassbaren Tat versammeln sich rund 40 Personen zu einer Mahnwache im Hauptbahnhof. Sie legen Blumen am Beginn von Gleis 7 nieder, Karten und Schilder, zünden Grabkerzen an. »Ruhe in Frieden, kleiner Mann«, hat jemand geschrieben. Dahinter stehen Polizisten, die ein wachsames Auge auf die per Facebook spontan zusammengerufene Trauergemeinde werfen. Ganz unterschiedliche Menschen stehen da beisammen und schweigen. Männer mit großflächigen Tätowierungen an Armen und Beinen. Ein marokkanischer Vater mit seinen Söhnen, acht und sieben Jahre alt. Ein Bahn-Mitarbeiter in Dienstuniform, der mit gefalteten Händen und Tränen in den Augen auf die Blumen und Kerzen blickt. Eine Mutter, die ihr Neugeborenes im Kinderwagen nach vorne schiebt. »Es hat sich viel verändert, gerade hier am Hauptbahnhof. So viele kaputte Menschen. Es ist gefährlich hier«, sagt der marokkanische Vater. Seinen beiden Jungs hat er erklärt, dass sie immer eng bei ihm laufen sollen. »Ich war geschockt, als ich das gehört habe. Richtig geschockt.«

Am Hauptbahnhof herrschte Ausnahmezustand an diesem Tag. Der tödliche Angriff geschah um 9.50 Uhr, als der ICE 592 aus Düsseldorf auf Gleis 7 einfuhr. Der Lokführer konnte nichts mehr tun. Drei Bahnsteige (Gleis 4 bis 9) sind mit rot-weißem Flatterband abgesperrt. Fernsehteams haben sich am Vormittag davor aufgebaut, Reporter blicken mit dem Mikrofon in der Hand ernst in die Kameras und berichten. Ein 40-jähriger Eritreer hat eine Mutter mit ihrem achtjährigen Sohn vor einen einfahrenden Zug gestoßen. Der Junge starb, die Mutter konnte sich retten. Der Mann soll laut Zeugen versucht haben, noch weitere Personen auf die Schienen zu stoßen. Der Täter rannte vor das Bahnhofsgebäude, konnte dort aber überwältigt werden.

Der Student Pablo Rodriguez Campos läuft in dem Moment, in dem der ICE einfährt, in der Mannheimer Straße an der offenen Südseite entlang. »Von da konnte ich alles sehen, wie der ICE einfährt und wie plötzlich die Leute losschrien. Es waren Horrorschreie. Und dann sah ich, wie der Täter weglief und mehrere Leute rannten ihm hinterher. Andere schauten nach unten auf die Gleise. Ich wusste sofort, da muss was Schreckliches passiert sein und der Mann etwas sehr Schlimmes getan haben.«

»Ich will alleine sein«

Nun will Rodriguez Campos nur noch nach Hause. »Ich will alleine sein. Ich muss das verarbeiten. Ich bekomme diese Schreie einfach nicht mehr aus meinem Kopf. Und ich muss dauernd denken, dass, wenn ich in Zukunft an einem Gleis stehen werde, mich jetzt immer umdrehen werde, dass keiner hinter mir steht und auch mich versucht, aufs Gleis zu schubsen.«

Am frühen Nachmittag dreht ein Polizeihubschrauber über dem Gleisfeld seine Runden. »Der Helikopter macht aktuell Übersichtsaufnahmen vom Tatort«, teilt die Polizei verunsicherten Anwohnern mit, die sich über den Kurznachrichtendienst Twitter erkundigen.

Vor den sechs gesperrten Gleisen stehen Bahn-Mitarbeiter in orangefarbenen Signalwesten. Sie haben Gummibärchen dabei und erklären Fahrgästen, wann wo welcher Zug jetzt abfährt. Eine ältere Dame mit Rollator, die gerade aus Zürich gekommen ist und weiter nach Berlin will, freut sich über Hilfe. Ein Mann von der Bahnhofsmission trägt ihren schweren Koffer bis an Gleis 1. Dort warten schon andere Fahrgäste. Unter ihnen ist auch eine junge Mutter. Ihren kleinen Sohn hält sie auf dem Arm und lehnt an der Innenwand des Bahnhofsgebäudes. Das Kind zwischen sich und der Mauer. Sie halten maximale Distanz zur Bahnsteigkante, ihre Blicke wirken verängstigt. Dann fährt der ICE nach Berlin-Gesundbrunnen ein.

Als das achtjährige Todesopfer am Vormittag auf Gleis 7 gestoßen wurde, standen dort auch einige wartende Fahrgäste. »Ich stand vorn und hab es nur aus der Ferne gesehen«, sagte eine Zeugin der »Bild«-Zeitung. »Leute, die von hinten kamen, waren leichenblass, haben teilweise geweint.«

Mehrere Notfallseelsorger kamen in den Hauptbahnhof, um sich um die geschockten Beobachter des schrecklichen Geschehens zu kümmern. Am Nachmittag versuchen Politiker, die Kirche, jene, die etwas sagen müssen, das Unfassbare in Worte zu fassen. Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) spricht den Angehörigen sein »tief empfundenes Beileid« aus. »Was wir bisher über die Tat wissen, widerspricht allem, wofür Frankfurt steht«, teilt er mit. »Wir Frankfurter stehen zusammen, wir haken uns unter, wir helfen selbstlos Menschen, wir retten sie aus der Not und sind füreinander da - auch an Tagen wie heute, wo ein Schatten über der Stadt liegt.«

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