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Raser, Drängler, Pöbler: Ein Psychologe über aggressive Autofahrer

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Von: Gerd Chmeliczek

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© Jens Büttner (dpa-Zentralbild)

Der Vordermann bewegt sein Auto nur im Schneckentempo vorwärts. Der Stresspegel steigt. Kann es eigentlich sein, dass ich der Einzige bin, der Auto fahren kann? Ein Psychologe hat die Antwort.

Rasen, drängeln, pöbeln – der Umgang auf Deutschlands Straßen ist mitunter rau. In einem Hamburger Stadtteil mündete ein solcher Konflikt vor wenigen Tagen in einer wilden Prügelei. Es wurde Reizgas versprüht und Personen wurden verletzt. Prof. Dr. Joachim Stiensmeier-Pelster hat an der Justus-Liebig-Universität Gießen die Professur für pädagogische Psychologie inne. Er hat Anfang der 2000er Jahre den Verkehrsversuch »Begleitetes Fahren ab 17« wissenschaftlich evaluiert. Aufgrund seiner Ergebnisse wurde das »BF17«, wie es umgangssprachlich heißt, in ganz Deutschland eingeführt. Er rät zu mehr Gelassenheit und lobt die Frauen am Steuer.

Herr Prof. Stiensmeier-Pelster, wann haben Sie sich hinter dem Steuer zum letzten Mal so richtig aufgeregt?

Prof. Dr. Joachim Stiensmeier-Pelster: Ich ärgere mich im Straßenverkehr meistens überhaupt nicht (lacht). Ich fahre so um die 35 000 Kilometer im Jahr, bin also viel unterwegs. Da muss man sich frühzeitig angewöhnen, eine große Portion Gelassenheit an den Tag zu legen.

War das schon immer so?

Stiensmeier-Pelster: Nein, das habe ich mir während meines Zivildienstes angewöhnt. Da war ich viel im Stadtverkehr unterwegs. Irgendwann gelangte ich zu der Erkenntnis, dass ich durch wildes Gestikulieren oder Fluchen nicht schneller vorankomme, dass ich mir nur unnötig Stress mache. Da habe ich angefangen, mir Gelassenheit anzutrainieren.

Sehr beneidenswert. Vielen Menschen mangelt es am Steuer an Geduld. Was steckt hinter einem solchen Verhalten?

Stiensmeier-Pelster: Zum einen ist das der Stress, der aber nicht der auslösende Mechanismus ist. Ein Beispiel: Ich will zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort sein. Ich habe ein Ziel, bin möglicherweise ein wenig zu spät losgefahren und müsste eigentlich zügig vorankommen. Jetzt habe ich einen Schleicher vor mir und ich sehe mein Ziel in Gefahr. Das erlebe ich als Stress und als Frustration, was sich in Aggression niederschlagen kann.

Und wie kann man das vermeiden?

Stiensmeier-Pelster: Wenn ich entspannt losfahre, ohne Zeitdruck, und habe dann einen langsamen Pkw vor mir, dann kann ich gelassener damit umgehen. Wenn ich allerdings schon gestresst bin, dann kann es schließlich zu aggressiven Impulsen kommen. Ich schimpfe, ich fluche – was aber sinnlos ist, denn ich ändere damit das Verhalten meines Vordermanns nicht.

Gibt es noch andere auffällige Verhaltensmuster?

Stiensmeier-Pelster: Nun ja, manche denken, sie seien die besseren Autofahrer. Und sie denken, sie müssten andere Fahrer erziehen. Das ist eine andere Form der Aggression. Wieder ein Beispiel: Hinter mir fährt einer auf der Autobahn zu dicht auf. Jetzt trete ich leicht auf die Bremse, damit der andere auch bremsen muss. Um ihn zu erziehen, um ihm zu zeigen, wie man ordentlich fährt. Das ist nicht nur unnötig, sondern auch hochgefährlich und man sollte es unbedingt unterlassen.

Gibt es beim Aggressionspotenzial Unterschiede zwischen Mann und Frau?

Stiensmeier-Pelster: Ja, die gibt es. Männer sind beim Autofahren weniger gelassen als Frauen. Da gibt es deutliche Unterschiede. Männer fahren auch weniger regelkonform, machen im Verhältnis zu Frauen viele Dinge im Straßenverkehr, die unvernünftig sind. Das hat zur Folge, dass Männer öfter in Unfälle verwickelt sind. Hier liegt das Verhältnis ungefähr bei 2:1. Das hat übrigens nichts damit zu tun, dass Frauen weniger fahren. Sie tun es vernünftiger. Männer nutzen das Autofahren manchmal zur Selbstdarstellung oder auch um Macht zu demonstrieren.

Wie kann man Gelassenheit am Steuer am besten lernen?

Stiensmeier-Pelster: Man sollte sich nicht ins Auto setzen, wenn man unter großem Stress steht. Es empfiehlt sich, erst einmal tief durchzuatmen, versuchen, sich zu entspannen. Wenn man schon in großem Stress ist, können schon kleine Unannehmlichkeiten zu großen Ausbrüchen führen. Einen Zeitpuffer einplanen und vorher die Verkehrssituation überprüfen. Sind Staus gemeldet? Das alles kann helfen.

Okay, habe ich gemacht. Jetzt stehe ich aber trotzdem im Stau und werde langsam aber sicher immer gereizter...

Stiensmeier-Pelster: In der Situation selbst helfen oft Selbstinstruktionen: Wenn man merkt, dass man aggressiv wird, einfach zu sich selbst sagen: Bleib ruhig, du wirst sicher ankommen, schneller geht es im Moment nicht, riskiere nicht zu viel. Das sind nur Beispiele, da kann jeder für sich selbst hilfreiche Inhalte definieren.

Welche Rolle kommt in solch einer Situation dem Beifahrer oder der Beifahrerin zu?

Stiensmeier-Pelster: Ganz wichtig: Keine Konfliktgespräche im Auto führen. Die erzeugen Stress. Und wenn dann die Verkehrssituation entsprechend ist, wird es gefährlich. Gerade auch bei längeren Fahrten – etwa in den Urlaub – hilft eine gute Planung. Wann fahren wir? Welche Route? Haben wir auch alles eingepackt? Das kann man alles im Vorfeld regeln. Das hört sich in der Theorie toll an, klappt in der Praxis nicht immer (lacht). Aber man kann gemeinsam daran arbeiten.

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