Mehrere Hundert Menschen demonstrierten im Oktober 2019 in Marburg friedlich gegen ein Treffen der "Neuen Rechten" bei der Burschenschaft Germania. FOTO: NADINE WEIGEL
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Mehrere Hundert Menschen demonstrierten im Oktober 2019 in Marburg friedlich gegen ein Treffen der "Neuen Rechten" bei der Burschenschaft Germania. FOTO: NADINE WEIGEL

Rechte Burschen unter Verdacht

  • vonDPA
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Marburg- Zerschlagene Scheiben, verwüstete Räume und eine eingerammte Holztür: Der Schaden am Haus der Studentenverbindung Frankonia Marburg war beträchtlich. In der Nacht auf den 14. Juni dieses Jahres stürmte eine Gruppe von Männern in die Villa in der Marburger Lutherstraße und schlug nach Angaben der Frankonia alles kurz und klein. Dieser "blinde Vandalismus" habe nichts mehr mit normalen Rivalitäten unter Verbindungsstudenten zu tun, schrieb die Frankonia wenig später auf Facebook.

Der Angriff, der in der ersten Pressemitteilung der Polizei als "Streitigkeit zwischen zwei Burschenschaften" bezeichnet und in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wurde, beschäftigt derzeit die Marburger Staatsanwaltschaft. Man ermittele gegen sechs Personen, primär gehe es dabei um den Verdacht der Sachbeschädigung, sagte Behördensprecher Timo Ide der "Frankfurter Rundschau".

In dem Verfahren hat es nach Ides Angaben inzwischen drei Hausdurchsuchungen gegeben. Ide bestätigte auch, dass die Angreifer wohl aus dem Umfeld der Marburger Burschenschaft Germania gekommen seien: Nach derzeitigem Ermittlungsstand seien Männer beteiligt gewesen, die damals Mitglieder oder Gäste der Burschenschaft gewesen seien. Die Germania macht seit Jahren mit rechtsextremen Umtrieben von sich reden. Die Verbindung, die im stramm rechten Dachverband "Deutsche Burschenschaft" organisiert ist, gilt als gut vernetzt in der sogenannten Neuen Rechten. Im Oktober vergangenen Jahres waren Redner aus dem Dunstkreis von AfD und NPD zu Gast im Haus der "Germanen", das ebenfalls in der Lutherstraße liegt. 2018 protestierten Hunderte Menschen dort gegen einen Vortrag des neurechten Vordenkers Alain de Benoist. Und im Mai 2017 wurden Fotografen von vermummten Männern attackiert, die aus dem Haus der Burschenschaft gestürmt kamen. Damals fand dort ein Treffen der "Jungen Alternative" statt, des radikalen Jugendverbands der hessischen AfD.

Dass die "Germanen" nicht gut auf die Frankonia zu sprechen sind, kommt daher nicht gerade überraschend. Die Frankonia gehört dem eher liberalen "Schwarzburgbund" an, nimmt auch Männer mit Migrationsgeschichte auf und hat 1996 die "Marburger Erklärung" unterzeichnet, die die Verantwortung von Studentenverbindungen beim Erstarken des Nationalsozialismus kritisiert und sich von nationalistischen Tendenzen distanziert. Laut Angaben der Frankonia soll es kurz vor dem Angriff auf das Haus schon eine handgreifliche Auseinandersetzung auf der Straße gegeben haben, bei der Mitglieder der Frankonia von Mitgliedern oder Sympathisanten der Germania unter anderem antisemitisch beleidigt worden seien.

Für den Rechtsanwalt Michael Terwiesche, den Vorsitzenden des Trägervereins des Hauses der Frankonia, gehe es bei dem Überfall auf das Haus der Verbindung um "massive Straftaten" mit politischem Motiv. Der entstandene Schaden betrage 30 000 Euro, sagte Terwiesche. Man habe es nicht mit einem "Dumme-Jungen-Streich" zu tun, sondern damit, "dass hier friedfertige Verbindungen von irgendwelchen rechtsradikalen Spinnern, die bei den ›Germanen‹ unterkommen, angegriffen werden".

Die Burschenschaft Germania weist jede Verantwortung von sich. An den Beschädigungen bei der Frankonia seien keine Mitglieder der Germania beteiligt gewesen, teilten die Aktivitas und der Vorstand des Altherrenverbandes der FR auf Anfrage mit. Man verurteile "solche üblen Exzesse", die dem Ansehen des ganzen Verbindungswesens schadeten. "Wir würden jeden aus unseren Reihen entfernen, von dem uns bekannt wird, dass er an einer solchen kriminellen Handlung beteiligt war", so die "Germanen". Hanning Voigts

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