Mittelhessen im Herzen und Projekte im Blick: Jens Ihle managt unsere Region. FOTO: SCHEPP
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Mittelhessen im Herzen und Projekte im Blick: Jens Ihle managt unsere Region. FOTO: SCHEPP

Die Region als Lernmaschine

  • Annette Spiller
    vonAnnette Spiller
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Jens Ihle brennt für zwei Ks: Kommunikation und Kooperation. Und für die Entwicklung der Region. Gerade ist der Vertrag des 48-jährigen Gießeners als Geschäftsführer der Regionalmanagement Mittelhessen GmbH und ihres Netzwerks um fünf Jahre verlängert worden. Ein Gespräch über Ziele, Zukunft und Garagen.

Herr Ihle, herzlichen Glückwunsch zur Vertragsverlängerung. Was überwiegt in Ihrem Job: viel Arbeit oder viel Spaß?

Ich gehöre zu der Spezies, die morgens gerne zur Arbeit geht, weil sie so abwechslungsreich ist. Es hat mir immer Spaß gemacht, herausfordernde Dinge zu tun. Also: Spaß mit Ausrufezeichen!

Sie sind ein Kind der Region. In Gießen aufgewachsen und zur Schule gegangen. Sie haben die 46ers gemanagt, arbeiten seit 2004 beim Regionalmanagement, seit 2013 als Chef. Ziemlich heimattreu.

Ich war nach meinem Studium bei Adidas in Herzogenaurach, das ist leider die einzige Zeit, die ich mal weg war (lacht). Aber wenn man einen Job macht wie beim Basketball oder jetzt, der einen viel rumkommen lässt, finde ich mein Fernweh durchaus befriedigt.

Nicht jedem ist klar, was das ist, Regionalmanagement Mittelhessen.

Mittelhessen ist keine gewachsene Region. Wenn man sie aufspannt von Limburg bis Biedenkopf und von Haiger bis Wartenberg bei Fulda, sieht man ein Riesengebiet. Und was kennt man von dieser Region im Bereich Wirtschaft, Bildung und Freizeitangebot? Das Regionalmanagement arbeitet dafür, nach innen Transparenz und Kooperation zu vermitteln, nach außen das Image der Region mit ihrer Stärke zu prägen und auf der lobbyistischen Ebene in Richtung Wiesbaden, Berlin und Brüssel den Finger zu heben.

Was ist eine Region eigentlich? Und wie wichtig sind Landkreisgrenzen?

Manche meinen Landkreise, wenn sie von Region sprechen. Für uns ist Region der mittelhessische Regierungsbezirk mit den Randlagen, die sich zugehörig fühlen - wie etwa Butzbach und andere Teile der Wetterau. Deshalb ziehen wir da keine Grenze. Region ist auch immer ein Lebensgefühl.

Wie viele Menschen leben in der Region?

Über eine Million. Wir haben die höchste Studierendendichte in einer Flächenregion Deutschlands - über 70 000 an den drei Hochschulen.

Wie managt man eine Region?

Das A und O ist Vertrauen. Zum zweiten Kenntnis dessen, was man tut. Und drittens das Ziel, konkrete nutzwertorientierte Projekte und Initiativen zu starten - gemeinsam.

Fünf Begriffe, die Sie mit Mittelhessen assoziieren.

Hochschulstandort, familiengeführter Mittelstand, fünf Mittelgebirge, Erfinderreichtum, viel Lebensqualität.

Wie bewerten Sie das Miteinander der wichtigen Akteure in der Region?

Diese alten Rivalitäten der Oberzentren oder Hochschulen oder Land gegen Oberzentrum erlebe ich schon länger als überwunden. In unserem Aufsichtsrat herrscht dieser Wunsch nach Abstimmung, Information, strategischer Debatte über Chancen und Risiken für die Region. Gleichzeitig haben wir fast 500 Menschen in Netzwerken und Arbeitskreisen, die sich immer besser kennen und selbst vernetzen. Wie in einer Familie, wenn man renoviert und Onkel Willi anruft, der die Leitungen zieht und noch einen mitbringt, der die Fliesen legt. Man muss eine Region als Lernmaschine organisieren.

Wo stoßen Sie als Netzwerker an Grenzen?

Wenn Menschen diesen Kooperationsblick nicht haben, sondern erst mal ihre eigene Weide bewirtschaften. Die diese Extrameile, die man gehen muss, wenn man kooperieren will, nicht auf sich nehmen. Und es gibt Themen, wo Interessen derart aufeinanderprallen, dass man als Netzwerk nur eine ordentliche Debatte organisieren und auf Fair Play achten kann - mehr nicht.

Eine Herausforderung in der Region ist derzeit der A 49-Lückenschluss. Warum haben Sie sich dafür engagiert?

Das Regionalmanagement Mittelhessen koordiniert seit zehn Jahren den Arbeitskreis A 49. Hier geht es um eine unvollendete Infrastrukturmaßnahme, die durch Parlamente legitimiert und höchstrichterlich bestätigt wurde. Wir haben diese Plattform der Debatte hergestellt, um den vielen Tausend Befürwortern eine Stimme zu geben - den Anrainern, die unter dem Verkehr leiden, den kleinen Unternehmen, die mit fehlender Anbindung leben müssen, den Industriebetrieben, die investiert haben vor dem Hintergrund, dass dort ein Autobahnanschluss kommt.

