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Prozessauftakt gegen Lehrerin

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Darmstadt (dpa/lhe). Mit einer erfundenen Vergewaltigungsgeschichte soll eine Lehrerin ihren Kollegen in Südhessen ins Gefängnis gebracht haben, die Haft musste der Mann komplett absitzen. Schon damals gab es Zweifel an den Vorwürfen.

Jetzt muss das angebliche Opfer nach dem spektakulären Freispruch ihres mutmaßlichen Peinigers für ihre rechtmäßig erwiesene Lüge gerade stehen. Doch zum Prozessauftakt in Darmstadt hielt die 48-Jährige am Donnerstag eisern an den Vorwürfen fest.

»Die Tat habe ich sehr präsent im Gedächtnis«, sagte sie unter Tränen vor dem Landgericht. Wegen Freiheitsberaubung drohen ihr bis zu zehn Jahre Haft. Die Hände der 48-Jährigen zittern leicht, die Stimme erstickt immer wieder in Tränen, als sie in ihrer langen Aussage auf den Tag im August 2001 zu sprechen kommt, an dem »die Sache, die Tat« geschehen sein soll, wie sie behauptet. In einem Vorbereitungsraum der Schule in Reichelsheim (Odenwaldkreis) soll sich ihr Kollege an ihr vergangen haben, die Frau erinnert sich an jedes Detail, an seine Jogginghose, die Brutalität und die Drohungen des Biologielehrers, an seinen Alkoholgeruch, als er ihren Wickelrock zur Seite geschoben und sich an ihr vergangen haben soll. Die Vorsitzende Richterin fragte die Frau nach ihren vermeintlichen Erinnerungen. Es stellte sich die Frage, ob das alles so passiert sein kann?

In der Vernehmung durch die Kammer zeigte sich die Angeklagte allerdings sehr unsicher, sie erinnerte sich nicht mehr an Details von Vernehmungen, an Gespräche nach der Tat oder Einzelheiten aus ihrer Biografie. Bei Fragen zu den drei gescheiterten Ehen, den ungezählten Therapien und Schulwechseln kann sich die Angeklagte an vieles nicht genau erinnern: zeitliche Abläufe, Namen, Details – etliches scheint für die Frau nicht mehr greifbar. »Das kann so gewesen sein«, »das ist möglich«, antwortet sie oft auf Fragen der Richterin.

»Von vorn bis hinten erfunden«

Nein, ist es nicht, sagt die Staatsanwaltschaft. »Wir gehen davon aus, dass die ganze Geschichte frei erfunden ist«, wirft ihr die Staatsanwältin vor. Das Motiv: die eigene Karriere. Die Frau könnte es auf den Posten des Biologielehrers abgesehen haben.

Das hatte auch bereits das Kasseler Landgericht bei seinem Freispruch für den Lehrer im Wiederaufnahmeverfahren 2011 so gesehen und die Geschichte als »von vorn bis hinten erfunden« bezeichnet. Die Lehrerin sei in der Lage, »die aberwitzigsten Geschichten zu erfinden«. So habe die gebürtige Sauerländerin nach der vermeintlichen Tat zum Beispiel von einer Tochter erzählt, die sie nicht hat – oder behauptet, ihren angeblich im Koma liegenden Freund zu betreuen, um eine Versetzung zu erreichen.

Die besondere Tragik in diesem Fall: Der frühere Kollege hatte auch nach seiner Verurteilung 2002 zu fünf Jahren Haft stets seine Unschuld beteuert, nur ein Jahr nach seinem Freispruch 2011 starb der ehemalige Biologielehrer im Saarland an einem Herzinfarkt – genau an dem Tag, an dem die Ermittlungen gegen die jetzt angeklagte Frau abgeschlossen wurden.

Der Verteidiger der Angeklagten, Torsten Rock, glaubt ihre Geschichte. So äußerte sich Rock beim Prozess in Darmstadt: »Wir sind überzeugt, dass das, was sie damals gesagt hat, in vollem Umfang korrekt gewesen ist.«

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