Johanna-Prozess

Rick J. fesselt Staatsanwalt Hauburger

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Rick J. verlässt seine Gleichgültigkeitspose dann, wenn vor Gericht strafmaßrelevante Themen erörtert werden.

So auch gestern, als die akribische, in Videoclips festgehaltene Rekonstruktion des Tathergangs durch Beamte der Polizeidirektion Gießen im Mittelpunkt stand. Sein Protest gegen Teile der Rekonstruktion gipfelte in der Fesselung von Staatsanwalt Thomas Hauburger vor Gericht.

Detailliert hatten sich die Beamten der Soko Johanna im Herbst 2017 auf die Rekonstruktion vorbereitet, einen baugleichen VW Jetta organisiert, die Gegebenheiten am Sportplatz Bobenhausen mit 18 Jahre alten Tatortfotos verglichen und das gewachsene Buschwerk zurückschneiden lassen.

Hinsichtlich dreier Punkte rückten die Rekonstruktion und die dabei dokumentierten Zeiten J.s diverse Einlassungen in ein mehr als zweifelhaftes Licht. Als ein in Körpergröße und Statur J. vergleichbarer Polizist am 30. November 2017 mit Tempo 60 der Kreisstraße von Bellmuth nach Bobenhausen folgte, konnte er deutlich die Johanna simulierende Kollegin sehen, die in 38 Meter Entfernung den parallel verlaufenden Radweg befuhr. Schlussfolgerung der Beamten: Unter diesen Umständen habe Johanna klar als Kind erkannt werden können. Rick J. behauptet, Johanna für eine Jugendliche gehalten zu haben.

Bei der Entführung will J. Johanna chloroformiert zum Auto getragen, ihr die Hände gefesselt und sie in den Kofferraum gepackt haben. Die Beamten bewerten seine Schilderung von einem Stopp an einer Pferdekoppel mit erneuter Fesselung mittels einem vom Zaun entnommenen Seil als wenig glaubhaft. Der zeitliche Ablauf in Verbindung mit Zeugenaussagen lasse "den Handlungsstrang nicht logisch" erscheinen, deute darauf hin, dass J. nach der Entführung direkt zur Tankstelle in Nidda gefahren sei, in dessen Shop er 13 Minuten nach Abfahrt aus Bobenhausen gesehen wurde.

Dort will er das Klebeband gekauft haben, mit dem er das aus der Betäubung erwachte Kind erneut fesselte – ob zuerst Hände und Füße oder umgekehrt, dazu machte J. unterschiedliche Angaben. In jedem Fall, so die Erkenntnis nach der Rekonstruktion, sei eine Fesselung mit der linken Hand, während die Rechte das Gesicht des sich wehrenden Kindes niederdrückte, "damit sie mich nicht sieht", kaum möglich.

Kaum möglich sei auch, den Kopf des auf dem Bauch liegenden, sich wehrenden Kindes, dessen Mund und Augen bereits mit Panzerklebeband bedeckt waren, von hinten mit 15 Meter Paketklebeband 27-mal zu umwickeln, ohne dabei die Nase zu verschließen. In diesem Fall wäre Johanna nach zwei Minuten bewusstlos gewesen, nach fünf Minuten tot. Dieser Schlussfolgerung widersprach die Verteidigung auf J.s Insistieren vehement. Es ist dieser Punkt, der darüber entscheiden wird, ob das Gericht Johannas Tod als Unfall oder Mord beziehungsweise Totschlag einstuft. J. selbst erhob die Stimme zum Protest gegen die Rekonstruktion der Fesselung; es fehle das Seil von der Pferdekoppel. Mithilfe eines Demonstrationsobjektes, das der Soko-Beamte aus der Tasche zog, ließ sich Staatsanwalt Hauburger von J. fesseln.

Mysteriös eine weitere Erkenntnis: Es fehlten zwei oder drei Minuten auf J.s minutiös nachvollzogenem Weg von Ranstadt nach Bobenhausen. Dazu passt eine zuvor wenig beachtete Aussage dreier Mädchen. Sie hatten mit Johanna an der Halfpipe am Sportplatz gespielt, bevor sie Glockenschlag 17 Uhr per Rad den Heimweg nach Bellmuth antraten. Dabei sahen sie am Radweg einen bezopften Mann in einen dunklen Wagen steigen. Rick J.? Dann hätte er die Mädchen durch eine Lücke im Gebüsch an der Halfpipe ausgespäht, die alleine zurückgelassene Johanna gezielt entführt. "Blonde Haare, blaue Augen, ein liebes Gesicht", so hatte seine Ex-Freundin J.s Mädchentyp beschrieben. Genau so sah Johanna aus.

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