Im Sommer wird das eine blühenden Augenweide sein. Tine Faber pflanzt Stauden, die mit wenig Wasser auskommen. FOTO: BB
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Im Sommer wird das eine blühenden Augenweide sein. Tine Faber pflanzt Stauden, die mit wenig Wasser auskommen. FOTO: BB

Retten, was noch zu retten ist

  • Burkhard Bräuning
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Die Extreme nehmen zu. Große Hitze, zu viel Regen, dann lange gar kein Niederschlag. Das Wetter macht so gut wie allen Pflanzen zu schaffen. Und es trifft natürlich auch die (Hobby-)Gärtner. Viele Pflanzenspezialisten haben die Folgen des Klimawandels im Blick und handeln entsprechend. Tine Faber ist auch eine Expertin. Sie sagt: "Wir müssen mehr als nur neu denken, wir müssen auch retten, was noch zu retten ist."

Was für ein wunderschöner Garten - mitten in der Stadt. Tine Faber zeigt mit einem gewissen Stolz auf ein recht neues Staudenbeet: "Das sieht jetzt noch ein bisschen dürftig aus, aber im Sommer wird hier immer was blühen." Es ist warm, die Sonne hat schon Kraft, aber der scharfe Wind erinnert daran, dass es erst April ist. Der große Kirschbaum, der sicher schon viele Jahre Früchte getragen hat, spendet lichten Schatten. Vögel singen, der Verkehrslärm ist erträglich. Hier kann man gut sitzen, schauen, auf Altes und Neues - und träumen. Ein bisschen zeigt sich hier schon die Gartenphilosophie von Tine Faber: Der Natur ihren Raum lassen. "Das geht auch mitten in der Stadt, in einem alten gepflegten Garten", sagt Faber.

Frau Faber, Sie waren lange als Kulturmanagerin tätig, arbeiteten unter anderem an verschiedenen Theatern und bei Festivals in Hamburg. 18 Jahre haben Sie in der Stadt gelebt. Und kehrten doch wieder zurück in Ihre Heimat Mittelhessen. Wie kommt’s?

Mmmh, also ich habe lange sehr gerne in Hamburg gelebt, es ist eine tolle Stadt. Aber es gibt eben verschiedene Phasen im Leben, auch bei mir änderte sich was. Ich habe irgendwann gemerkt, dass es mir zu eng wurde in Hamburg, dass mir die Stadt zu voll ist. Ich sehnte mich nach Weite, hatte Sehnsucht nach einem Garten. Dann lief mir eine wilde Katze zu und ich habe gedacht: Okay, jetzt muss ich das mal ausprobieren mit dem Leben auf dem Lande. Und es gefiel mir gut.

Ihre neue Bühne ist also der Garten. Sie werben für Ihr Unternehmen mit "Tine Faber - natural Gardendesign" Was fasziniert Sie an der Gartengestaltung?

Es ist einfach ein riesengroßes, ein weites Feld. Es gibt ein ganzes Universum an Pflanzen, es gibt unendlich viele Gestaltungsmöglichkeiten. Man sieht das ja erst mal gar nicht so in unseren traditionellen Gärten, die sich doch oft sehr ähneln. Was nicht falsch ist. Aber wir nutzen nicht die ganze Vielfalt. Sie ist unglaublich groß - und sie ist mir bei meinen Fortbildungen in England und auch hier in Deutschland begegnet. Es gibt Pflanzen für alle Jahreszeiten, für jedes Wetter, in jeder nur denkbaren Wuchsform. Ein noch leerer Garten ist wie eine Leinwand - und wir bemalen sie mit Pflanzen. Jeder kann seine Quadratmeter vielfältig gestalten. Ich spürte: Das muss jetzt mein Beruf werden.

Natural - Gärten sind doch ein kleines Stück Natur. Was verstehen Sie denn unter Natur im Garten?

