Prozess gegen Sozialarbeiterin im Fall Siri fortgesetzt

Wetzlar (dpa). Erst wenige Monate im Job, doch schon mit einem dramatischen Kinderschicksal konfrontiert: Die von ihren Eltern zu Tode gequälte Siri war nach Angaben der zuständigen Mitarbeiterin des Jugendamtes Wetzlar ihr erster Fall von schwerer Kindesmisshandlung. Unter Tränen sagte die angeklagte 29-jährige Sozialarbeiterin am Donnerstag, dem zweiten von vier terminierten Prozesstagen am Amtsgericht: "Wenn alles so eindeutig gewesen wäre, hätte ich nicht geschrieben, dass ich einen positiven Eindruck hatte."

Die von dem Gießener Strafrechtler Dietmar Kleiner vertretene Frau sitzt wegen Körperverletzung durch Unterlassen auf der Anklagebank. Sie soll Ende April 2008 Verletzungen des acht Monate alten Babys ignoriert haben. Zwei Wochen später war das Mädchen gestorben: Die Eltern hatten ihm in ihrer Wohnung in Wetzlar nach monatelangen Quälereien den Schädel zertrümmert.

Die 29-Jährige sagte, während ihrer Ausbildung, die sie 2007 abgeschlossen habe, sei sie nicht auf derartige Situationen vorbereitet worden. Auch medizinisches Wissen habe nicht auf dem Lehrplan gestanden. Fragen des Vorsitzenden Richters, ob sie Siris Situation falsch eingeschätzt habe, wich sie aus.

Bei ihren zwei Hausbesuchen, der erste Ende 2007, der weitere Mitte April 2008, stellte die Sozialarbeiterin den Eltern und dem Zustand des Mädchens gute bis sehr gute Noten aus und notierte ihren Eindruck auf entsprechenden Fragebögen.

Vater und Mutter sitzen mittlerweile wegen Mordes an Siri eine lebenslange Haftstrafe ab. Die aus Kanada stammende 37-Jährige hatte zum Prozessauftakt die Angeklagte in Schutz genommen, der Vater (26) verweigerte am Donnerstag die Aussage.

Der Leiter des städtischen Jugendamtes Wetzlar sagte, er habe seiner jungen Mitarbeiterin zugetraut, allein Siris Familie aufzusuchen. Vor dem ersten Hausbesuch sei der Fall gemeinsam besprochen worden. Man sei nicht davon ausgegangen, in der Wohnung "etwas ganz Dramatisches vorzufinden".

Der "Fall Siri" war dem Jugendamt im November 2007 bekannt geworden, nachdem Nachbarn Alarm geschlagen hatten. Ein 63-jähriger Zeuge sagte, er habe sich um die seelische Gesundheit des Babys gesorgt, weil die Eltern ständig die Rollladen geschlossen hätten. Später habe er aber gedacht, den Eltern Unrecht zu tun. Er habe den Eindruck gewonnen, sie liebten ihr Kind "abgöttisch".

Von einem "mulmigen Gefühl" sprach eine Mitarbeiterin des Kinderschutzbundes. Wenige Tage vor Siris Tod ging ein Hinweis bei ihr ein. Eine Nachbarin berichtete demnach, das Mädchen sei abgemagert und wimmere nachts. Sie habe dann sofort versucht, mit dem Jugendamt und der Angeklagten Kontakt aufzunehmen, sagte die 46-Jährige. Nach ihren Angaben verpasste man sich an dem Tag aber mehrfach. Schließlich sei ein Treffen nach dem anstehenden Wochenende vereinbart worden. Die 29-Jährige sprach zudem auf den Anrufbeantworter des Vaters, bat um ein Gespräch. Ehe es dazzu kommen konnte, war Siri tot.

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