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Premiumwandern am Flaschenhals

  • Rüdiger Geis
    vonRüdiger Geis
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Geheimnisvolle, schier unendliche Wälder mit fantastischen Felsformationen und tief eingeschnittene Täler, die mit großen Weideflächen wechseln. Der Wispertalsteig gehört mittlerweile zu den beliebtesten Wanderrundwegen in der Region. Und er hat auch eine kuriose historische Fußnote zu bieten: den Freistaat Flaschenhals.

Es ist eines der größten zusammenhängenden Waldgebiete Deutschlands, attraktiv durch seine landschaftlichen Schönheiten und seine Nähe zum Rheintal mit seinen Touristenmagneten Lorch und Loreley. Der Wispertaunus bietet Naturerlebnis pur. Kein Wunder, dass sich der Premiumwanderweg Wispertalsteig mittlerweile zu einem Geheimtipp unter den Freunden des fußläufigen Vorwärtskommens entwickelt hat.

In der Ausschilderung - und nicht nur da - ist der Wispertalsteig tatsächlich vorbildlich. Verlaufen kann man sich eigentlich nicht, denn zahlreiche Hinweisschilder weisen unverkennbar den Weg. Und mehrfach kann man an bestimmten Punkten auf größeren Tafeln den Wegeverlauf, den aktuellen Standpunkt, die Höhenunterschiede nachlesen. Als Einstieg in die Tour bietet sich zum einen der auf einer Höhe gelegene Luftkurort Espenschied an. Hier startet man am Parkplatz am Ortsrand. Oder man beginnt die Strecke am Wanderparkplatz an der Wispertalstraße. Letzteres hat den Vorteil, dass man sich am Ende den noch einmal fordernden, dreieinhalb Kilometer langen Aufstieg nach Espenschied spart. Den hat man dann am Anfang.

Gleich vorweg: Der Wispertalsteig ist keine geeignete Auftakttour für Leute, die sich vom Bewegungsmuffel zum flotten Marschierer weiterentwickeln wollen. Festes, knöchelschützendes Schuhwerk ist auf jeden Fall angesagt. Von Espenschied geht es zunächst durch Weidelandschaft, ehe man in den Wald einbiegt. Von dieser Hochebene aus kann man bei guter Sicht den Großen Feldberg erblicken. Und von nun an geht’s bergab.

Nach etwa zwei Kilometern erreicht man den sogenannten Saurierfelsen, dessen aus der Erde ragenden Steinplatten tatsächlich an die Rückenbewehrung des Stegosaurus erinnern. Es geht weiter abwärts in dem schönen Bewusstsein, dass man dies auch alles wieder bergauf laufen muss. Durch das Sauerborntal erreicht man den tiefsten Punkt der Tour am ehemaligen Forsthaus Werkerbrunnen. Hier ist eine kleine Rast angesagt, denn ab jetzt fließt beim steilen Aufstieg über 120 Höhenmeter und bei bis zu 22 Prozent Steigung der Schweiß. Auf der Höhe heißt es durchpusten und Flüssigkeit nachfüllen. Dann geht es durch schattige Waldstücke und an offenen Weideflächen vorbei zum schönsten Aussichtspunkt der Tour: Das Plateau Mehrholzer Höhe bietet einen grandiosen Ausblick über das Wispertal bis hin zum Rhein.

Zerstörte Burg und RAD-Lager-Reste

Rund zwei Drittel der Tour sind jetzt geschafft. Von hier aus läuft man überwiegend auf gut ausgebauten Forststraßen ins Tal hinab, wo sich die Wispertalstraße durch das Röhren von Motorrädern bemerkbar macht. Die kurvenreiche Strecke ist bei Bikern sehr beliebt. Bevor man das Tal erreicht, passiert man die sogenannte Lauksblide. Hier soll vermutlich im späten Mittelalter eine Steinschleuder gestanden haben, die mit dazu beitrug, die nahe gelegene Lauksburg zu zerstören.

Auf ein weiteres historisches Zeugnis trifft man, bevor man den Parkplatz an der Laukenmühle erreicht. Mauer- und Treppenreste erinnern an das Reichsarbeitsdienstlager "Gottfried Keller". Dienstverpflichtete waren hier am Bau der Wispertalstraße beteiligt. Den RAD hatten die Nazis 1935 eingeführt. Und kurz vor Schluss noch ein historisches Kuriosum: Als die Alliierten 1919 nach dem Ersten Weltkrieg das Rheinland besetzten, blieb ein schmaler Streifen zur preußischen Provinz Hessen-Nassau - zwischen dem Rheintal bei Lorch und Limburg - unbeachtet.

Aufgrund des verwaltungstechnischen Notstands erklärten sich die Einwohner der Region für selbstständig und gründeten den "Freistaat Flaschenhals", der bis Februar 1923 Bestand hatte und sogar über eine eigene Notwährung verfügte. Marokkanische Hilfstruppen der französischen Armee machten der Selbstständigkeit ein Ende. Die Laukenmühle ist erreicht und lädt zur Rast ein. Wer allerdings in Espenschied gestartet ist, der hat jetzt noch einen satten Anstieg von knapp dreieinhalb Kilometern vor sich: Anfangs begleitet von einem wildromantischen Bachtal, geht es von 240 auf knapp 450 Höhenmeter hinauf - vorbei an Omas Ruh, einem weiteren Aussichtspunkt bei Espenschied. Der gewährt durch zunehmenden Pflanzenwuchs seit Großmutters Zeiten allerdings nur noch einen eingeschränkten Fernblick. Nach gut viereinhalb Stunden Wanderung ist Espenschied erreicht, wo es ebenfalls Einkehrmöglichkeiten gibt.

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