Gut geschützt gegen die Kälte ist Maria Bandur (62) auf ihrem Fahrrad unterwegs von ihrem Wohnort im Frankfurter Stadtteil zu ihrer Arbeitsstätte im Nordend. Sie gehört zur Gruppe der eisernen Winterradler. Vier- bis fünfmal pro Woche legt die Kirchenmusikerin rund 30 Kilometer auf ihrem Fahrrad zurück. FOTO: DPA
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Gut geschützt gegen die Kälte ist Maria Bandur (62) auf ihrem Fahrrad unterwegs von ihrem Wohnort im Frankfurter Stadtteil zu ihrer Arbeitsstätte im Nordend. Sie gehört zur Gruppe der eisernen Winterradler. Vier- bis fünfmal pro Woche legt die Kirchenmusikerin rund 30 Kilometer auf ihrem Fahrrad zurück. FOTO: DPA

Radlerglück im Winter

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Es ist dunkel, nass und kalt, und dennoch legen viele Pendler auch im Winter den Weg zur ihrer Arbeitsstelle mit dem Fahrrad zurück. Ihre Zahl steigt Beobachtungen zufolge. Das liegt aber nicht nur an den zuletzt außergewöhnlich milden Temperaturen.

Sie kämpfen gegen Kälte, Regen und manchmal Schnee und Eis, von Dunkelheit und Wind lassen sie sich nicht stoppen: Pendler, die auch im Winter mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren. Am kommenden Freitag wird ihr jährlicher Ehrentag begangen, der "Winter-Bike-to-Work-Day" (Winter-Fahrradpendler-Tag).

Genaue Zahlen gibt es nicht, doch nach Beobachtungen von Fahrradexperten wächst die Gruppe der Winterradler, und das nicht nur in der deutschen Pendlerhauptstadt Frankfurt. Zu ihnen gehört Maria Bandur aus dem Stadtteil Unterliederbach. Vier- bis fünfmal pro Woche legt die 62-Jährige jeweils rund 30 Kilometer mit ihrem Fahrrad zurück.

Auf der Strecke zu ihrer Arbeitsstelle im Frankfurter Nordend folgt Radlerglück am Flüsschen Nidda auf dichten Autoverkehr entlang des Alleenrings. "Teilweise ist es wie Urlaub", sagt Bandur. Dann könne sie auch Stress und Ärger abbauen. Auf einigen Abschnitten fühle sie sich dagegen unsicher; holprige, nicht ausreichend vom übrigen Verkehr abgeschirmte Radwege sind der Grund.

Immer mehr Pendler steigen aufs Rad

40 bis 50 Minuten braucht die Kirchenmusikerin pro Strecke - je nach Ausmaß des Gegenwinds. Das ist schneller, als sie mit öffentlichen Verkehrsmitteln wäre. Sie fahre auch bei Schnee; nur bei Glatteis, sehr starkem Wind oder Gewitter steige sie in Bus oder Bahn. Gegen die Kälte schützt sie sich mit dicken Handschuhen und Mundschutz, Wind schirmt sie mit einer Motorradbrille ab. Um die Bedingungen zu verbessern, engagiert sich Bandur beim Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC).

Dort beobachtet man eine zunehmende Zahl von Pendlern, die auch im Winter zur Arbeit radeln. "Das kann man auch in Darmstadt und anderswo sehen morgens, dass sich im Sommer wie im Winter auf den Radwegen an den Kreuzungen regelrechte Staus bilden", sagt der Sprecher des Landesverbands, Torsten Willner. Dies habe nicht nur mit der tendenziell milderen Witterung zu tun, sondern auch mit den zunehmend verstopften Straßen. Für viele Pendler sei entscheidend, welches Verkehrsmittel sie am schnellsten zum Ziel bringt. Generell wird Rad fahren immer beliebter: Vergangenes Jahr ermittelte der bundesweite Fahrradmonitor, dass 65 Prozent der Befragten das Fahrrad als Verkehrsmittel gern oder sehr gern nutzen - ein Zuwachs um zehn Prozentpunkte im Vergleich zu 2015. Knapp jeder dritte Berufstätige gab an, mindestens einmal die Woche mit dem Rad zur Arbeit zu fahren. Ein zu weiter Weg und widrige Wetterbedingungen gehören zu den häufigsten Gründen, die gegen das Rad sprechen. Knapp einem Fünftel ist es zu gefährlich. Mehr und sicherere Radwege sowie sichere Abstellmöglichkeiten stehen ganz oben auf der Liste der abgefragten Forderungen.

Rad fahren auch im Winter attraktiv und sicher zu machen, sei im ureigensten Interesse von Städten, wenn sie Staus im Berufsverkehr vermeiden wollen, sagt die Expertin für Fahrradmobilität, Dagmar Köhler, vom Deutschen Institut für Urbanistik in Berlin: "Radfahrer werden bei schlechtem Wetter eher zu Autofahrern, als dass sie den öffentlichen Nahverkehr benutzen. Sie sind Individualisten und es gewohnt, sich von Tür zu Tür zu bewegen."

Finnische Stadt als Vorbild

Doch die Bedingungen für Radfahrer seien vielerorts schon im Frühling, Sommer und Herbst nicht gut - und deshalb im Winter umso schlechter, erklärt sie. "Wenn bei Dunkelheit und Nässe ein Siebentonner direkt neben einem fährt, empfinden Radfahrende das als noch bedrohlicher als bei Helligkeit und gutem Wetter."

Es gebe durchaus Interesse dafür, Radpendeln im Winter zu erleichtern. Dies zeigten Versuche mit unterschiedlichem Streumaterial in einzelnen Städten. Dennoch sei man in Skandinavien auch bei diesem Thema schon viel weiter, sagt die Expertin.

In Kopenhagen etwa würden Radwege bei Eis und Schnee zuallererst geräumt. Großes Vorbild sei die finnische Stadt Oulu. "Hier ist es erklärtes Ziel, dass das Radfahren im Winter weitergeht." Im Winter nutze hier selbst bei geschlossener Schneedecke noch jeder zehnte Verkehrsteilnehmer das Rad.

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