Projekt gegen Ehrgewalt

Frankfurt (dpa/lhe). Hatun Sürücü war gerade einmal 23 Jahre alt, als sie im Februar 2005 von den eigenen Brüdern ermordet wurde - weil sie zu »deutsch« geworden war, selbstbestimmt leben wollte. Die Schüsse, die die junge Deutschtürkin trafen, hatten einen langen Widerhall in der deutschen Gesellschaft.

Der gewaltsame Tod der jungen Mutter war der erste in Deutschland bekannt gewordene sogenannte Ehrenmord - ein Mord zur Rettung vermeintlich verletzter Familienehre. Ihre Geschichte wurde inzwischen verfilmt. Der Film »Nur eine Frau« war im Mai in die Kinos gekommen.

»Erfahrungsgemäß geht einem solchen Mord bereits massive, häufig Jahre andauernde Gewalt und Bedrohungen voraus«, sagt Myria Böhmecke von der Menschenrechtsorganisation Terre des Femmes. »Nicht selten wurden die Frauen zwangsverheiratet oder haben sich geweigert, eine Zwangsheirat einzugehen.«

Auch in Hessen kam es etwa im Dezember 2017 zu einem Verbrechen, den die Menschenrechtsorganisation Terre des Femmes in ihrer Statistik der 13 versuchten oder vollendeten »Ehrenmorde« jenes Jahres aufführt. Damals attackierte ein Mann aus Afghanistan in der Hanauer Innenstadt seine 52-jährige Frau auf offener Straße mit einem Dolch. Die Frau erlitt 35 Stichwunden und starb im Krankenhaus an ihren schweren Verletzungen. Der Mann wurde im Juni 2018 zu lebenslanger Haft verurteilt. Laut Ermittlungen wollte die Mutter zweier Töchter den Afghanen verlassen. Ihr Ehemann habe das nicht akzeptieren wollen und die Trennung offenbar als »Verletzung der Familienehre« angesehen.

Solche Bluttaten haben eine Vorgeschichte, und die sogenannte Ehrgewalt ist für die Betroffenen häufig mit einem unüberbrückbar erscheinenden Loyalitätskonflikt verbunden. Beratungsstellen, die Opfern von »Ehrgewalt« Unterstützung und Hilfe anbieten, gibt es schon seit Längerem.

Am kommenden Dienstag (25. 6.) startet das Netzwerk »Hessen gegen Ehrgewalt«. Das Pilotprojekt, das vom hessischen Sozialministerium unterstützt wird, will Versorgungslücken beim Zugang zu Beratung und Schutz schließen - etwa bei der Vermittlung von Notbetten oder Unterbringung für von Gewalt betroffene Frauen und Mädchen. Es gibt innerhalb der Netzwerkgruppen von »Hessen gegen Ehrgewalt« auch ein Projekt, das mit jungen Männern arbeitet, die von traditionellen Vorstellungen zur Familienehre geprägt sind.

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