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Fern vom Massentourismus: Zwei Frauen aus Köln haben es sich mit ihrem Wohnmobil und zwei Hunden auf dem »Hof Erbenheim« in Wiesbaden bequem gemacht. Über 1100 ländliche Gastgeber aus ganz Deutschland sind in dem »Landvergnügen«-Stellplatzführer für Wohnmobilisten verzeichnet.

Private Stellplätze beim Bauern

Camping boomt, auch in Hessen. Aber nicht jeder will sich mit seinem Wohnmobil auf den klassischen Campingplatz stellen. Nun gibt es zunehmend naturnahe Alternativen - von ihnen profitieren Urlauber, aber auch landwirtschaftliche Betriebe.

Auf einem Ziegenhof in Nordhessen, bei der Rosengärtnerei in der Wetterau, neben einem Gasthof in der Rhön oder beim Winzer im Rheingau: Für Campingfreunde gibt es auch in Hessen verschiedene Möglichkeiten, fern des Massentourismus zu übernachten. Im digitalen Zeitalter gebe es eine Sehnsucht nach Regionalität, nach dem Natürlichen und Analogen, sagt Ole Schnack, Geschäftsführer von »Landvergnügen«. Das Berliner Unternehmen vermittelt Stellflächen bei landwirtschaftlichen Betrieben in ganz Deutschland.

Das Konzept ist denkbar einfach: Die Gastgeber stellen kostenlos den Platz zur Verfügung. Im Gegenzug wird erwartet, dass die Besucher im Hofladen, der Besenwirtschaft oder im Weingeschäft einkaufen. Schnack spricht von einer »absoluten Win-win-Situation«. Die Landwirte bekämen Kundschaft, die Urlauber Reiseerlebnisse abseits des Mainstreams und lernten auch die Erzeugerwirtschaft kennen.

Die Idee scheint aufzugehen: In der ersten Ausgabe 2014 des jährlich erscheinendem kostenpflichtigen Katalogs waren um die 240 Betriebe bundesweit aufgelistet. Die jüngste Auflage ist längst ausverkauft, dort und in der dazugehörigen App sind es inzwischen um die 1300 Anbieter. In der Regel sind bis zu drei Camper pro Hof erlaubt, das Konzept sieht vor, dass die Gäste nach einer Nacht weiterreisen.

Mit dabei ist neuerdings auch Landwirt Ralf Schaab aus Wiesbaden. »Ich habe hier im Durchschnitt fünf bis sechs Camper in der Woche und bin ganz begeistert von der Freundlichkeit der Gäste.« Er begegne dadurch ganz unterschiedlichen Menschen, Studenten im Bulli seien ebenso dabei wie Familien im Luxus-Mobil. Auf seinem auf Obstanbau spezialisierten Hof Erbenheim hätten bereits Gäste aus Österreich und der Schweiz, aber auch aus dem nahen Frankfurt übernachtet. Schaab bietet ihnen Strom und WLAN. Gefrühstückt werden kann unter dem großen Nussbaum neben den Hühnern.

Klar ist, Camping boomt: Über Hashtags wie #vanlife werden auf Plattformen wie Instagram millionenfach Bilder vom Camperleben geteilt. »Der Campingurlaub hat in Zeiten von Corona stark zugenommen, das gilt auch für Hessen«, sagt Hartmut Reiße, Geschäftsführer des Hessischen Tourismusverbandes, in Marburg. »Das liegt auch daran, dass es sich um einen coronakonformen Urlaub handelt.« So sei man unabhängig im Familienverbund unterwegs und vermeide große Menschenmassen.

Die Campingplätze in Hessen verzeichnen in diesem Sommer laut Reiße eine hohe Nachfrage. Doch manche Urlauber bevorzugen eben die alternativen Stellplätze. Hier kommt auch Stefan Knüttel aus Gersfeld an der Wasserkuppe ins Spiel, der vor wenigen Wochen das Portal »Wohnmobilstellplatz Rhön« gegründet hat. Mehr als ein Dutzend Gastgeber aus der Region sind dort bereits registriert, die ihren Platz gegen eine zumeist geringe Gebühr anbieten. Ein Bauernhof aus Wildflecken ist ebenso dabei wie eine Gaststätte in Poppenhausen. Am Bürgerhaus Rodenbach in Gersfeld wird der Stellplatz sogar umsonst zur Verfügung gestellt. Knüttel geht es in erster Linie darum, Wildcamping zu vermeiden und die Natur zu schützen. Auch Campingplätze könnten sich kostenfrei auf seinem Portal registrieren. Eine weitere ähnliche Plattform ist »Alpaca-Camping«, über die deutschlandweit um die 700 Plätze bei Landbesitzern gebucht werden können.

Auf Schaabs Hof in Wiesbaden fahren später am Tag Tina Aßmuth und Isabel Faul aus Köln mit ihrem Camper vor. Es ist der erste Zwischenstopp auf ihrer Reise nach Kroatien - mit dabei die Hunde Emma und Paula. Das Camping auf den Höfen könne eine gute Möglichkeit sein, »Dinge anzuschauen, die man sonst nicht sieht«, sagt Aßmuth. Die Idee für »Landvergnügen« hatte Schnack vor einigen Jahren während einer Frankreichreise, wo es mit »France Passion« schon länger ein solches Angebot gibt. Die Reiseform sei hervorragend geeignet, um das eigene Land und die eigene Region noch einmal aus einer anderen Perspektive kennenzulernen, sagt er. »Damit Naherholung eintritt, muss man nicht weit fahren.«

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