Für mich geht es darum, der Natur ihren Raum zu geben, dass wir Nischen lassen, wo wachsen darf, was wachsen will. Auch Brennnesseln. Dass wir im Garten auch einen Lebensraum schaffen für Tiere, große und ganz kleine. Das lässt sich leicht in Einklang bringen mit der Nutzung des Gartens durch den Menschen. Denn wir sind ja da. Also nicht jede Ecke muss aufgeräumt, nicht jedes Blatt vom Beet entfernt werden.

Was machen Sie denn genau? Planung? Oder wühlen Sie auch mal selbst mit den Händen in der Erde?

(Lacht und schaut auf ihre Hände) Ich mache beides, ich plane ganz neue Gärten, ich berate bei einer Umgestaltung oder einer Beetgestaltung. Ich arbeite für Privathaushalte wie für Unternehmen. Manchmal sind es nur kleine Dinge, wie in einer langweiligen Rasenfläche etwas mehr Natürlichkeit zu geben. Manchmal geht es um eine Hangterrassierung mit Anlegen einer Natursteinmauer. Ich übernehme auch die Pflege und wühle selbst mit den Händen in der Erde. Was kann schöner sein.

Es hat lange nicht geregnet. Wie lange halten selbst eingewachsene Pflanzen in unseren Gärten das noch durch? Ist irgendwann mal Schluss.

Ja, es ist irgendwann mal Schluss. Wenn jetzt der dritte trockene Sommer kommt, dann werden es auch noch gut eingewachsene Pflanzen nicht mehr schaffen. Es kommt natürlich auf die Robustheit an. Die Entwicklung, die wir jetzt haben, hatten wir noch nie. Und darauf müssen wir uns einstellen, nämlich dass es so nicht weitergeht. So kann das auf lange Sicht nicht funktionieren. Pflanzen können sich zwar in Notzeiten selbst helfen. Wir sehen ja jetzt schon im April, dass manche Pflanzen das Wachstum einstellen. Aber im Sommer geht es dann für Blumen, Gräser, Sträucher und Bäume ums nackte Überleben.

Würden Sie bei diesen Witterungsverhältnissen einen Garten anlegen?

Ich würde immer gärtnern, auch jetzt im April einen Garten anlegen. Es ist durch die Trockenheit keine gute Zeit dafür, es ist mehr Wasser und mehr Engagement nötig als im Herbst. Aber egal, wie es ist mit dem Wetter: Im ersten Jahr muss gewässert werden. Also muss ich schauen: Wo kommt das Wasser her? Habe ich die Möglichkeit, Wasser aufzufangen - in einer Zisterne, in Tonnen? Wasser aus der Leitung ist der falsche Weg. Das Gärtnern hilft uns in diesen schweren Zeiten übrigens auch dabei, uns ein wenig abzulenken.

Man sieht jetzt immer wieder Menschen auf ihren Grundstücken, die wässern. Ist das die Zukunft? Von April bis Oktober wässern?

Nein, das darf nicht die Zukunft sein. Wir sollten umdenken. Es wird die Zeit kommen, in der wir kein Trinkwasser mehr zum Gießen nehmen dürfen. Das Umsteuern fängt bei der Pflanzenauswahl an. Wir müssen schauen, welche Pflanzen können diese starken Schwankungen und vor allem diese trockenen Sommer gut verkraften. Flachwurzler wie Rhododendren und Hortensien sehen zwar schön aus, aber sie sollte man nicht mehr pflanzen.

Wie sieht denn aus Ihrer Sicht die Zukunft bei der Gartengestaltung aus?

Wir müssen uns anpassen an den Klimawandel. Von unserem Anspruch, sattgrüne Rasenflächen zu haben, die auch noch kurz geschoren sind, sollten wir uns verabschieden. Ein Rasen, dessen Gras länger ist, ist im Sommer auch länger grün. Es wird eine Sortimentänderung geben, manche Modepflanze verschwindet. In den Gärten der Zukunft wird es aus meiner Sicht eine Mischung aus robusten heimischen und mediterranen Pflanzen geben, die Hitze und Trockenheit gewohnt sind.