Wie beeinflusst die Corona-Pandemie Ihre Arbeit?

Die Pandemie sorgt für völlig geänderte Rahmenbedingungen in Wirtschaft und Bildung. Corona wirkt wie ein Brennglas und hat Themen in den Fokus gerückt, die wir sowieso bearbeiten - etwa digitale Bildungsvermittlung. Wir selbst haben seit März zehn Online-Events durchgeführt, waren an neun weiteren beteiligt. Ein schönes Beispiel war unser Start-up-Weekend vor drei Wochen mit 100 Teilnehmern online. Dort wurden Geschäftsideen präsentiert und weiterbearbeitet, aus denen hoffentlich Firmen und Arbeitsplätze von morgen entstehen.

Was kann Mittelhessen besonders gut?

Wo Wissen Werte schafft - dieses Motto auf unserer Homepage passt wunderbar. Schon der Blick zurück zeigt die DNA der Region: Hier wirkten Chemiker wie Liebig, der Kleinbilderfinder Barnack, die Nobelpreisträger für Physik und Medizin, Behring und Röntgen. Auch unsere heutigen Weltmarktführer im Mittelstand haben am Anfang als Tüftler sozusagen aus der Garage heraus Produkte entwickelt, die global Bestand hatten. In solchen Firmen herrscht der Wind der Innovation. Das ist in einer Hochschulregion ideal: Die Talente vor der Haustür, das Grundlagenwissen der Universitäten und mit der THM eine Hochschule für angewandte Wissenschaft vor Ort.

Was fehlt in der Region?

Meine Kritik ist, dass sehr erfolgreiche Firmen gar nicht so bekannt sind. Die Unternehmen, aber auch die Hochschulen müssen mehr über ihre Erfolge sprechen. Wie will man kooperieren, wenn man gar nicht weiß, dass Kompetenz vor Ort ist? Das gilt auch für das Thema Fachkräfte. Wir haben vor einigen Jahren unser Portal "Karriere in Mittelhessen" gestartet mit einem Blog, wo wir Geschichten erfolgreicher Mittelständler erzählen.

Was waren die größten Erfolge für die Region in Ihrer bisherigen Amtszeit?

Auf Hessenebene haben wir ein neues Standing erreicht - als Region und als Regionalmanagement. Wir arbeiten etwa bei der mittelhessischen Breitbandberatung in Abstimmung mit der hessischen Breitbandberatung und den Kreiskoordinatoren - wie ein Scharnier zwischen Hessen und der Region. Auf Landesebene werden wir in Gremien eingebunden, bei Themen kommt man auf uns zu. Außerdem ist es uns gelungen, mit DiGIMit (Digitalisierung, Gründung, Innovation in Mittelhessen) zur Förderung der Start-ups ein digitales Projekt geschaffen zu haben, das schon Früchte trägt. Und dann ist da noch unser Flaggschiff.

Und das wäre?

Seit 15 Jahren sind wir auf der Immobilienmesse ExpoReal mit 40 000 Fachbesuchern in München. Dort haben wir dafür gesorgt, dass das US-Depot verkauft wurde, Ikea und Bauhaus angesiedelt wurden und in der Fläche wichtige Immobilienprojekte entstehen. Wir haben mit acht Mitausstellern angefangen, heute sind wir 35.

Gibt es Enttäuschungen?

Wenn man Förderprojekte mit viel Herzblut vorgestellt hat, dann aber leer ausgeht. Da kommen nun mal durchaus 180 Bewerber auf 20 Plätze. Ich nehme das eher sportlich.

Vor welchen Herausforderungen steht die Region in den nächsten Jahren?

Die Pandemie und die damit verbundene Wirtschaftskrise fallen in eine Zeit der digitalen Transformation. Die Region muss hier echt zusammenspielen, um das zu meistern.

Was ist Ihr Baby - gibt es ein Projekt, das Ihnen besonders am Herzen liegt?

Ganz klar das Start-up-Weekend. Trotz unserer Bemühungen machen da viel zu wenige Mittelständler mit. Eigentlich müssten die Schlange stehen, um neue Geschäftsmodelle kennenzulernen und außergewöhnliche Talente zu treffen.

Wo sollte Mittelhessen in fünf Jahren stehen?

Die Garagen von heute sind die Arbeitgeber und Leistungsträger von morgen. Mein Idealbild ist, dass bestehende Firmen sich daran beteiligen, davon profitieren und mit ihrem Know-how die Geschäftsideen zum Erfolg führen. Mittelstand verbindet sich mit Startup-Kultur - da wollen wir Promoter sein. Letzter Wunsch: Dass die Hochschulen eine noch aktivere Rolle spielen, um gemeinsam die gut ausgebildeten Talente in der Region zu halten und die Kooperation mit den heimischen Unternehmen zu verstärken.

Zum Abschluss zwei Sätze zum Ergänzen. Wenn Sie regional essen wollen,...

...fahre ich raus in die Brücker Mühle nach Amöneburg. Oder auf die Taufsteinhütte im Vogelsberg. Oder ich hole mir Hüttenberger Handkäs auf dem Gießener Wochenmarkt.

Ich laufe zur Höchstform auf, wenn...

...ich von klugen, leidenschaftlichen und motivierten Menschen umgeben bin.

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