Kommen wir mal zum praktischen Teil: Wenn ich viel Platz habe, kann ich Bäume pflanzen, die richtig groß werden. Welche empfehlen Sie da?

Da sind natürlich Tiefwurzler ratsam, die bei Trockenheit noch in der Tiefe Feuchtigkeit finden und denen durch ihren festen Stand ein Sturm nichts anhaben kann. Sicherlich muss auch der Standort und die Bodenbeschaffenheit bedacht werden. Ich gehe mal von einem Standort in voller Sonne aus und als Boden unser in Mittelhessen verbreiteter Lehmboden, der je nach Zusammensetzung ein ausgesprochen guter Speicher für Wasser und Nährstoffe ist. Diese Eigenschaft kann sich allerdings auch zum Nachteil wenden, wenn es sich um einen besonders dichten Boden handelt. Dieser muss vor der Pflanzung gründlich gelockert und mit Kompost und Sand verbessert werden. Ich empfehle die gute alte Eiche oder die Winterlinde, den heimischen Feldahorn, die Esche, den Amberbaum oder auch die Vogelkirsche zum Naschen für Menschen und Vögel.

Und wer eine Hecke anlegen möchte? Traditionell? Buche? Hasel? Konifere?

Wenn eine alte Hecke noch da ist und zurechtkommt mit den Bedingungen, dann sollte man nicht dran rühren. Aber viele Hecken sehen aus wie grün gestrichene Wände. Wenn man nicht auf Nadelgehölze fixiert ist, wenn man bereit ist, Pflanzen zu mischen, miteinander zu kombinieren - zum Beispiel Felsenbirne, Schneeball, Pfaffenhütchen und Feuerdorn - dann sieht das nicht nur schön aus. Die Hecke wird auch von Vögeln und Insekten geliebt werden. Auch roter und gelber Hartriegel eignen sich hervorragend und sind robust. Weißdorn blüht wunderschön. Diese heimischen Gehölze sind bei vielen Menschen nicht angesagt. Dabei sind sie wunderbar. Eibe ist auch hart im nehmen. Ebenso wie Wacholder. Und es gibt auch mehr als nur den Kirschlorbeer.

Viele Menschen haben einen Staudengarten, hier auf dem Land werden meist robuste Sorten gepflanzt. Sind die auch robust bei Trockenheit?

Das kommt eben auf die Stauden an. Es gibt da eine riesige Auswahl an Pflanzen, die mit Trockenheit gut zurechtkommen und im Winter nicht faulen. Dazu muss man Sand und Splitt in schwere Böden geben. Mit alten robusten Sorten holen wir uns übrigens auch ein Stück Gartenkultur zurück.

Um Wasser zu sparen, könnte man sich doch auch so einen schönen Schottergarten anlegen. Ist sehr pflegeleicht …

Ja, aber da wären Sie bei mir an der falschen Adresse. Wenn man ein Stück Garten besitzt, hat man auch eine Verantwortung, dass diese Fläche mit Pflanzen gestaltet wird.

Was sieht Ihr Traumgarten aus?

In meinem Traumgarten sollte immer was blühen, summen und piepsen, was zum Riechen da sein und was zum Naschen. Ich mag das rote Herbstlaub, den überbordenden Frühling. Es gibt nicht den einen Traumgarten. Ich setze auf Vielfalt und Natürlichkeit. Mein Garten hat verwunschene Ecken und eine große englische Parkbank. Er sollte auch verschiedene Ebenen haben, flach ist langweilig.

Wenn Sie jetzt die Staubwolken im Feld sehen, was denken Sie dann?

Wo führt das alles noch hin? Es ist mir unheimlich. Es ist wie eine Naturgewalt. Anders als eine Überschwemmung, als ein Erdbeben, aber eben auch gewaltig. Wenn wir uns jetzt in unseren Gärten damit auseinandersetzen, können wir unseren Beitrag zum Erhalt der Artenvielfalt leisten und retten, was noch zu retten ist.

www.tinefaber.de

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